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Zwei Gründe waren es, die die russische Regierung bewogen, ausländische Bauern, besonders auch Deutsche, in ihr Land zu rufen: - einmal galt es, weite, unbebaute Gebiete zu kultivieren und der Landwirtschaft zuzuführen;
- andererseits sollten die deutschen Bauern einen Schutzwall gegen asiatische Völker bilden und den russischen Bauern "als Beispiel dienen".
Als Grundlage für die von den russischen Regierungen gewillte und gelenkte planmäßige Ansiedlung von Ausländern, insbesondere Deutschen, diente das Manifest der Kaiserin Katharina II. vom 22. Juli 1763. In diesem (schon zweitem) Manifest waren die Ansiedlungsbedingungen festgelegt. Die wichtigsten Punkte dieses Manifestes lauten waren:
- freie Religionsübung
- Abgaben zahlen erst nach 10 Jahren und keine gewöhnlichen oder außerordentlichen Dienste leisten
- vom Militärdienst "während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts" befreit
- die angewiesenen Ländereien waren "zum unantastbaren und erblichen Besitz auf ewige Zeiten gegeben", aber nur als Gemeingut einer jeder Kolonie
- den Kolonisten war es gestattet Grundstücke zu kaufen
Das Hauptauswanderungsgebiet war Südwest- und Süddeutschland: Württemberg, Baden, Pfalz, Elsas, Rheinhessen, Bayrisch-Schwaben. In den Jahren 1763 - 1768 wanderten rund 8.000 Familien mit 27.000 Seelen ins Wolgagebiet ein. Um Petersburg siedelten die Deutschen fast gleichzeitig mit den Wolgadeutschen. In den Jahren 1789 - 1848 haben die Deutsche im Schwarzmeergebiet Ansiedlungen angeschafft. Von den insgesamt 1,7 Mill. Deutschen (1,43% der Gesamtbevölkerung Russlands) waren sie nach Konfessionen: - evangelisch (1,1 Mill. = 65%)
- katholisch (400.000 Katholiken = 24%)
- mennonitisch (120.000 = 7% - 8%)
- baptistisch (30.000 = 1,8%)
Ferner gab es deutsche Siedlungen im Kaukasus sowie auf der Krim. Die bei der Ansiedlung gegründeten Dörfer waren bald übervölkert. Wollte man nicht in die Städte abwandern und andere Berufe ergreifen, und das wollte man nicht, dann blieb nur der Ausweg Land zu kaufen und neue Dörfer zu gründen. So wurden immer neue Ländereien angekauft und neue Tochterkolonien noch bis in die Bolschewistenzeit hinein gegründet. Zu den rund 300 Mutterkolonien kamen etwa 3.000 Tochterkolonien, so dass es im Jahre 1940 in der Sowjetunion rund 3 300 deutsche Dörfer gab. Von ca. 100.000 Einwanderern wuchs die Zahl der Deutschen in Russland auf 1,790 Millionen Einwohner im Jahre Die Zahl der Deutschen im Jahre 1926 war 1,2 Mill., im Jahre 1939 – 1,6 Mill. Menschen, 1959 waren es 1,62 Mill. und im Jahre 1989 – 2,011 Mill. Die meisten Einwanderer seit 1764 waren Handwerker oder Bauer. In Russland haben sie sich mit Ackerbau, Viehzucht, Weinbau und Seidenzucht beschäftigt. Wirtschaftlich hatten es die Siedler sehr schwer. Mit viel Fleiß und landwirtschaftlichem können begann man das zur Ansiedlung angewiesene Land urbar zu machen. Man hatte sich bald an die neuen Verhältnisse angepasst und die fast unlösbare Aufgabe bewältigt. In erster Linie wurde Weizen, Gerste, Hafer, Mais angebaut. In Bessarabien, Krim und vor allem im Südkaukasus spielte der Weinbau eine große Rolle. Die Deutsche waren es auch, die eine Rindrasse ("deutsche rote Kuh") züchteten, die überall bekannt und begehrt war. Einige Häfen, vor allem Odessa am Schwarzen und am Asowschen Meer Berdjansk wurden zu wichtigen Ausfuhrstädten für Getreide, das zum großen Teil deutsche Bauern anlieferten. Fleiß, Kinderreichtum, Sparsamkeit, landwirtschaftliches Können – all das hatte zur Folge, daß bald ein ungeheurer Aufschwung einsetzte, neue Siedlungen gegründet und neues Land käuflich erworben wurden. Der deutsche Landbesitz war für das Jahr 1914 von rund 9,5 Mill. Hektar, so Dr. K. Stumpp (13,4 Mill. Hektar so die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland), das sind 1,6 Mill. Hektar mehr als die BRD (bis 1992) Ackerland hat und nur 1,9 Mill. Hektar weniger als Deutschland im Jahre 1937 an Getreideanbaufläche hatte. Der deutsche Landbesitz in Russland war prozentual zum vorhandenen Ackerland viel höher als der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1922 wurde von russischen Behörden eine deutsche Siedlung so eingeschätzt: "Ihre Wohnungen, die Siedlungen für das Vieh und überhaupt ihr Kulturniveau ist das Ideal für die Bauernwirtschaft des Wolgagebietes und des ganzen Südostens (...). Sie haben die ihnen gestellte Aufgabe, dem Bauernstand als Muster zu dienen, erfüllt." (Sjurjukin, 1922). Auch im Bereich Industrie waren die Kolonisten ein Vorbild. Der deutsche Anteil an der Landmaschinenproduktion des Schwarzmeergebietes betrug 1911 25%, was außergewöhnlich ist, wenn man bedenkt, dass die Deutschen in dieser Region nur 3,5% der Bevölkerung stellten. Am Anfang des 20. Jahrhundert war die Saratower Bürgerschaft von 13% Deutsche. Diese verfügten über Immobilien oder waren im öffentlichen Dienst der Stadt oder des Gouvernements beschäftigt. Die Deutschen kamen in allen ständischen Kategorien ungefähr in gleichen Proportionen vor – beim Adel, in dem Kaufmannsche, unter den Bürgern, den Handwerkern, im Militär und unter den Raznocincy. In hohem Maße waren Saratower Deutsche im kaufmännischen Milieu, in den Handels- und Industriekreisen vertreten. Der größte Teil der Mehlproduktion des Wolgagebietes kam aus deutschen Kolonien. Die Gebrüder Schmidt waren die berühmtesten Müller Saratows und des ganzen unteren und mittleren Wolgagebiets. Eine allgemeine Verbreitung aber erlangte die Mühlenindustrie. In jeder größeren deutschen Siedlung gab es eine oder mehrere Mühlen. In einigen deutschen Orten entstanden Großmühlen, die weite Gebiete und vor allem die Großstädte mit Mehl versorgten. Zahlreiche Ziegeleien lieferten das notwendige Baumaterial. Volkstum, Kirche und Schule waren bei den Deutschen in Russland eng miteinander verbunden. Die höchste evangelische kirchliche Behörde war das Generalkonsistorium mit dem Sitz in Petersburg. Ihm unterstanden acht Konsistorialbezirke, die ihrerseits in Probstbezirke eingeteilt waren, denen die einzelnen Gemeinden unterstanden. Die Kirche war immer gut besucht. Kirchliche Festtage und Lieder sowie die christliche Sittenlehre gaben bei allen Konfessionen dem kirchlichen und kulturellen Leben das Gepräge. Die Kirche benutzte ihren ganzen Einfluss, um das Leben, die Sitten und Gebräuche in den Gemeinden deutsch zu erhalten. Kein Kind wurde zum Konfirmationsunterricht zugelassen, das nicht deutsch lesen und schreiben konnte. So hatten die Pfarrer und ihre Vertreter nicht nur die Aufsicht über den Religions- sondern auch über den Deutschunterricht. Bis zur Aufhebung der Selbstverwaltung (1871) waren die Schulen in den deutschen Gemeinden praktisch Kirchenschulen. Auch die Katholische Kirche wurde in Russland ab der Kolonistenzeit freigegeben. Die Kolonien an der Wolga und am Schwarzmeergebiet waren von Anfang der Ansiedlung streng konfessionell getrennt von einander. Verwaltung Am Jahre 1763 wurde die Vormundschaftskanzlei für alle Ausländer eingerichtet unter Leitung von Graf Orloff. Die sollte sich über dem Empfang und über die Absendung der Einwanderer kümmern. Aber diese Aktion brauchte extra eine Verwaltungsinstitution. Unter dieser Bedingung entstand seit 1766 ein Fürsorgekontor in Saratow. Es unterstand der Vormundschaftskanzlei in St. Petersburg. Im Jahre 1800 wurde zur Verwaltung der ausländischen Kolonien Neurusslands (das Gebiet der Gouvernements Jekaterinoslav, Taurien und Cherson) das Fürsorgekontor für ausländische Ansiedler Neurusslands eingerichtet. Das Fürsorgekontor unterstand der Expedition für Staatswirtschaft, Ausländervormundschaft und Landwirtschaft, die ab 1801 zum Innenministerium gehörte. Zur Verwaltung der Kolonien vor Ort waren Inspektoren eingesetzt, die zum Fürsorgekontor gehören, außerdem gab es Bezirks- und Gemeindeämter (sel'skij prikaz), an deren Spitze die Schulzen und Beisitzer standen, die von den Kolonisten gewählt und vom Kontor bestätigt wurden. Diese Ämter kümmerten sich um den Zustand der Höfe der Kolonisten und die Ordnung in den Kolonien, sie schickten dem Kontor Berichte über den Zustand der Kolonien, achteten auf die ordnungsgemäße Vergabe der Kronsdarlehen, trieben die Steuern und Abgaben ein und schickten diese an das Rentamt (kaznacejstvo), befassten sich mit kleineren Rechtsstreitigkeiten und Klagen der Kolonisten. Im Jahre 1809 wurde die Odessaer Filiale für die Ansiedlung ausländischer Kolonisten und seit 1815 Kanzlei der Odessaer Filiale des Fürsorgekontors eingerichtet. Die Entstehung der Kanzlei ist im Zusammenhang mit der großen Zahl von Siedlern zu sehen, die 1803 im Raum Odessa ankamen. Die Amtssprache war Deutsch. Der Abbau der Privilegien der Russlanddeutschen Die Reform der Verwaltung von 1871 hob die Selbstverwaltungsrechte auf und gliederte die deutschen Kolonien in die allgemeine russische Administration ein, entsprechend wurde die deutsche Amtssprache durch die russische ersetzt. Drei Jahre später (1874) folgte die Ausdehnung der Militärpflicht. Dieser Schlag traf die deutschen Siedler hart, die Mennoniten an einem zentralen Punkt ihres religiösen Gewissens. Es blieb ihnen und vielen anderen nichts übrig, als Russland zu verlassen. Eine schlagartige, wenn auch nicht überraschende Wende trat mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ein. Wer jetzt noch in der Öffentlichkeit deutsch sprach, riskiert bestraft zu werden. Deutsche Soldaten und Beamten sahen sich als eine Art Fünfte Kolonne verdächtigt. Das sogenannte Liquidationsgesetz von 1915 sah die Entfernung der deutschen Bevölkerung aus dem westlichen Grenzgebiet auf eine Tiefe von 10 km vor, später wurde es zu einer Art Deportationsgesetz für alle im europäischen Russland lebenden Deutschen erweitert. Am härtesten wurden davon die 200.000 Wolhyniendeutschen getroffen, die man daraufhin sofort enteignete und vertrieb. Viele dieser Zwangsmaßnahmen waren von Pogromen gegen die Deutschen begleitet, in etlichen Städten kam es zu Zerstörungen und Plünderungen deutscher Geschäfte und Wohnungen. Die nationalistische Verhetzung ließ die Situation der Deutschen in Russland zum ersten Mal als wirklich gefährlich erscheinen. |