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Die Sowjetunion und ihr „rotes Palästina“

Was hätte es für das jüdische Volk bedeutet, wenn heute ein zweiter jüdischer Staat an einem völlig anderen Ort existieren würde? Den meisten Deutschen ist unbekannt, dass es eine solche Region bereits seit 90 Jahren gibt – in Sibirien, im fernen Osten Russlands. Seit Tomer Dotan-Dreyfus’ Roman „Birobidschan“ den Deutschen Buchpreis 2023 gewann, ist das Interesse an diesem Landstrich in Deutschland gewachsen. Doch stellt das sogenannte „Jüdische Autonome Gebiet (Oblast)“ mit der Hauptstadt Birobidschan eine Alternative zum zionistischen Israel in Palästina dar?

Der sozialistische Zionismus

Zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert erfuhren die Juden in Europa Vertreibung und Verfolgung. Besonders im Westen des Russischen Zarenreiches, im sogenannten „Ansiedlungsrayon“, litten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter brutalen Pogromen. Das Problem: Nur in diesem Landstreifen, der sich vom Schwarzen Meer bis zum Baltikum erstreckte, gewährte man ihnen ein Wohn- und Arbeitsrecht.[1] Der in Europa grassierende Antisemitismus führte vermehrt zu Überlegungen einer Staatsgründung eigens für Juden. Der Erste Zionistische Weltkongress in Basel von 1897 gilt gemeinhin als Startschuss für den modernen Zionismus, der die konkrete Schaffung eines jüdischen Staates auf dem Boden Palästinas zum Ziel hatte.[2] War die Region Palästina also alternativlos?

Nicht, wenn es nach der Parteiführung der 1922 gegründeten Sowjetunion ging. Die in Westeuropa und Nordamerika vorangetriebene Idee eines Staates Israel im britischen Mandatsgebiet Palästina brandmarkten die Bolschewiki als ein kapitalistisch-imperialistisches Projekt. Eine sozialistische Alternative dazu sollte in der Sowjetunion entstehen. Dieser Sowjet-Zionismus kann auf der Grundlage von zwei politischen Prinzipien erklärt werden.

Erstens wäre da die Schaffung eines jüdischen Staates innerhalb der Sowjetunion Teil der sogenannten „Korenisazija“, der Einwurzelungspolitik. Diese sah vor, allen nicht-russischen Völkern innerhalb der sowjetischen Grenzen eine eigene Region mit Autonomierechten zu gewähren, um ihre Kultur und Sprache zu fördern und diese zur Amtssprache zu erheben, um Minderheiten in den neuen Staat einzubinden. Des Weiteren entsprach dies dem sowjetischen Gegenentwurf zu Woodrow Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, der diesen zumindest eine gewisse Autonomie in Form eines sozialistisch-autonomen Staates innerhalb der Sowjetunion zugestand.[3] So sollte die Sowjetunion das Bild eines multinational getragenen Staates nach außen projizieren.

Zweitens verfolgte die Sowjetunion in den 1920er Jahren das Piemont-Prinzip. Im Falle der Ukraine sollten die in Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei lebenden Ukrainer in der sowjetisch-sozialistischen Ukraine das neue kulturelle Zentrum ihres Volkes sehen. Daher gewährte Moskau einigen Minderheiten einen besonders hohen Grad an Autonomie.[4] Die Ukraine und eben auch der neu geplante, sozialistisch-jüdische Staat sollten über die Landesgrenzen hinausweisende Strahlkraft entfalten und so die sowjetische Ideologie als überlegen präsentieren.

 

Neue Heimat Sibirien

Doch warum kam es gerade an der Grenze zu China zur Gründung der autonomen jüdischen Region? Ursprünglich waren Pläne für die Halbinsel Krim am Schwarzen und Asowschen Meer geschmiedet worden. Allerdings scheiterte das Projekt eines geplanten „Krim-Kalifornien“ vor allem am Widerstand der lokalen Bevölkerung, die um ihr Land und Besitz fürchtete und ihren friedlichen Protesten gewaltsame Übergriffe folgen ließen. Die sowjetischen Machthaber gaben den Protesten und der antisemitischen Stimmung der lokalen Bevölkerung schließlich nach, wodurch ab 1928 viele Siedlungsprojekte auf der Krim vorerst eingestellt wurden.[5] Stattdessen entschied sich die sowjetische Führung für ein dünn besiedeltes Gebiet an der fernöstlichen Peripherie der Union. Hier, am Fluss Amur, nur mit der transsibirischen Eisenbahn erreichbar, sollten die Juden als Bauern siedeln. 1934 wurde die Region offiziell zur jüdisch-autonomen Region erklärt und damit zur neuen Heimat der sowjetischen Juden mit (zunächst) freier Religionsausübung, jiddischer Kultur und Jiddisch als Amtssprache. Man wählte Jiddisch einerseits, da es die Alltagsprache der Mehrheit der europäischen Ostjuden war, und andererseits, um sich vom zionistischen Israel und der traditionellen hebräischen Sprache, dessen Beherrschung u. a. zum Lesen der Tora nötig war, abzusetzen.[6]

Abb. 1: Karte Russlands. Die Jüdische Autonome Region ist an der russisch-chinesischen Grenze verortet. Mit rund 36.000 km² Fläche ist sie in etwa so groß wie Baden-Württemberg.

Die Sowjetunion wollte mit der Besiedlung der Grenzregion auch der potenziellen Gefahr einer chinesischen oder japanischen Übernahme der Region vorbeugen. In der angrenzenden und seit 1932 von Japan besetzten Mandschurei lebten in den 1930er Jahren etwa 30 Millionen Menschen, während Sibirien nur dünn besiedelt war. Zumindest bis in die frühen 1920er Jahre gab es eine stetige Niederlassung von chinesischen Migranten im russischen Grenzgebiet, konzentriert auf die Flüsse Amur und Ussuri, was Moskau als Bedrohung für die sowjetische Souveränität wahrnahm.[7] Infolgedessen plante Moskau, Menschen aus dem Westen der Sowjetunion in dieser Region anzusiedeln.

Allerdings stellten fehlende Infrastruktur, die Isolation und die begrenzten ökonomischen Möglichkeiten die ab 1928 ankommenden Neusiedler vor enorme Herausforderungen. Das raue Klima und die Urbarmachung der Böden waren für unerfahrene Bauernfamilien kaum zu bewältigen.

Abb. 2: Die Fotografie zeigt einige der neuen Siedler während der frühen Phase der Besiedlung der Region.

Der 1936 veröffentlichter Propagandafilm „Seekers of Happiness“, oder auch „Birobidzhan, A Greater Promise“, entfaltet eine eindrucksvoll detaillierte Darstellung der sowjetischen Vision für das jüdische Volk.[8] Die Gebietshauptstadt Birobidschan erscheint darin als sozialistisches Paradies, in dem Juden ein freies und sicheres Leben führen können. Im Zentrum des Films steht eine sich in Birobidschan ansiedelnde jüdische Familie, die auf ihrer Suche nach einem glücklichen Leben eine ganze Reihe von Hürden überwinden muss, darunter das Aufeinandertreffen der jüdischen auf die mehrheitlich russische Kultur, die Ablösung religiöser durch säkulare Institutionen und ihr harter Kampf gegen die Armut durch ihre Transformation zu produktiven Bauern. Gleichwohl erschien der Film nicht in jiddischer, sondern in russischer Sprache, was ein gängiges Mittel darstellte, um wirksam im gesamten Land über die vermeintlich guten Zustände propagandistisch informieren zu können. Es existierte sogar eine Version mit englischen Untertiteln, wahrscheinlich um Hilfsorganisationen aus dem Ausland, vor allem aus den USA, zu Hilfszahlungen für das Birobidschan Siedlungsprojekt zu bewegen.

 

Abb. 3: Das Filmposter des Propagandafilms "Seekers of Happiness. A Greater Promise", 1936.

Kein zweites Palästina

Wie erfolgreich war das Projekt „Rotes Palästina“? Wie autonom und „jüdisch“ war das Gebiet? Stellte es tatsächlich eine sozialistische Alternative für einen jüdischen Staat neben Israel dar?

Schon 1935, ein Jahr nach seiner offiziellen Gründung, wurden Religionsfreiheit und Autonomie eingeschränkt, woraufhin Synagogen und jüdische Geistliche immer wieder zu Zielen staatlicher Repression wurden. Josef Stalin lehnte das Ersuchen zur Migration von zigtausenden von Juden Mitte der 1930er Jahre ab, darunter ein großer Teil deutscher Juden, die aus dem faschistischen Deutschland hatten fliehen wollen.[9] Doch diejenigen, die tatsächlich in die Sowjetunion migrieren konnten, zogen in den wenigsten Fällen nach Birobidschan.[10] Und nicht nur das: Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg sind zahlreiche jüdische Geistliche und Bewohner der Region deportiert oder hingerichtet worden.[11] Während die Kultur weiterhin vom Jiddisch geprägt war, fiel alles Religiöse zum Opfer. 1950 wurde die letzte Synagoge zerstört.[12] Tatsächlich lebten Mitte der 1930er Jahre bloß 32.000 Juden im Jüdischen Autonomen Gebiet – nur etwa jeder fünfte Bewohner war Jude.[13]

Schon mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schwand die Bedeutung Birobidschans als jüdisches Zentrum. Nach dem Krieg emigrierten viele Juden und suchten eine neue Heimat außerhalb der Sowjetunion, ein beliebtes Ziel: Israel. Die letzte Volkszählung von 2010 ergab, dass in der gesamten Region noch etwa 1.600 Juden leben – von insgesamt 176.000 Einwohnern.[14] Das entspricht nicht einmal einem Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Projekt scheiterte demnach, bevor es richtig begonnen hatte. Die Wahl des Ortes ist bemerkenswert; Sie geschah fernab jeglicher Verwurzelung des jüdischen Lebens, jedoch ebenso fern von den antisemitischen Pogromen der Vergangenheit. Maßgeblich für Stalins Entscheidung war wohl eher die  Schaffung einer sozialistischen Alternative zum zionistischen Israel aus ideologischen Gründen und zugleich die Besiedlung des dünn besiedelten Sibiriens aus sicherheitspolitischen Motiven. Dennoch wurde die Region seit ihrem Bestehen weder jüdisch noch autonom.

Fußnoten:

[1] Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden, 6. Auflage, München 2008, S. 80-82.

[2] Keßler, Mario: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung. 1897 bis 1933, Berlin 1990, S. 25-29, im Folgenden als: Keßler: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung.

[3] Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, New York 2001, S. 10-12; S. 4-7, im Folgenden als: Martin: The Affirmative Action Empire.

[4] Martin: The Affirmative Action Empire, S. 8f.

[5] Kuchenbecker, Antje: Zionismus ohne Zion. Birobidžan: Idee und Geschichte eines jüdischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000 (DOKUMENTE – TEXTE – MATERIALIEN. Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin, 32), S. 112, S. 122f., im Folgenden als: Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion.

[6] Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion, S. 145.

[7] Siegelbaum, Lewis H.: “Yellow Peril”. Chinese Migrants in the Russian Far East and the Russian Reaction before 1917 (Modern Asian Studies Bd. 12, 2), Cambridge 1978, S. 307-330, S. 318-328.

[8] Schastya, Iskateli; Korsh-Sablin, Vladimir: Seekers of Happiness, UdSSR 1934.

[9] Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion, S. 173-175.

[10] Keßler: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung, S. 167.

[11] Jegorow: Jüdischer Staat im Fernen Osten, online.

[12] Urbansky, Sören: An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland, München 2021, S. 309.

[13] Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (Memento vom 1. Juni 2012 im Internet Archive), online: http://www.gks.ru/free_doc/new_site/population/demo/per-itog/tab7.xls, abgerufen am 07.01.2024, im Folgenden zitiert als: Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten, online.

[14] Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten, Zeilen 1110-1117, online.


Quellenverzeichnis:

  • Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (Memento vom 1. Juni 2012 im Internet Archive), online: http://www.gks.ru/free_doc/new_site/population/demo/per-itog/tab7.xls, abgerufen am 07.01.2024.
  • Film: Искатели счастья (Iskateli sčast'ja), 1936.

Literaturverzeichnis:

  • Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden, 6. Auflage, München 2008.
  • Keßler, Mario: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung. 1897 bis 1933, Berlin 1990.
  • Kuchenbecker, Antje: Zionismus ohne Zion. Birobidžan: Idee und Geschichte eines jüdischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000 (DOKUMENTE – TEXTE – MATERIALIEN. Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin, 32).
  • Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, New York 2001. [S. 1-28]
  • Schastya, Iskateli; Korsh-Sablin, Vladimir: Seekers of Happiness, UdSSR 1934.
  • Siegelbaum, Lewis H.: “Yellow Peril”. Chinese Migrants in the Russian Far East and the Russian Reaction before 1917 (Modern Asian Studies Bd. 12, 2), Cambridge 1978, S. 307-330.
  • Urbansky, Sören: An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland, München 2021.

Medienverzeichnis:

Abbildung 1: Position der jüdischen Autonomen Oblast (Provinz), 2011, online: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jewish_in_Russia.svg?uselang=de, abgerufen am 07.01.2024.

Abbildung 2: „Poselok na beregu.“ – Fotografie von Birobidschan von zw. 1929 und 1931, unbek. Fotograf, veröffentlicht 1933 in: "Биробиджан в 1929 - 1931 годах", online: https://www.loc.gov/resource/gdclccn.2018683123/?r=0.096,0.104,0.78,0.586,0, abgerufen am 5.01.2024.

Abbildung 3: Filmposter von Искатели счастья, 1936, Online: https://www.kinopoisk.ru/picture/2381292/#, abgerufen am 19.11.2023.