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Integration fängt mit der Sprache an

UMKIRCH. Kinder, Jugendliche und Twens – in den Familien der Spätaussiedler in Umkirch sind die jüngeren Jahrgänge stark vertreten. Die Überalterung, die gerade auch im Hochhaus- und Reihenausviertel im Umkircher Osten längst eingesetzt hat, wird dadurch gebremst. Doch so eng die familiäre und räumliche Verbundenheit unter den sogenannten Russlanddeutschen auch ist, sie besagt noch lange nicht, dass die Lebensumstände de Jugend über eine Kamm zu scheren sind.

Jugendliche in Umkirch haben oft verschiedene kulturelle Wurzeln, die sie beim Zusammentreffen auch voneinander lernen lassen: Die Arthur (15), Manja (16), Sergio (15, von links) und Mirlind (15, stehend). Foto: kati wortelkamp

Daniel Joos ist Diplom-Sozialarbeiter im Jugendzentrum (Juze). Auf der Straße, auf dem Schulhof, im Gespräch mit Eltern versucht er, Kontaktangebote zu vermitteln. Bei den ganz jungen Jahrgängen ist sein Erfolg deutlich am größten.

Zum Beispiel in der Kindergruppe des Juze. In sie kommen mehrere Kinder aus Spätaussiedlerfamilien, Evelyn (6) und Steven (8) etwa, oder der zwölfjährige Benedikt. "Sie sind gut integriert und sehr zugänglich", sagt er. Steven erhielt beim letzten Neujahrsempfang von Bürgermeister Laub eine Auszeichnung für seine Erfolge im Judosport. Auch in der Sportgruppe des Juze, die Joos jeden Sonntag anbietet, gibt es russlanddeutsche Jungs. Zwei besuchen das Gymnasium und beherrschen perfekt Deutsch. "Sie sprechen nur russisch miteinander, wenn ich nichts verstehen soll", sagt er.

Kindergarten "Regenbogen" setzt schon lange auf Sprachförderung

Eine ganz wesentliche Voraussetzung für die Integration ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Der Orientierungsplan des Landes hat die Sprachförderung im Kindergarten ab Herbst gesetzlich verankert. Im Kindergarten "Regenbogen" wird Sprachförderung schon seit sieben oder acht Jahren angeboten, heute gibt es drei Sprachfördergruppen. Ungefähr ein Drittel der Kinder hier sind Russlanddeutsche. Es sind Einzelfälle, wenn ein Kind besondere Schwierigkeiten bereitet, aber dann bedient ein solcher Fall bekannte Klischees: In der Familie herrscht Gewalt, es gibt ein Alkoholproblem und sie entzieht sich dem Kontakt. "Bei einem Kind haben wir Erzieherinnen alle Hände voll zu tun, weil es die zu Hause erlebte Gewalt an die anderen Kinder weitergibt und wir sie vor ihm schützen müssen", sagt Kindergartenleiterin Daniela Glaubitz. Die Eltern würden keine anderen Auswege kennen, bei gleichzeitiger Abschottung gegen außen.

In Umkirch gibt es eine Clique junger Spätaussiedler über 20, von denen viele noch in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurden. Sie sprechen oft schlecht deutsch, bewegen sich unter ihresgleichen und haben kaum Kontakt zu anderen jungen Leuten. "Ich glaube, sie haben das Gefühl, zwangsverpflanzt und ausgegrenzt zu sein. Sie schieben einen Hass und wollen in Ruhe gelassen werden", sagt Daniel Joos. Sie treffen sich meistens in der Hütte oder beim Baumhaus auf dem Spielplatz Heuele und konsumieren reichlich Alkohol. "Ich werde öfters bedroht", erzählt der Sozialarbeiter von seiner heiklen "Streetwork". Dennoch sucht er immer wieder den Kontakt und begegnet den jungen Leuten mit Respekt – seiner Erfahrung nach das wichtigste.

Ein einziges Mal brachte er die jungen Russlanddeutschen dazu, ins Jugendzentrum zu kommen. Aus einem nichtigen Anlass gab es plötzlich Stress mit einem Farbigen und ruckzuck eine heftige Massenschlägerei. Joos musste die Polizei verständigen, die schnell vor Ort war und die Schlägerei beendete. Seitdem sind die älteren russlanddeutschen Jugendlichen nicht mehr ins Juze gekommen.

Nicht nur die Androhung von Gewalt ist belastend für den Sozialarbeiter. Er weiß auch von jungen Mädchen, die Mütter wurden und deren Kinder zwischen Wodkaflaschen aufwachsen.

Das ist aber nur die eine Seite. Die Eltern der Aussiedlerkinder, die regelmäßig ins Jugendzentrum oder in den Verein Schülerhilfe kommen, zeigen sich anders. Meistens sind beide berufstätig und fleißig, ihre Wohnungen sind eingerichtet und blitzen vor Sauberkeit. Einige der Elterngeneration haben sogar akademische Ausbildung. Aber ihre Abschlüsse werden nicht anerkannt, weshalb sie oft niedriger qualifizierte Arbeit übernehmen.

Die Kinder werden strenger erzogen als in einheimischen Familien. "Gewalt ist oft ein normales Erziehungsmittel", sagt Joos. Auch Arthur (15) findet, dass seine Eltern strenger sind, als die seiner Freunde, aber es stört ihn nicht. Er ist seit 12 Jahren in Deutschland und es gefällt ihm sehr gut in Umkirch – im Unterschied zu Freiburg, da sind ihm zu viele Menschen. Er geht gern ins Jugendzen-trum, hat hier Freunde aus allen möglichen Nationalitäten. Was manchmal störe, das sei das Machogehabe mancher türkischer Jungs.

Für Arthur ist es klar: Zu Hause – wo russisch geredet werde – sei eine andere Kultur als draußen. Er bilde sich seine Meinung über die Unterschiede selbst, indem er sie sich genau anschaue. Arthur geht in die Hauptschule in March. Er habe in Umkirch Schwierigkeiten gehabt, meint er. Ein Lehrer habe ihn gleich in die Schublade "Russenmafia" gesteckt, so dass seine Mutter ihn von der Schule genommen habe. Durch Zeitungen austragen verdient er etwas eigenes Geld. Arthur hört gern Rap und HipHop, russischen HipHop.

"Eine vollständige Integration," so glaubt Sozialarbeiter Daniel Joos, "dauert drei Generationen."

Quelle: Badische Zeitung, 20. Mai 2009

 

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