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Der Feind im Inneren – von der fünften Kolonne Hitlers zur fünften Kolonne Putins von Melitta L. Roth

In ihrem historischen Exkurs beleuchtet die Autorin, wie es zu den kollektiven Repressionen vor 80 Jahren kommen konnte. Sie zeigt auf, wie ein einziger unbestätigter Verdacht das Leben von Hunderttausenden dramatisch verändern kann und dass Minderheiten von außen schnell ein Loyalitätenkonflikt nachgesagt wird.

 

Melitta L. Roth ist im sibirischen Omsk geboren und kam 1980 in die Bundesrepublik. Ihre Prosa kreist um Themen wie Identität, Transkulturalität und die Übergabe von Traumata und wurde in diversen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Daneben entstand unter www.scherbensammeln.wordpress.com ein Blog mit Beiträgen aus ihrer Aussiedler-Parallelwelt. 2020 erschien der Erzählband „Gesammelte Scherben“ im ostbooks Verlag.

 

Was geschieht, wenn du dich mit der bloßen Haut auf ein Gitter legst? Es gibt einen Abdruck, eine Prägung, die nach wenigen Stunden verschwindet. Doch was ist mit pauschalisierenden Zuschreibungen, denen Menschen immer wieder ausgesetzt sind? Über Jahre, über Generationen? Die sind auch prägend. Etwas davon geht irgendwann unter die Haut, setzt sich fest. Wenn es zum Beispiel über die Russlanddeutschen heißt, sie seien AfD-affin, Putins fünfte Kolonne oder einfach nur erzkonservativ. Dann entsteht der Eindruck, dass es die ganzen 2,5 Millionen betrifft. Ausnahmslos. Ob im Fall Lisa, beim lästigen Vergleich mit dem Deutschen Schäferhund oder, wie in einem Artikel aus jüngerer Zeit, wenn es um die angebliche Impfskepsis unter den Russlanddeutschen geht. Immer wird gleich die Verbindung zu russischen Medien gezogen, die uns beeinflussen und darüber direkt zum Kreml. Aber solche kollektiven Zuschreibungen sind nicht nur schmerzhaft für die Betroffenen, sie sind auch gefährlich.

Schon einmal wurde diese Gruppe unter Generalverdacht gestellt: als die fünfte Kolonne Hitlers. Und zwar in der Sowjetunion Anfang der 1940er Jahre. Das kam nicht aus dem Nichts, sondern hatte einen historischen Vorlauf im ersten Weltkrieg. Schon damals wurden die Deutschstämmigen in Russland im Zuge einer gewaltigen Spionomanie zu Landesverrätern stilisiert, etliche von ihnen nach Sibirien verschickt. So blieb für das stalinistische Regime keine dreißig Jahre später nur noch ein kleiner Schritt zur pauschalen Anschuldigung aller Deutschen als Spione in Hitlers fünfter Kolonne.

Die Idee von der fünften Kolonne stammte ursprünglich aus dem spanischen Bürgerkrieg, als vier militärische Abteilungen Francos auf Madrid marschierten. Jemand von der Gegenseite brachte den scherzhaften Einwand, dass mit all den Spionen, die es bereits in der Stadt gäbe, Franco wohl auch auf eine fünfte Kolonne bauen könne. Kurz darauf wurde der Begriff international zu einem geflügelten Wort. Jedoch mit dem Unterschied, dass er nun ausschließlich für im Ausland lebende Deutsche verwendet wurde, die angeblich im großen Stil für NS-Deutschland spionierten. Je aggressiver die Expansionspolitik der Nazis, desto stärker wurde in ganz Europa, ja sogar weltweit, die Angst vor der Gefahr, die von einer deutschen Diaspora ausging – besonders nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Einnahme der Tschechoslowakei. Wieder entstand eine regelrechte Spionomanie: Zeitungsartikel und Bücher wurden verfasst und angebliche Beweise für die Existenz von 20.000 oder gar zwanzig Millionen deutscher Spione gesammelt. Doch die Realität hatte leider wenig mit einem Spionagethriller zu tun. Es gab zwar vermehrt Propaganda, die unter den sogenannten Volksdeutschen verbreitet wurde, auch hatten die Nazis vor, die im Osten lebenden Deutschen in ihre Eroberungspläne einzubinden, doch eine weltweit großangelegte Geheimagenten-Offensive hatte in Wirklichkeit nie stattgefunden.

Dennoch unterschrieb Stalin im Sommer 1941 den Befehl, der die Deportation von 900.000 Menschen einleiten sollte. Darin erklärte er, dass seine Militärbehörden „glaubwürdige Nachrichten“ erhalten hätten, wonach „sich unter der in den Wolga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spione [befänden], die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.“

Von allen im Ausland lebenden Deutschen wurde hier ausgerechnet diese gänzlich isolierte Gruppe zur Rechenschaft gezogen. Mit eklatanten Folgen, die nicht mit dem Ende des Krieges aufhörten. In mehreren Phasen wurden alle Deutschstämmigen – nicht nur die Wolgadeutschen – in Sondersiedlungen nach Sibirien und Nordkasachstan verbannt. Sie wurden ihrer Bürgerrechte beraubt und in die sogenannte Trudarmia, gezwungen. Das ist ein Euphemismus für ein Arbeitslager, in dem sie hinter Stacheldraht Zwangsarbeit leisten mussten.

Davon ausgenommen waren zunächst einige Teile der schwarzmeerdeutschen Bevölkerung. Als die deutschen Truppen aus der Ukraine abzogen, flohen sie hinterher. Der nationalsozialistische Generalplan Ost sah vor, den Warthegau mit ihnen zu besiedeln, nachdem die ursprünglichen Bewohner vertrieben oder getötet worden waren.

Deswegen von einer weitgehenden Kollaboration auszugehen, ist höchst strittig. Das Verhältnis der Schwarzmeerdeutschen zu den reichsdeutschen Besatzern war am ehesten ambivalent. Sie waren für dieses Regime, wie für das andere, bloß eine willkürlich verschiebbare Menschenmasse. Die Erwartungen der NS-Institutionen erfüllten sie nicht. Bereits nach wenigen Monaten stellten diese fest, dass die Volksdeutschen „nicht das geeignete Menschenmaterial für Führungsaufgaben in Rußland [seien, da sie] starke bolschewistische und russische Einflüsse aufgenommen haben.“

Die wenigen russlanddeutschen Männer im wehrfähigen Alter, die den stalinistischen Säuberungen entgangen waren, wurden einfach in die Wehrmacht eingezogen oder von den SS-Truppen rekrutiert. Diejenigen, die sich weigerten, kurzerhand ins Lager gesteckt. Nach dem verlorenen Krieg wurden diese Menschen wieder zu einer lebendigen Verhandlungsmasse: 230.000, zumeist Frauen und Kinder wurden in die Sowjetunion zwangsrepatriiert. Die kollektive Schuldzuweisung, mit Hitler kollaboriert zu haben und die damit begründeten Deportationen und Repressalien bilden das größte russlanddeutsche Trauma in der jüngsten Geschichte.

Deportationen sind nie gerechtfertigt. Aber in diesem Fall wurde und wird noch immer die falsche Erzählung aufrechterhalten, dass dieser Schachzug für Stalin eine Notwendigkeit gewesen sein soll. Beweise dafür, dass Russlanddeutsche für Nazideutschland spioniert hätten, existieren jedoch bis heute nicht. Wir können hier also nicht von einer Präventionsmaßnahme sprechen. Im Gegenteil, diese Aktion folgte einem knallharten wirtschaftlichen Kalkül und war die Fortführung einer Nationalitätenpolitik gegen die deutsche Minderheit.

Bis heute weiß weder die breite Öffentlichkeit in Deutschland noch in sämtlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, dass diese Anklagen frei erfunden sind. Zwar hat 1964, nach einem eindringlichen Appell seitens russlanddeutscher Aktivisten, die sowjetische Regierung den Befehl von 1941 korrigiert, doch unterlag dieses Papier der Geheimhaltung und wurde mit keinem Artikel, mit keiner Meldung öffentlich gemacht. Weitere halbherzige Versuche folgten, so beispielsweise 1991 die Überreichung einer Medaille an ehemalige Trudarmisten für ihren heldenmutigen Einsatz hinter der Front. Mit dem Konterfei Stalins auf der Vorderseite und dem Spruch: unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt.Auch diese Maßnahme geschah ohne jegliche mediale Begleitung. So dass das Narrativ von der angeblichen Kollaboration und der daraus folgenden Begründung für ihre Zwangsumsiedlung fortbesteht. Denn wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer.

Der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland ist zum zentralen identitätsstiftenden Merkmal im heutigen Russland geworden. Er bildet für die jetzige Regierung eine notwendige, alles vereinende Klammer, was allerdings auch zur Folge hat, dass andere Dinge ausgeklammert werden: die Belange von Minderheiten und Repressionen während der Sowjetzeit.

Stattdessen werden NGOs wie die Menschenrechtsorganisation Memorial als „Ausländische Agenten“ eingestuft. Wissenschaftler, die sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen, werden mithilfe von Scheinprozessen aus dem Verkehr gezogen, inhaftiert und mit Berufsverboten belegt. Doch solange am 9. Mai Kinder als aufgetakelte Soldateska in Minipanzern durch die Paraden geschoben werden und Stalin ausnahmslos als der heldenhafte Gewinner des Großen Vaterländischen Krieges gilt, können wir nicht mit einer Verschiebung von der Geschichte der Sieger zu einer Geschichte der Opfer rechnen.

In Deutschland ist es ebenfalls nicht leicht, sich mit lang vergangenen Opfernarrativen in die allgemeine Geschichtsschreibung einzufügen, da sie noch immer von einem Täternarrativ dominiert wird.

Dabei hat die Bundesrepublik bereits wenige Jahre nach Kriegsende reagiert – wieder auf Initiative russlanddeutscher Organisationen – und eine gesetzliche Grundlage geschaffen, um den und deren Nachkommen, die Einreise zu ermöglichen. Und zwar mit der humanitären Begründung eines Kriegsfolgenschicksals.

Wie schon erwähnt, sind all diese historischen Vorgänge hierzulande noch immer nicht bekannt. Somit werden die Russlanddeutschen zu einer geeigneten Fläche für alle möglichen Projektionen. Mit dem Unterschied, dass jetzt von der Fünften Kolonne Putins die Rede ist. Das Narrativ von einer leicht beeinflussbaren, einheitlichen Diaspora und der Verdacht eines möglichen Landesverrats bestehen also fort. Den Medien zufolge geschieht die Unterwanderung vor allem über den massiven Konsum russischer Informationskanäle. Es ist unbestritten, dass die russische Regierung in einem selbst ernannten Informationskrieg mit Falschmeldungen gezielt versucht, auf die deutsche Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Es ist jedoch fatal, erneut eine ganze Gruppe unter Generalverdacht zu stellen, die weder homogen ist noch so demokratiefeindlich, wie ihr gerne zugeschrieben wird. Eine große zivile Gemeinschaft kann keine militärische Einheit, keine gleichgeschaltete Kolonne bilden. Wenn es unter den Deutschen aus Russland ein WIR geben sollte, so ist es ein vielfältiges und vielstimmiges. Daher verbittet sich der Begriff einer Kolonne von selbst, egal ob es nun die fünfte, die sechste oder die dreiundzwanzigste ist.



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