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Russlanddeutsche – Die Sache mit dem Kriegsfolgenschicksal von Felix Riefer

Über die Gründe für die Aufnahme von (Spät-)Aussiedlern in Deutschland kursieren seit jeher Vorurteile und Halbwissen. Dieser Artikel räumt damit auf und beleuchtet die humanitären Grundlagen der damaligen Aufnahmegesetze.

 

Felix Riefer ist promovierter Politologe. Er studierte Politikwissenschaften sowie Regionalstudien Ost- und Mitteleuropas in Köln und Paris. Für die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb erstellte er das Onlinedossier Russlanddeutsche und war an Tagungen zur politischen Bildung von Deutschen aus Russland und russischsprachigen Migranten der bpb beteiligt. Riefer ist Beiratsmitglied des Kölner Lew Kopelew Forums. Der Autor ist 1995 als Kind mit seiner Mutter aus Sankt Petersburg nach Bonn zum Vater ausgesiedelt.

 

Themen rund um die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler haben es bis heute nicht geschafft, sich eine eigenständige Säule im öffentlichen Diskurs zu erarbeiten. Im besten Falle kursieren Halbwissen mit Klischees Hand in Hand, und im schlimmsten Falle werden Randphänomene oder sozioökonomisch begründete Erscheinungen generalisiert. Nicht selten wird dieses gefährliche Halbwissen eingebettet in tagesaktuelle, meist sehr emotional geführte öffentliche Diskurse, die letztlich mit dem Thema „Aussiedler“ nichts, wenig oder nur bedingt was gemein haben. Machen wir es kurz: es ist kompliziert. Und es ist kompliziert, da in der Medienkultur der Bundesrepublik die russlanddeutschen Spätaussiedler eben lediglich als Lücke oder Platzhalter fungieren, wo nach Bedarf nahezu alles reininterpretiert wird. Dass sowohl die Neurechten als auch Putins Russland sich ihren Platz in dieser Lücke suchen, macht die Lage nicht gerade besser. Tja, Aussiedler sind und waren seit jeher politische Verhandlungsmasse. Sowohl von den Rechten: hier ethnonationalistisch überhöht bis hin zum pseudobiologistischen Rassenwahn. Als auch von den Linken, die sich bis heute am liebsten nicht mit dem Thema beschäftigen würden, bis hin zu ihrem linksidentitären Abdriften. Doch auch die bildungsbürgerlichen und die intellektuellen Diskurse meiden das Thema „Aussiedler“, weil es sowieso nicht als cool genug empfunden wird. Und nicht zuletzt sind wir russlanddeutsche Aussiedler selbst zu bequem, uns außerhalb der Pole und politischen Rändern eine eigene Säule im Diskurs zu errichten. Ich nehme mich davon nicht aus. Schließlich begreifen sich die meisten von uns doch als Teil der bundesdeutschen Gesellschaft und möchten in der Regel gar nicht als etwas Gesondertes behandelt werden. Auffällig unauffällig eben. Vielmehr sind wir damit beschäftigt, uns ein gutes Leben in Deutschland auf- und auszubauen. Ob sich hieran was ändern wird? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht hilft es ein wenig, einige Fakten zentraler in das öffentliche Bewusstsein zu bringen und somit zumindest den härtesten Vorurteilen Einhalt zu bieten.

Doch was können wir jenseits des Konfliktes zwischen linken und konservativen Interpretationen, die sich ihre Traumata gegenseitig an den Kopf werfen, nur um die Dominanz über eine sogenannte historical oder political correctness zu erlangen, machen? Nicht nur sind ihre psychologisierenden Ansätze in der Wissenschaft sehr umstritten, sie führen letztlich nicht zu einem Diskurs, indem sich alle, die Bundesbürger sind oder werden wollen, gleichberechtigt ihren Platz in unserer Gesellschaft erarbeiten können. Viele Beobachter, nicht zuletzt Marina und Herfried Münkler, Francis Fukuyama oder Jan Plamper, empfehlen den freiheitlich verfassten Demokratien die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Entstehung einer Kollektividentität im nationalstaatlichen Kontext zu festigen. Von daher ist es womöglich gar nicht so schlecht, dass unsere Landsleute auffällig unauffällig sein wollen und nicht in einer pluralen Gesellschaft gesondert behandelt werden wollen. Doch nochmal: einige Grundlagen wie z.B. über die Geschichte oder rechtliche Situation dieser Russlanddeutschen müssen als Fakten der gesamten Gesellschaft präsent sein, um möglichen Fehleinschätzungen oder Vereinnahmungen vorbeugen zu können. Erst dann wird die Lücke, die der Begriff russlanddeutsche Aussiedler im öffentlichen Diskurs darstellt, nicht mehr beliebig befüllt werden können. Und vielleicht eines Tages sogar einen eigenständigen Pfeiler bedeuten. Ich denke, es besteht ein zentrales Missverständnis über die Aufnahmegründe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland. Da wird viel von rechts, wie von links über deutsches Blut schwadroniert. Doch schauen wir uns die Fakten einfach mal an:

Laut Gesetz erkennt die Bundesrepublik Deutschland den Russlanddeutschen den Aussiedlerstatus aufgrund ihres Kriegsfolgenschicksals an, das sie wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit in der Sowjetunion erfahren haben, und nicht aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Hier gilt nicht das klassische Abstammungsprinzip (Ius sanguinis), sondern die sowjet-administrative Stigmatisierung als Angehörige einer feindlichen Nation und als Hitlers fünfte Kolonne. Demnach ist das Kriegsfolgenschicksal der Russlanddeutschen die von ihnen selbst unverschuldete Folge des Stalinismus und der NS-Volkstumspolitik sowie des Angriffs Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Also letztlich hatten sich auch die Nazis an den Russlanddeutschen verschuldet und ihr Schicksal fremdbestimmt: Mit der Folge der historischen Kollektiverfahrung von Deportation und Zwangsarbeit. Entsprechend basiert die humanitäre Grundlage der Zuwanderung der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik Deutschland nur bedingt auf ihrer deutschen Abstammung. Auch wenn dies lange Zeit eine allgemeine Annahme war, sowohl bei einer breiten Masse der deutschen Gesellschaft als auch bei einigen Vertretern seitens der Aussiedler selbst. Nochmals zusammengefasst: das Kriegsfolgenschicksal, also die Verfolgung von Deutschen aufgrund ihrer Ethnie in den kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sowie Südosteuropas, ist die eigentliche Begründung für die ko-ethnische Migration nach Deutschland, und darf nicht schlicht und letztlich fälschlicherweise auf „deutsches Blut“ reduziert werden. Vielmehr wird so von Deutschland eine Art „Wiedergutmachung durch Migration“ dieser spezifischen historisch-politischen Verantwortung praktiziert. Übrigens wird das infolge des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes zukünftig auslaufen.

Doch lediglich auf das Gesetzt zu verweisen, ist meiner Meinung nach zu wenig: Denn wir dürfen nicht außer Acht lassen; es war das zivilgesellschaftliche Engagement von den zuerst nur zahlenmäßig wenigen nach Deutschland gekommenen russlanddeutschen Aussiedlern, die sich insbesondere in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland von den 1950er Jahren an für ihre Familienangehörigen in der Sowjetunion stark machten. Leider wurde dies im Gesetz unkommentiert gelassen und fand im öffentlichen Diskurs kaum Widerhall. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass auch drüben russlanddeutsche Dissidenten ihre Forderungen nach freier Ausreise Anfang 1980 sogar bis vor den Kreml getragen haben, ebenfalls fast vergessen. So wie die Tatsache, dass die Russlanddeutschen dabei von Menschenrechtlern wie Andrej Sacharow unterstützt wurden. Diese Aspekte, der Drang nach Freiheit unter Berufung auf rechtsstaatliche, demokratische Prinzipien, sollten meiner Meinung nach unbedingt Eingang in unsere Erinnerungskultur finden und gepflegt werden.

Gleichzeitig war das Leben der Deutschen in der Sowjetunion sehr viel multikultureller, als vielen in der Bundesrepublik bekannt war und ist. Somit ließe sich jedwedes Bestreben einen Putin-Diasporanationalismus oder rechtspopulistischer Instrumentalisierung bei einem guten Handling der „Russlanddeutschen Aussiedlerthematik“ sicher ohne viel Bohei angehen und diesen Missbrauch der Lücke im öffentlichen Diskurs von der ich eingangs sprach sicher im Sinne einer freiheitlich verfassten Demokratie füllen.



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