Museumsverein

Der im Februar 2002 gegründete Museumsverein übernimmt die Trägerfunktion des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte, die bislang vom Christlichen Schulverein Lippe e.V. ausgeübt wurde...

mehr
 
Jakob Wedel

Jakob Wedel ist in Bergthal, Kirgisien, 1931 als drittes Kind in einer deutschen Bauernfamilie geboren. Unter seine Verwandtschaft gab es viele begabte Schnitzer, Tischler, Musiker. Aber sein Weg zur Kunst war nicht einfach. In den 30-er Jahren waren sieben seiner nahen Verwandten von den stalinistischen Machthabern von der Familie weggerissen, inhaftiert und erschossen. Zum Glück lebte die Familie Wedel in einem Ort, aus dem man die Einwohner 1941 nicht deportierte. 1942 wurden seine Vater und Mutter in die Trudarmee mobilisiert und fünf Kinder, zwischen 4 und 14 Jahren, darunter auch Jakob, blieben allein. Der Vater ist niemals zurückgekommen, die Mutter überlebte und kam nach fünf Jahren zurück zur Familie.

Jakob hat alle diese Jahre als Bauer und Zimmermann hart arbeiten müssen, aber seine Leidenschaft zum Schnitzen nicht aufgegeben. Durch viele Schwierigkeiten hindurch erreichte er als 32jähriger die Möglichkeit, die Bildhauerkunst in Frunse zu studieren. Seine Meisterschaft hatte er dem kirgisischen und deutschen Volk gewidmet und ist dadurch in Russland, Kirgisien auch international beliebt und bekannt geworden.

Seit 1988 ist er in Deutschland und hatte mit seinen neuen Werken schon ein breites Publikum auf seine Kunst aufmerksam gemacht. Er lebt zur Zeit in Schieder / Lippe und sein Atelier hat er in Schwalenberg (alles Lippe, NRW).

„Ich lebe mit der Überzeugung die Aufgabe von Gott bekommen zu haben die Vergangenheit, Gegenwart, vielleicht auch Zukunft in meinen Werken für die Geschichte unseres deutschen Volkes - darzustellen“ - so Jakob Wedel.

„Das Ringen um Freiheit“. Jakob Wedel. Holz, 1988

Das deutsche Volk in der ehemaligen UdSSR befand sich über viele Jahre unter sehr starkem politischen Druck. Verfolgung, Folter und Diskriminierung schlossen sich zu einem feurigen Kreis des Leidens. Trotz harter Repressalien hielten sich die Russlanddeutschen an ihren Glauben und ihren christlichen Wertvorstellungen fest. Das mitgebrachte Erbe wurde von Generationen wie eine jungfräuliche Schönheit gewahrt und unter schwierigsten Bedienungen nicht aufgegeben.
Der lebendige glaube an die Allmacht Gottes gab dem deutschen Volk immer wieder neue Kraft und Hoffnung, daß der geschlossene Kreis der Unterdrückung irgendwann durchbrochen wird. Das Gebet und flehen wurde von Gott erhört.

Die Deutschen dürfen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Voller Freude wird die Fahne der Freiheit in Richtung Westen hoch gehalten. Der feurige Kreis ist durchgebrochen.

„Otto Hertel“. Büste von Jakob Wedel, Bronze, 1990

Nur wenige, unter Millionen, zum Tode verurteilte Deutsche in der Sowjetunion, überlebten die Schrecken des Todes. Und schon nur Einzelnen gelang es, durch beständig erforderliche für unsere Gesellschaft Tätigkeiten, bis in die Gegenwart, ihre seelische und physische Kraft zu bewahren. Unter denen war auch Otto Hertel (1919-1999) - Gründer des Museums und Initiator der August-Hermann-Francke-Schule in Lippe. Seine Büste hat Jakob Wedel 1990 angefertigt und Otto Hertel einen Bronzeabguß von seine Büste geschenkt.

Porträt von Fritz Müller (der seelisch und physisch gebrochene). Jakob Wedel. Zeichnung auf Papier. 1968

Dieser Porträt erzählt auch Geschichte der Russlanddeutschen aus der Zeit Stalins Tyrannei. Die Männer wurden ab 1929 verhaftet und in KZ für Arbeit eingestellt. Sie wurden von dem Geheimdienst verhaftet und verurteilt. Bis Stalins Tod sind über 3,5 Mil. repressiert worden. Die Mehrheit kam nie wieder zurück. Aber die den Tod auch entronen waren die kamen still und gebrochen nach Hause und da war das Leben auch nicht leicht. Jeder stellte ihn unter Verdacht irgendwas falsch gemacht zu haben. Es herrschten die Angst und Verzweifel im Lande.

„Die Mutter“ oder „Die letzte Kraft“. Jakob Wedel. Gips. 1991

"Unseren zu Tode gemarterten Müttern und Schwestern zum Gedenken" - so auf der Plastik. Das Leiden seiner eigenen Mutter hat der russlanddeutsche Künstler Jakob Wedel stellvertretend für das Leiden und Sterben unzähliger deutscher Frauen und Mütter in den Arbeitslagern der Sowjets von 1942 - 1955 in der 1990 geschaffenen ausdrucksvollen Plastik dargestellt und sie ihnen gewidmet. Das von Hunger, Strapazen und Kummer gezeichnete Gesicht, das eher zu einer Greisin als zu einer 30-jährigen zu passen scheint, bringt das ganze Martyrium der Gepeinigten zum Ausdruck.
Die zentnerschwere Last der Steine, die an einem bis zu 16-stündigen Arbeitstag aus dem Steinbruch einer Baustelle herausgeschafft werden müss, kann nur mit der Inanspruchnahme des ganzen zarten Frauenkörpers gehoben und getragen werden. Deshalb hat die Frau einen rohen Tragriemen wie ein Joch um ihren Nacken gelegt, der sich tief in das Genick eingeschnürt hat. Die viel zu weite Arbeitsjacke aus roher Sackleinwand schlottert um den ausgemergelten Körper und treibt schmerzende Wundstellen in die Haut. Schmerzlicher noch sind aber die Sorgen um die zurückgelassenen Kinder, die dem Hunger und der Kälte ausgeliefert sind. Die unter Tränen erstickenden Ausrufe ihrer Kinder klingen in den Ohren: "Mama, Mama verlaß uns nicht!"

Ehemann und Bruder sind schon vor einigen Jahren mit unbekanntem Schicksal verschleppt worden. Wird man sich jemals wiedersehen?...

„O, Gott, erbarme dich!“. Jakob Wedel, Gips, 1999

1942 in der UdSSR. Die dritte Mobilisierung der Deutschen in die Arbeitsfront riß auch die Frauen mit Kinder mit. Diese arme Kinder von vier und acht Jahren alt wollen ihre Mutter nicht gehen lassen. Was nun? Wem überlasse ich meine Kinder? Der Mann ist schon verschollen, weil er früher schon mobilisiert wurde. Die Großeltern der Kinder können auch nicht mehr helfen. In voller Verzweiflung ruft die Frau an Gott! Solche Schicksale haben über 6.436 Frauen erleben müssen.

Oodarisch - ein Brauch von Kirgisen. Jakob Wedel. Holz.

Es war ein sehr alter Brauch bei den Kirgisen während ihren Festen. Die Männer machten in verschiedenen Wettbewerben auf dem Pferde mit und die Ältesten der Gemeinden beurteilten den Sieger und ehrten die besten. ‚Oodarisch‘ bedeutete - „ziehe mich vom Pferd runter“. Wem es gelingt den anderen runterzureißen, der hatte gewonnen.

„Die Brettsäger“. Jakob Wedel, Holz, 1998

„Wenn es eine Sklaverei gibt, dann gehört die Bretter Sägerei dazu“ Durch den 4-Jährigen Krieg Hitlers gegen die Sowjetunion erreichte die Armut in Russland auch in Kirgisien ihren Höhepunkt. Um die kleine zerstreute Häuser irgend wie zu flicken, fehlte überall das Holz. So wurden dann die Bäume in den Wäldern gefällt und mit Pferden und Ochsen hinaus geschleppt. Um das Holz in Baummaterial zu verwandeln, gab es nur eine einzige Möglichkeit mit der Handsäge zu zweit die Stämme in Bretter zu sägen.

„Als mein Bruder sein Gehilfe beim aufwälzen eines großen Stammes verunglückte und nicht mehr arbeiten konnte, sagte mein Bruder zu mir: „Du Kobi bist schon 14 Jahre alt. Mit 14 habe ich auch schon mit Papa Bretter gesägt. - Also los!„

So begann für mich der schwerste Abschnitt meines Lebens, der 10 lange Jahre dauerte... Wenn ich am Anfang gewußt hätte, das diese Sklaverei mir soviel Leiden zufügen wurde, hätte ich mich, wahrscheinlich, gleich an dem selben Gestell - aufgehängt. Ich habe mich in meinem Leben so zu sagen, mit allen möglichen physischen Belastungen befassen müssen, aber nicht eine von denen nimmt die physische und psychische Kräfte so in Anspruch wie das stundenlange, eintönige, mit Schweiß überströmten Körper und kalten Füßen durch den nassen kalten Sägemehl, auf dem man steht, Bretter sägen“ - so der Bildhauer.

„Der barmherzige Samariter“. Jakob Wedel. Gips. 1997

Der barmherzige Samariter ist ein Mann der Praxis. Der braucht nicht lange zu überlegen. Der steigt einfach herunter von seinem Esel und hilft dem Verletzten. Er erkennt die Situation und hilft. Der Samariter weiß: Es hat nicht viel Sinn, über das Unrecht in der Welt zu philosophieren. Was ändert das Nachdenken und Grübeln an dem Leid in der Welt? Nichts. Es hat auch keinen Sinn eine Theorie aufzustellen, mit deren Hilfe das Unrecht und das Leid wieder in das Weltgefüge hineinpaßt. Der Samariter weiß: Wenn es darauf an kommt muß man mit beiden Händen zupacken. Nur dann kann man einen Menschen aus seiner Not helfen.

„Der verbannte Kirgise (Toktogul)“. Jakob Wedel. Holz.

Toktogul Satylganow (1864-1933) war ein berühmter Poet in Kirgisien. Wurde als Ältester/Akyn vom Volk anerkannt und als Gründer der kirgisischer Literatur verehrt. War begabt in Mundpoesie und Musik. Für seine Freiheitslieder wurde er 1898 verhaftet vom Zarenregie und zum Todesurteil bestraft. Entkam den Tod, wurde aber nach Sibirien verbannt, von wo es ihm 1910 gelingt zu fliehen. Später in der UdSSR wurde er als Befreier des kirgisischen Volkes benannt. Die Intention von Jakob Wedel jedoch war, das Leid und die Mißhandlungen am deutschen Volk zum Ausdruck zu bringen. Da dem Künstler selbst die Hände gebunden waren, mußte er die Hülle eines Kirgisen wählen.

„Troika - die rote Bande“. Jakob Wedel. Gips. 1992

In der Periode, die als Stalinismus bezeichnet wird, verloren mehrere Millionen Menschen in der Sowjetunion ihr Leben, saßen in Gefängnissen und verrichteten Zwangsarbeit in Lagern. Seit 1934 überschwemmte das Land eine neue grausame Leidenswelle. Vom Kreml gesteuert zeigte das blutgierige Ungeheuer wieder seine Zähne und forderte neue Opfer. Tausende unschuldige, darunter auch Deutsche wurden ohne Grund als Staatsfeinde erschossen. Um die Vernichtungsmaschine zu beschleunigen, wurde von der Staatssicherheit OGPU die „Troika“ (von russisch - ‚Drei‘) eingeführt. Sollten sich drei Behörden aus dem Geheimdienst über die Schuld des Verdächtigen einig sein, wurde das Opfer erschossen. Ein sicheres Todesurteil.

Der gepflegte, selbstbewußte Abteilungsführer der NKWD sitzt bequem an seinem Arbeitstisch um über die neuen Opfer zu bestimmen. Seine Waffe liegt sorglos auf den Tisch, denn ihm ist bekannt, daß das Opfer kaum noch in der Lage ist Widerstand auszuüben. Seitlich des Tisches, mit einem Fuß auf dem Hocker, steht des Gruppenführers „rechte Hand“. Für die Deutschen hat dieser nur ein paar schreiende Worte übrig: "Unterzeichne deine Schuld, du, faschistischer Hund!“ . In der Ecke steht die Büste von Stalin - der für immer in die Geschichte als sowjetischer Herrscher und Tyrann eingegangen ist. Das Opfer muß zuallerletzt, nach allen grausamen Folterungen, den Anblick seiner geliebten, schwangeren Frau zutiefst gedemütigt, auf den Knien vor den Henkern kriechend ertragen - vielleicht zum letzten mal.

„Der letzte Tropfen“. Jakob Wedel. Holz. 1996

Diese Komposition soll eine Aufforderung sich mit Vernunft der Natur gegenüber zu verhalten sein, damit der unantastbare Rhythmus der Natur durch die wissenschaftliche Errungenschaften des Menschen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Jeder Tropfen Wasser trägt Lebenskraft in sich. Wenn aber der letzte Tropfen gefallen ist - stirbt alles lebendige auf Erde aus.

Wie in einem Gefäß muß das Wasser geschützt werden, damit es neues Leben in der Form einer Blume produzieren kann. Die Pflanze erzeugen Samen (oben in der Blume) um das Leben in neuer Form weiter zu tragen. Die zahlreiche Ornamente an der Oberfläche des Gefäßes sind ein Produkt der Kultur, die durch die natürliche Lebensentwicklung entstanden sind und die auch darauf hin deuten sollen, daß nur eine Verschönerung im allgemeinen Leben wichtig ist. Nur der ewige Glanz des Wassertropfens kann das Leben für immer erhalten und die volle Verantwortung dafür trägt der Mensch.

„Witzbold“. Jakob Wedel. Holz. 1979

Ein Mädchen spielt mit einem Hund. So friedlich sind die Motive der Alltagsgeschichte von Kinder und Tieren, die miteinander sich verstehen und harmonieren.

„Die 70jährige Bruderschaft“. Jakob Wedel. Holz. 1992

Der Wolf - die Sowjetmacht, der Hase - das Volk.
Der wohlgenährte Wolf wird durch die schamlose Ausbeutung des Volkes immer fetter und dicker. Dem kleinen, armen Hasen muß bewiesen werden, das er ein gleichberechtigter und ehrwürdiger Genosse ist und daß ihn mit dem Wolf eine herzliche Freundschaft verbindet, so trinkt er mit ihm "die Bruderschaft". Der Wolf gönnt sich ein großes, volles Glas Schnaps, der Hase hängt an Ohren gepackt wie ein nasser Waschlappen und schaut ängstlich in den unersättlichen Rachen des Wolfes hinein. Gerne möchte er auch seinen Durst löschen, aber der Arm des Wolfes ist zu dick, aber ist das ja schließlich nicht sein eigenes Problem?

„Der Leidensweg oder der Abschied der deutschen Frauen von ihren Kindern im Herbst 1942“. Jakob Wedel. Gips. 1991

Das Leitmotiv der Plastik gibt die Geschichte der russlanddeutschen Frauen wieder, als sie im November 1942 in der Arbeitsarmee einberufen wurden. Nach dem Befehl vom Verteidigungskomitee der UdSSR sollten alle deutsche Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahre in die Arbeitskolonne einberufen sein, außer diesen, die Kinder jünger als 3. Jahre hatten und schwanger waren. Der Leidensweg von Tausenden Frauen, die sich von ihren Kindern verabschiedeten und auf ungewissen Schicksal überlassen müßten, zeigt der Bildhauer an dem Beispiel von seiner Familie. Seine Mutter wurde im Herbst 1942 nach der Arbeitsarmee verbannt und musste fünf Kinder im Alter von vier bis 14 Jahre alt waren alleine lassen.Im letzten Moment, als die junge grausam vom Schicksal geschlagene Frau schon auf dem Weg der Verbannung gestoßen ist, scheint es, daß die zurück gebliebene Kinder nur jetzt erst ihre hoffnungslose Lage ohne ihre Mutter begreifen. Trotz der harten Winterkälte und des eisigen Windes läuft das 5-jährige Töchterchen barfuß nur in einem Hemdchen zur Mutter und fleht sie an: "Mama, Mama, verlaß uns nicht... - ohne dich sterben wir..." Der Unsinn des Kampfes gegen den grausamen Schrecken der Wirklichkeit ist den zum Hungertod verurteilten Kinder noch nicht bewußt. In Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung fleht die hilflose Mutter um Gottes erbarmen.

 

Impressum | © Verein für russlanddeutsche Kultur und Volkskunde e.V. Detmold