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Wechselwirkungen – das Schicksal der Russlanddeutschen im Spiegel der gesamtdeutschen Geschichte von Katharina Heinrich

Die Kollektiverlebnisse der Russlanddeutschen im von totalitären Systemen geprägten 20. Jahrhundert, sind noch immer nicht in den geschichtlichen Kanon dieses Landes eingegangen. Zu unrecht, findet die Autorin, denn ihre Geschichte war stark von den Ereignissen in Deutschland und im übrigen Europa beeinflusst.

 

Katharina Heinrich ist in einer wolgadeutschen Familie in Kirgisien geboren und bereits 1979 nach Deutschland ausgesiedelt. Als studierte Slawistin und Osteuropahistorikerin war sie journalistisch für den WDR und die Deutsche Welle tätig. Sie engagiert sich für die Gesellschaft Memorial und ist Beiratsmitglied im Lew Kopelew Forum.

 

„Die Lebensgeschichte Ihres Großvaters hat nichts mit der Geschichte der Menschen aus dieser Gegend zu tun, die ich sonst zur letzten Ruhe begleite“, sagte der evangelische Pfarrer zu mir. Mein Großvater war kurz vor seinem 95sten Geburtstag verstorben. Der Pfarrer und ich besprachen dessen Trauerrede. Damals konnte ich darauf nichts erwidern. Heute würde ich sagen, dass die Lebensgeschichte meiner Familie zwar anders sein mag als die meiner einheimischen Freunde. Dennoch hat sie viel mehr mit Deutschland gemein als die Öffentlichkeit es bis jetzt wahrhaben will. Dass wir hier sind, hat nicht mit der Blut- und Boden Politik des Dritten Reiches zu tun. Und auch nicht mit dem deutschen Schäferhund. Diesen Spruch höre oft quer durch die politischen Kreise der Bundesrepublik: von rechts außen über die Mitte bis hin zu links-liberalen Positionen! Wir sind hier, weil unsere Geschichte mit der deutschen Geschichte über Jahrhunderte eng verwoben ist. So eng, dass die Folgen der beiden Weltkriege für uns, die Minderheit der Deutschen aus Russland, jedes Mal katastrophal waren. An der Lebensgeschichte meines Großvaters lässt sich das gut erklären.

Mein Großvater Viktor Heinrich wurde 1909 im Dorf Fischer an der Wolga geboren. Es wurde 1765 von Auswanderern aus Baden und Hessen gegründet. Das Wolgadeutsche ist eine Mischung der beiden altertümlichen Dialekte. Weswegen man meinen Großvater nach unserer Übersiedlung im Rheinland schlecht verstand.

Meine Vorfahren folgten dem Ruf Katharina der Großen nach Russland. Wie die anderen Handwerker und Bauern, die die Ukraine und den Kaukasus besiedelten, ließen meine Vorfahren sich an der Wolga nieder und wurden später russische Untertanen. Dennoch haben sie die Verbindung zu ihrer alten Heimat über die Jahrhunderte aufrechterhalten. Die Kolonisten schickten ihre Kinder zur Ausbildung nach Deutschland, bestellten dort Werkzeuge und Maschinen, besuchten regelmäßig Landwirtschaftsmessen. Aus Deutschland wurden Pfarrer und Lehrer nach Russland entsandt und Bücher in die Kolonien geschickt. Unsere Familienbibel wurde 1873 in Frankfurt speziell für deutsche Gemeinden im Ausland gedruckt.

1914 erhielt diese enge Verbundenheit erste Risse. Mein Großvater war fünf Jahre alt als Österreich und das Deutsche Reich Serbien und Russland den Krieg erklärten. An die 300.000 Russlanddeutsche zogen in den Reihen der Zarenarmee in den Krieg. Aber als das Militär große Verluste an der Westfront erlitt, hieß es: „Die Russlanddeutschen in der Armee hatten aus Vaterlandsliebe zum Deutschen Reich, die Niederlagen herbeigeführt“, so die öffentliche Erklärung Russlands für das militärische Desaster. Die Folge: Enteignung und Verbannung der Wolhyniendeutschen; Verbannung der Pfarrer aus ihren deutschen Gemeinden; Verbot der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit; Druckverbot für Zeitungen und Bücher. Eine geplante Verbannung aller Russlanddeutschen aus dem europäischen Teil Russlands, die eine sogenannte „Rückeroberung des russischen Bodens“ zum Ziel hatte, konnte nicht mehr durchgeführt werden. Die Oktoberrevolution kam dazwischen. Das war 1917.

Ein Jahr später wurde die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet. An ihrer Spitze: Ernst Reuter, SPD-Politiker und nach 1945 der erste regierende Bürgermeister von Berlin. Zwischen der Sowjetunion und der Weimarer Republik wurden viele kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen geknüpft. Eine Delegation der KPD besuchte die Wolgarepublik um hinterher von großen Erfolgen im ersten sozialistischen Staat zu berichten. Linksintellektuelle Schriftsteller, Theaterleute und Journalisten aus Deutschland sorgten für eine kurze kulturelle Blüte der Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Unter ihnen Johannes R. Becher, Erwin Piskator, Harry Schnittke.

Zugleich spaltete der Bürgerkrieg die Menschen in Anhänger und Gegner der Revolution. Auch die Wolgadeutschen blieben davon nicht verschont. Am Ende war es aber die rücksichtslose Ausbeutung der Wolgarepublik, die 1921, 1922 und 1924 dort zu schrecklichen Hungersnöten führte. Die Wolgadeutschen mussten mit ihren Lebensmitteln und dem Saatgut Moskau und St. Petersburg versorgen. Die Hungeraufstände und deren Niederschlagung gingen in die Geschichte als äußerst brutal ein. Jeder fünfte Bewohner der Republik starb.

Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, Tote am Straßenrand, Kannibalismus – während der Perestroika habe ich von Zeitzeugen schreckliche Geschichte über die Hungersnöte gehört. Mein Großvater war damals Jahre alt. Auf meine Fragen hin bedeckte er seine Augen mit der Hand, seine Stimme zitterte, als er antwortete: „Kind, ich will mich daran nicht erinnern.“ Wie er die nächsten Jahre überlebte, woran sein Bruder starb und warum er als Knecht bei Verwandten arbeiten musste, darüber wissen wir in der Familie nichts. Seine Erzählungen an die Zeit an der Wolga haben mit schwerer körperlicher Arbeit zu tun. Und mit Gedichten, die er von jüngeren Kindern hörte. Diese wurden von kommunistischen Lehrern aus dem Deutschen Reich unterrichtet. Neben Arbeiterliedern lernten sie auch solche Kleinode, die mein Großvater mit seinem wolgadeutschen Zungenschlag gerne deklamierte:

Ein Mops kam in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch die Kelle
Und schlug den Mops zu Brei.

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wendete sich erneut das Blatt. Die Russlanddeutschen wurden zum sogenannten inneren Feind erklärt. Mein Großvater war vierundzwanzig und seine Ehefrau erwartete das erste Kind. In Wolhynien wurde der gesamte deutsche Bezirk aufgelöst, seine Bewohner innerhalb von zwanzig Jahren erneut verbannt. In der Wolgarepublik wüteten stalinistische Säuberungen, bei denen, so die offizielle Version „bürgerlich nationalistische Agenten des Faschismus ausgerottet wurden“. Über den großen Erfolg dieser Säuberungen sprach man 1938 auf der Parteikonferenz der Wolgarepublik. Zwei Jahre später überfiel Nazideutschland die Sowjetunion. Am 28. August 1941 erklärte Stalin in seinem Dekret Deutsche aus Russland zu Kollaborateuren, löste die Wolgarepublik auf und ließ die gesamte Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Dort musste sie, ihrer Bürgerrechte beraubt, in Sondersiedlungen leben. Mein 32-jähriger Großvater fuhr mit seiner schwangeren Frau und den drei Kindern im Viehwagon nach Sibirien. „Als wir an der Wolga losfuhren, war es Erntezeit und drückend heiß. Als wir in Sibirien ankamen, lag dort bereits der Schnee“, erinnerte sich der Bruder meines Vaters an die wochenlange Odyssee. Und daran, dass es oft nur einen Eimer Wasser für den ganzen Wagon gab und die Toten in der offenen Steppe neben den Bahngleisen gestapelt wurden.

Kurz nach der Ankunft in Sibirien wurden alle Männer und Frauen über 16 Jahre in Arbeitslager, die sogenannte Trudarmee, eingezogen, auch mein Großvater. Nur Mütter mit Kindern unter drei Jahren blieben verschont. So auch meine Großmutter, die nun vier Kinder zu versorgen hatte und ihren Verbannungsort ohne die Erlaubnis des Kommandanten nicht verlassen durfte. Mein Großvater war handwerklich sehr begabt, vor allem mit Maschinen aller Art. Und er war pfiffig. Vielleicht hat er deshalb die Zeit in der Trudarmee besser überstanden als viele andere. Aus dieser Zeit kennen wir nur die Geschichte, wie er nach Pilzen für die russischen Offiziere im Wald suchen, zubereiten und als Vorkoster essen musste. „Die hatten Angst, ich würde sie vergiften und ich bekam so etwas mehr zu essen“, erzählte Großvater verschmitzt. Erzählungen über Russlanddeutsche, die starben, weil dem Kommandanten das Pferd für deren Transport zum Krankenhaus zu schade war; Über heimlich ausgegrabene tote Lämmer, die dann gekocht wurden; Über ein Paar Schuhe für zwei Kinder; Über die bittere Armut und Entrechtung, hörte ich zum ersten Mal von Großmutter und meinen Eltern in Deutschland.

Erst 1956, zehn Jahre nach Kriegsende, wurde die Verbannung der Russlanddeutschen aufgehoben. 1964, zwei Jahre vor meiner Geburt, wurden sie rehabilitiert. Da war mein Großvater 55 Jahre alt. Von der Rehabilitierung wusste lange Jahre niemand etwas, weil dieses Dekret nie veröffentlicht wurde. Eine Rückkehr an die Wolga oder in einen anderen europäischen Teil der Sowjetunion war Großvater immer noch verwehrt. Seine Kinder hatten nie eine Chance auf gute Ausbildung, gar Studium gehabt. Übrig blieb das Gefühl, sich stellvertretend für die Gräueltaten des Nazideutschland schuldig zu fühlen und wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.

Seinen 70sten Geburtstag feierte mein Großvater in Deutschland. Das war 1979 und wir waren erst seit ein paar Monaten hier. Unsere ehrenamtlichen Helfer und Betreuer waren die einzigen, die mit uns etwas anfangen konnten. Sie waren im Krieg als Soldaten in Russland gewesen. Für die anderen mussten wir mit unserer Kleidung, unseren Frisuren, unserer Sprache und den altmodischen Vornamen wie aus der Zeit gefallen wirken. Keiner wusste, wer und warum wir hier waren. Keiner wollte es wirklich wissen. Dabei ist es ganz einfach: Wir sind hier, weil wir ein Teil der deutschen Geschichte sind. Weil die Bundesrepublik Verantwortung für die Nazizeit übernommen und unser Kriegsfolgenschicksal anerkannt hat.



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