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Religion in der Sowjetunion

Das Überdauern des Islam unter russischer Herrschaft

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“[1] Karl Marx verfasste diese Zeilen in der Einleitung zu seinem Werk „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ während der Jahreswende von 1843/44. Der Atheismus bildete von Anfang an einen zentralen Bestandteil der kommunistischen Ideologie der Sowjetunion. Marx ist jedoch nicht der Urheber der Opiummetaphorik. Bereits 1840 beschrieb Heinrich Heine, ein entfernter Verwandter von Marx, in einer Denkschrift die Religion als „geistiges Opium“. Zusätzlich war Opium zu Marx' Zeiten ein bedeutendes Thema, insbesondere durch den Sieg des British Empire im Ersten Opiumkrieg von 1839 bis 1842 gegen China.

Die Interpretation von Marx’ Aussage liegt auf der Hand: Ähnlich wie Opium die Ursache von Schmerzen nicht beseitigen kann, ist Religion lediglich ein Trost für die Bevölkerung, der die eigentlichen Ursachen des Leidens nicht angeht. Im Gegenteil: Das Betäuben des Leidens führt nur dazu, dass die zugrunde liegenden Ursachen hingenommen werden. Unter Lenin kam es zu einer bedeutsamen semantischen Veränderung: Das „Opium des Volkes“ wurde zum „Opium für das Volk“. Eine mögliche Interpretation wäre, dass Religion nicht mehr das von der Bevölkerung selbst gewählte Gift, sondern ein verabreichtes ist.

Die Bolschewiki verloren nach der Oktoberrevolution von 1917 keine Zeit und starteten ihre antireligiösen Kampagnen. Am 20. Januar 1918 erließ Lenin das Dekret „Über die Gewissensfreiheit, die kirchlichen und religiösen Vereinigungen“. Dieses Dekret entfernte religiöse Zeremonien aus staatlichen Prozeduren, und religiöse Institutionen mussten alle Angelegenheiten, die die Lehre betrafen, an das Kommissariat für Bildung übertragen. Obwohl die orthodoxe Kirche als größte religiöse Organisation der Sowjetunion das Hauptziel der antireligiösen Offensive darstellte, betrafen die Regelungen sämtliche Religionen in der Sowjetunion.[2]

Zentralasien war neben der Wolgaregion, dem Kaukasus und der Krim eine muslimisch geprägte Region des späten Zarenreichs. Nach der Oktoberrevolution bemühten sich die Bolschewiki um die territoriale Restauration unter neuer Ideologie. Sie begannen, die Region neu aufzuteilen und zu administrieren, um ihre Kontrolle zu festigen und ihre sozialistische Ideologie zu verbreiten. Diese Neuordnung zielte darauf ab, die Macht der Bolschewiki in diesen strategisch wichtigen Gebieten zu sichern und zu konsolidieren. Im Jahr 1922 teilte Moskau Zentralasien in vier Sowjetrepubliken auf: Die Autonome Republik Kirgisien, Autonome Republik Turkestan, Sozialistische Republik Buchara und Sozialistische Republik Khoresmien. Kirgisistan ist relativ unverändert geblieben und bildet heute Kasachstan. Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Turkestan spaltete sich auf und formte die heutigen Staaten Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Khoresmien wurde unter Usbekistan, der Autonomen Republik Krakalpakistan und Turkmenistan aufgeteilt. Ebenso verteilt sich die Volksrepublik Bukhara auf diese Länder sowie auf Kirgisistan.[3]

Abb. 1: Übersicht über die zentralasiatischen Sowjetrepubliken im Jahr 1922.

Als Konservative und Dschadidisten, die sich als Modernisierer verstanden, wurden vor 1917 zwei vorherrschende intellektuelle Strömungen unter den Muslimen Zentralasiens bezeichnet. Unter dem Einfluss der Erneuerungsbewegungen im Osmanischen Reich, angestoßen durch das Jungtürkentum, breitete sich die Reformbewegung auch im Russischen Reich aus und erreichte über die Krim und Kasan Zentralasien. Im Wesentlichen strebten die Vordenker dieser Bewegung, insbesondere Ismail Gasprinski (İsmail Gaspıralı), eine Synthese aus europäischer Bildung und islamischen Traditionen an. Auf den ersten Blick hatten die Bolschewiki und die Dschadidisten durchaus gemeinsame Ziele: Die Einführung moderner Schulen und die Verbesserung der Lebensumstände von Frauen standen auf ihrer Agenda. Beide Parteien planten religiöse Reformen, doch während die Dschadidisten Modernisierung anstrebten, verfolgten die Bolschewiki eher eine Verdrängung der Religion, was zu einer grundlegenden ideologischen Inkongruenz führte.

Die dschadidistischen Motivationen waren national geprägt, während die bolschewistischen Motive auf klassentheoretischem Gedankengut basierten. Die Bolschewiki tolerierten die Dschadidisten zunächst, um Einfluss in der muslimischen Bevölkerung zu gewinnen, aber dieser Kompromiss war lediglich auf die Machtlosigkeit der Bolschewiki zurückzuführen und keineswegs als dauerhafte Lösung gedacht. Die Dschadidisten strebten eine Modernisierung ihres Glaubens an, was für die Bolschewiki jedoch bei weitem nicht ausreichte, da Religion in ihren Plänen keinen Platz hatte.

In den folgenden Jahrzehnten nahmen die Angriffe auf den islamischen Glauben viele Formen an, wobei antireligiöse Propaganda eine zentrale Rolle spielte. Ab 1928 erschien in der Sowjetunion die Zeitschrift „Der Gottlose“ (Bezbožnik), deren Hauptargument die Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft war. Die islamischen Denkweisen verloren somit argumentative Kraft im Wettstreit der Ideologien.[4]

Abb. 2: Ausgabe des "Bezbožnik" (Der Gottlose), die sich gegen den muslimischen Glauben richtet, 1924. 

Abb. 3: Ausgabe des "Bezbožnik" (Der Gottlose), die sich allgemein gegen Religionen richtet, 1923.

Die Bolschewiki sahen die gezwungene Toleranz gegenüber den Dschadidisten ab 1926 nicht mehr als notwendig an und gingen stattdessen hart gegen islamische Institutionen vor. Zwischen 1927 und 1929 wurden zahlreiche Moscheen geschlossen und zerstört.

Die Auswirkungen des sowjetischen Angriffs auf den Islam manifestierten sich zunächst in der Beschränkung und Vereinheitlichung religiöser Praktiken auf lokale Kontexte. Aufgrund der Schließung muslimischer Bildungseinrichtungen wurden Familien zum einzigen Ort für die Weitergabe des Glaubens. Das Publikationsverbot religiöser Schriften und die Zerstörung mündlicher Überlieferungsketten führten zu erheblichen Einschränkungen im verfügbaren religiösen Kanon. Dadurch kam es zu einer spürbaren Homogenisierung des Islam, da Unterschiede in Ansätzen und Interpretationen beseitigt wurden. Viele Träger der gelehrten Tradition zogen sich in den Untergrund zurück. Die Modernisierung des zentralasiatischen Islam wurde gestoppt, und es kam zu einer Rückkehr zu den Praktiken der vorrevolutionären Zeit, wobei der Islam erneut mit lokalen Bräuchen und Traditionen verschmolz.

Eine weitere Folge war die De-Islamisierung der öffentlichen Diskurse. Unter der Sowjetregierung konnte keine öffentliche Position mehr auf den Islam und seine moralischen oder ethischen Werte gestützt werden. Die offizielle Rhetorik der Bolschewiki rahmte den Fortschritt ausschließlich in nichtreligiösen Begriffen ein, wobei Religion bestenfalls als menschliche Konstruktion betrachtet wurde, die mit einer bestimmten Entwicklungsstufe der Gesellschaft korrespondierte. Die Verdrängung des Islam aus dem öffentlichen Raum war somit erfolgreich und erfolgte über die offiziellen Sozialisierungskanäle, insbesondere das Schulsystem und die Armee, die tief in die Gesellschaft eindrangen. Trotzdem überlebte die islamische Praxis, fand jedoch nun in einer Umgebung statt, die allen Religionen feindlich gesinnt war. Dies führte dazu, dass der Glaube diskret praktiziert wurde.[5]

Abb. 4: "Wir sind für den Frieden" - Sowjetischer Alltag im Puschkin-Park in Taschkent, 1964. Fotografiert von Thomas T. Hammond.

Abb. 5: "Es lebe die Sowjetunion" - Sowjetischer Alltag, 1964. Fotografiert von Thomas T. Hammond an einem unbekannten Ort in Usbekistan.

Während der Perestrojka unter Michail Gorbatschow erlebte die Sowjetunion eine Renaissance der Religion. Die Politik der Glasnost ermöglichte eine Suche nach moralischen und spirituellen Werten, die nun als durch den Kommunismus zerstört betrachtet wurden. Ein bedeutender Aspekt dieser Zeit war die Wiederentdeckung nationaler Erinnerungen durch die Hinwendung zur Religion. Viele Menschen, egal ob Parteikader oder einfache Bürger, fanden wieder Zugang zur Religion in ihren verschiedenen Formen. So gewann der durch amerikanische Missionare vertretene Protestantismus, aber auch andere Formen der Spiritualität, wie die Hare Krishna Bewegung, an Einfluss. Die Wiederbelebung des Islam in Zentralasien verlief zunächst zurückhaltend. Aus den Überbleibseln der während der religiösen Unterdrückung der Sowjetunion geheim gewahrten Traditionen entwickelten sich neue, durch den Islam legitimierte Identitäten. Moscheen wurden wieder aufgebaut, das öffentliche Gebet kehrte zurück, und es wurde wieder möglich, Pilgerfahrten nach Mekka zu tätigen. Zahlreiche Moscheen wurden neu geweiht oder reaktiviert, religiöse Bildung wurde wieder etabliert. Dennoch prägte das ideologische Korsett der Sowjetunion die zentralasiatischen Staaten nach 1991.

Deren Regierungen gewährten zwar einerseits die Rückkehr zum Islam, versuchten jedoch auch auf unterschiedliche Weise Kontrolle über diesen zu behalten. Hier spielen Reste sowjetischer Ideologie und die Konfrontation mit extremistischen Erscheinungen eine große Rolle. So herrschte in vielen der zentralasiatischen Staaten ein Bild von „gutem und schlechtem“ Islam. Die Bevölkerung in den zentralasiatischen Staaten hat wieder zur Religion zurückgefunden, doch die Regierungen entsprangen einer sowjetischen Vergangenheit. Die neuen Regierungen bleiben zwar säkular und de-islamisiert, jedoch ist die Trennung zwischen Bevölkerung und „Regime“ nicht so klar zu ziehen. Auch große Teile der Bevölkerung tragen das Erbe der sowjetischen Zeit in sich. Ein Beispiel hierfür ist Usbekistan, dessen Regierung einen „Krieg gegen Extremismus“ führt, der die religiöse Kultur des Landes stark prägt. Gleichzeitig bemühen sich die Regierungen dieser Staaten um die Entwicklung eines jeweils nationalstaatlichen Islam. So wurde der Bau von Moscheen und Medresen teilweise staatlich gefördert oder durch die Regierungen initiiert. Trotzdem kann man von einer Wiedergeburt des Islam in den zentralasiatischen Nationen sprechen, da die neuen nationalen Identitäten mit diesem verknüpft sind und die Bevölkerung in der Auslebung von Religion wieder freier ist.[6]

Fußnoten:

[1] Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: Dietz Verlag (Hgg..): Marx Engels Werke, Berlin 1976, S. 378.

[2] Dekret über die Gewissensfreiheit, die kirchlichen und religiösen Vereinigungen [„Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche“], 20. Januar (2. Februar) 1918. URL: https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0010_kir&object=context&st=&l=de. Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.

[3] Mandel, William M.: Soviet Central Asia. In: Pacific Affairs (Hgg.): Pacific Affairs, British Columbia 1942, S. 404.

[4] Khalid: Islam after Communism, S. 69f.

[5] Khalid: Islam after Communism, S. 82f.

[6] Khalid: Islam after Communism, S. 117-133.


(Bild-)Quellenverzeichnis:

Abbildung 1: Karte der zentralasiatischen Sowjetrepubliken, 1922:  URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SovietCentralAsia1922.svg.
Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.

Abbildung 2: Titelseite der "Bezbožnik" aus dem Jahr 1924. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%91%D0%B5%D0%B7%D0%B1%D0%BE%D0%B6%D0%BD%D0%B8%D0%BA_%D1%83_%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD%D0%BA%D0%B0_75.jpg.
Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.

Abbildung 3: Titelseite der "Bezbožnik" aus dem Jahr 1923. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%91%D0%B5%D0%B7%D0%B1%D0%BE%D0%B6%D0%BD%D0%B8%D0%BA_%D1%83_%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD%D0%BA%D0%B0_04.jpg.
Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.


Abbildung 4: Fotografie von Thomas Taylor Hammond während einer Reise in die Sowjetunion in den 1960er Jahren. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Central_Asia_Hammond_Slides_48.jpg. Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.

Abbildung 5: Fotografie von Thomas Taylor Hammond während einer Reise in die Sowjetunion in den 1960er Jahren. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Central_Asia_Hammond_Slides_47.jpg. Zuletzt geöffnet am 12.06.2024.