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Unter diesen Umständen bedeuteten die Februarrevolution 1917 und die Garantien der Bürgerrechte durch die Provisorische Regierung für viele Deutsche zunächst einmal die Rettung vor Gefahr an Leib und Leben. Ende Oktober 1917 wurde die Macht von den Bolschewisten erobert. Am 19. Oktober 1918 setzte Lenin seine Unterschrift unter das Dekret über die Errichtung der "Arbeitskommune der Deutschen des Wolgagebiets". Anfang 1924 wurde, Die Republik der Wolgadeutschen mit der Hauptstadt Engels (früher Pokrowsk) gegründet. In der Ukraine wurden im folgenden Jahr aus den deutschen Kolonien fünf Landkreise (Rayons) gebildet, bis 1931 kamen drei hinzu. Innerhalb der Sowjetunion entstanden seit der zwanziger Jahre im Kaukasusgebiet, in Sibirien (vor allem im Altaigebiet) und auf der Krim je ein deutscher Kreis. Außerdem wurden in verschiedenen Regionen des sowjetischen Territoriums in den ganzen 550 deutschen Dörfern mit nationalen Sowjets gezählt, so Hans Hecker (Köln, 1994).
Seit sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts hing die Behandlung der Russlandsdeutschen immer wieder von den staatlichen Beziehungen zwischen beiden Mächten, Russland und Deutschland, ab. Solange das außenpolitische Verhältnis intakt oder gar auf Freundschaft gestimmt war, ging es den Deutschen in Sowjetrussland unter den gegebenen Umständen gut. Sie konnten sogar nach dem Vertrag von Rappalo 1922 an die sowjetische Handelsmission in Berlin einen eigenen Vertreter entsenden, der ihre wirtschaftlichen und finanziellen Verbindungen ins Ausland, vor allem auch Hilfeleistungen seitens ausgewanderten Russlanddeutschen, betreute. Was die gesamte politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung anging, so teilten die Deutschen das Schicksal der anderen Völker der Sowjetunion. Die Schrecken und Verwüstungen des bis 1921 tobenden Bürgerkrieges machten selbstverständlich vor deutsch besiedelten Gebieten nicht halt. In der Ukraine etwa zogen die Fronten des Bürger- und Interventionskrieges immer wieder über große Landstriche hinweg, und zwischendurch tobten sich anarchistische Terrortrupps aus. Der Kriegskommunismus, die anfängliche Phase wirtschaftlicher Zwangspolitik der bolschewistischen Führung, mit seinen ersten Großaktionen zur Kollektivierung der Landwirtschaft und mit seinen Missernten rief auf dem Lande Hungerkatastrophen von so gewaltigen Ausmaßen hervor, dass vom Ausland her Hilfsmaßnahmen in Gang gesetzt wurden. Die deutschen Bauern, die sich – wie die anderen – gegen die zwangsweise Requirierung von Vieh und Getreide durch die bolschewistischen Kommissare gewehrt hatten, mussten ebenfalls grausame Zwangs- und Strafmaßnahmen erleiden, Zwar verschaffte die 1921 verkündete Neue Ökonomische Politik (NEP) für ein paar Jahre eine gewisse Erleichterung, indem sie privatwirtschaftlicher Initiative Chancen bot. Das Russlanddeutschtum vor, während und nach dem II. Weltkrieg Eine weitere Welle der Drangsalierung brachten (ab 1929) die Stalinsche Politik der Fünfjahrpläne und die Kollektivierung der Landwirtschaft. Von den 14.000 , die ihrem Schicksal durch Emigration zu entgehen versuchten, bekam nicht einmal die Hälfte die Genehmigung fortzugehen; die meisten trafen Verfolgung und schwere Strafen. Rund 50.000 deutsche Kulaken wurden deportiert. Noch härter wurden die Deutschen durch die "stalinschen Säuberungsaktionen" zwischen 1934 und 1939 betroffen. In manchen Ortschaften wurde mehr als die Hälfte aller deutschen Männer verhaftet. In ganz seltenen Fällen ist jemand von ihnen zurückgekehrt. Nach 1938 wurde in der Schulpolitik ein gravierender Umschwung vollzogen: Russisch und Ukrainisch als Staatssprache wurden Pflicht, Deutsch hingegen war verboten als Unterrichtssprache und wurden meist nur in zwei Wochenstunden unterrichtet. In den deutschen Dörfern war es im Alltagsleben nicht verboten deutsch zu sprechen. Aber viele beherrschten ab jetzt nicht die fremde russische Sprache, die Nachkommen aber nicht oder schlecht die deutsche Sprache. Der zweite Weltkrieg hat allen Völkern Europas unsägliches Elend gebracht. Einen besonders hohen Preis haben die Deutschen in der UdSSR zahlen müssen. Von August 1941 bis Januar 1942 waren 894.626 (so Peter Rempel) Angehörigen der deutschen Minderheit aus dem europäischen Teil des Landes nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien deportiert. Anschließend wurden die noch verbliebenen Männer, später auch die Frauen (außer Mütter von 1 bis 3-jährigen Kinder) in die sogenannte Arbeitsarmee eingezogen. Die Anzahl der Deutschen in der Arbeitsarmee in den Jahren 1942 - 1945 ist über 315.000 Menschen. Das war 9% von der Gesamtzahl der Zwangsarbeiter, die den NKWD (Innenministerium) unterstellt waren, so Hermann A. A. und Kurotschkin. Die Verhältnisse, unter denen sie arbeiten mussten, waren wie in einem Gefangenenlager mit strenger Bewachung, Schwerarbeit und psychischem Druck von Seiten der Vorgesetzten. Die Deutschen in der Sowjetunion hatten praktisch seit Beginn des II. Weltkrieges an den Orten der Deportation, in den Lagern, aber auch in den schon früher bestehenden Siedlungen des asiatischen Teiles der Sowjetunion, nicht das Recht, ihren Wohnort zu verlassen. Von 1947 bis Sommer 1956 durften sie nicht die Grenzen ihres Kreises überschreiten. Für die Verletzung dieses Erlasses gab es bis zu 20 Jahre Zuchthaus. Laut Erlass des Obersten Sowjets waren die Deutschen "auf ewige Zeiten verbannt und der Sonderkommandantur unterstellt". Nach Stalins Tod, dem Besuch Adenauers in Moskau und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und Bonn erließ der Oberste Sowjet der UdSSR am 13. Dezember 1955 das Dekret "Über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und ihrer Familienangehörigen, die sich in den Sondersiedlungen befinden". Die Kommandantur wurde abgeschafft, aber das Verbot, in die früheren Wohnorte zurückzukehren sowie Ansprüche auf reguliertes Vermögen zu erheben, blieb. Durch dieses Dekret wurden die Deutschen zwar nicht vollständig rehabilitiert, aber sie konnten jetzt ihre Verwandten und Bekannten aufsuchen. Viele zogen aus den kalten Regionen Sibiriens und des hohen Nordens in wärmere Gegenden Mittelasiens und Kasachstans. Es gab wieder einige deutsche Zeitungen (1957 "Neues Leben" in Moskau, "Rote Fahne" 1955 im Altai). 1960 erschien der erste Sammelband deutscher Autoren, Gläubige knüpften erste Kontakte zu Glaubensbrüdern im Ausland. Am 29. August 1964 verabschiedete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Beschluss "Über die Abänderung des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 über die Umsiedlung der Wolgadeutschen". Dieser Beschluss nahm von den Russlanddeutschen den Makel des Verrats. Ihnen wurden aber nicht die Rückkehr in die alten Wohnorte mit Wiederherstellung der Autonomen Wolgadeutschen Republik sowie der deutschen Rayons mit gemischter Bevölkerung und anderer Bildungs- und kulturellen Einrichtungen genehmigt. Die großen Bevölkerungsverschiebungen, die Deportationen und auch die Binnenwanderungen nach 1954 veränderten sowohl die Wohngebiete als auch die Sozialstruktur. Diese Verschiebungen brachten nicht nur eine Veränderung der Lebensbedingungen mit sich wie etwa eine neue ethnische, sprachliche und kulturelle Umgebung, die ein hohes Maß an Anpassung und Selbstbehauptung erforderte. Die wirtschaftlichen Tätigkeiten änderten sich und als Folge davon die sozialen und kulturellen Bindungen und Orientierungen. So kletterte der Anteil der Stadtbewohner in den Jahren 1947-1957 von 15% auf 50 . Der Anteil der qualifizierten Arbeiter in Industrie und Bergbau, der Ingenieure und Techniker, der Mediziner wie überhaupt der akademischen Berufe stieg steil an. Hand in Hand damit ging jedoch auch ein fortschreitender Verlust an nationaler und kultureller Identität vonstatten. Von den rund zwei Millionen Deutschen (1989) die sich bei der Volkszählung als solche eintragen ließen, gaben nur noch 48,7% Deutsch als Muttersprache an. 1926 waren es 94,9%, 1939 – 88,4% und 1979 noch 57,0%. |