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FOLGE 3: Eleonora Hummel: Die Wiedervereinigung aus ostdeutscher und russlanddeutscher Perspektive

Was haben der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung und die Zuwanderung der Aussiedler aus postsozialistischen Staaten nach Deutschland miteinander zu tun? Es sind die gleichen historischen Voraussetzungen, die zu diesen Prozessen führten und in den 1980ern mit der Entspannungspolitik zwischen Ost und West begannen. Im Osten erlaubte Gorbatschows Liberalisierungspolitik es, Sowjetbürgern ab 1988 ins Ausland zu reisen oder dauerhaft auszuwandern. Das wiedervereinigte Deutschland erleichterte wiederum 1990 mit seinem neuen Aussiedlergesetz deutschstämmigen Aussiedlern und Menschen mit jüdischem Hintergrund aus ehemals sowjetischen Ländern die Einreise und das Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft.

Trotzdem spielt bei den Debatten um die Wiedervereinigung die Perspektive dieser Einwanderergruppen selten eine Rolle, finden Ira und Edwin. Woran das liegt, welche Gemeinsamkeiten Aussiedler mit Ostdeutschen haben und welche Unterscheide, darüber sprechen sie in dieser Folge mit Eleonora Hummel. Sie stammt aus Kasachstan und ist Autorin der Romane „Fische von Berlin“, „Venus im Fenster“ sowie ihres neuen Werks „Die Wandelbaren“. Weil sie bereits seit 1982 in Dresden lebt – damals als sowjetische Ausländerin mit unbefristetem Bleiberecht –, vereint sie beide Perspektiven: die der Ostdeutschen und der Russlanddeutschen. Lesen Sie hier die gekürzte Fassung des Gesprächs, das Sie in voller Länge weiter unten zum Stream und Download finden.

Ira: Eleonora, du bist mit deiner Familie 1982 in die DDR. Wie kam es dazu?

Eleonora Hummel: Die DDR war eine Notlösung. Meine Eltern wollten ab Ende der 1950er Jahre in die Bundesrepublik ausreisen. Aber alle Ausreiseanträge wurden abgelehnt, weil wir dort keine Verwandtschaft ersten Grades hatten. Mein Vater hat dann den Tipp bekommen, es mit der DDR zu versuchen. Das war ja unser sozialistisches Bruderland und tatsächlich sind wir so in Dresden gelandet. Wir sind mit der Erwartung in die DDR gekommen, dass wir dort als Deutsche anerkannt werden. Gleich am ersten Tag in der Schule wurde ich als Russin vorgestellt. Und damit war ich ab sofort die Russin. Aussiedler, die Bezeichnung gab es damals nicht, gab es in der DDR kaum.

Edwin: Konntest du damals schon Deutsch?

Eleonora Hummel: Deutsch konnte man das nicht nennen. Meine Großmutter väterlicherseits sprach zu Hause einen schwäbischen Dialekt und die Großmutter mütterlicherseits sprach Plattdeutsch. So habe ich von beiden ein paar Brocken aufgeschnappt. Dass in Dresden Sächsisch gesprochen wurde, war für mich etwas komplett Neues. Im ersten Jahr an der Schule habe ich nur zugehört. Ich habe mir viele deutsche Bücher geholt und so Deutsch gelernt.

Ira: Am 9. November 1989 warst du 18 Jahre alt. Wie hast du diesen Tag erlebt?

Eleonora Hummel: Ich habe mich nie richtig in der DDR angekommen gefühlt und konnte mir nicht vorstellen, in diesem System alt zu werden. Deswegen wollte ich unbedingt in die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Natürlich hat niemand zu der Zeit geglaubt, dass es zum Mauerfall kommt. Und dann kam er doch. Was ich an dem Tag genau gemacht habe, kann ich mich nicht erinnern. Aber in dem Moment hat sich ein ganz großer Wunsch erfüllt: Freiheit und Demokratie waren nun zu mir gekommen.

Edwin: Vor der Wende hattet ihr nur die sowjetische Staatsbürgerschaft. Bist du jetzt eine deutsche Staatsbürgerin?

Eleonora Hummel: Als die Mauer fiel, war ich immer noch sowjetische Ausländerin. Ich konnte also nicht ohne Weiteres nach Westberlin wie meine Freunde. Auch beim Begrüßungsgeld gab es Probleme. Ich habe dann einen Antrag auf Austritt aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft gestellt, denn das war die Voraussetzung für die deutsche Staatsangehörigkeit.

Ira: Du hast den größten Teil deines Lebens in Dresden verbracht. Würdest du dich heute als Ostdeutsche bezeichnen, Deutsche, Russlanddeutsche, oder Kasachstandeutsche?

Eleonora Hummel: Ostdeutsche bin ich nicht. Wir haben da eine zu unterschiedliche Geschichte. Russlanddeutsche sind durch eine Schicksalsgemeinschaft verbunden. Unter Russlanddeutschen muss ich meine Geschichte nicht erklären. Da entsteht sofort eine Verbundenheit. Also bezeichne ich mich am ehesten als Russlanddeutsche.

Edwin: Und wie wirst du von den Anderen wahrgenommen?

Eleonora Hummel: Ich habe das Gefühl, dass ich noch immer nicht als Einheimische anerkannt werde. Viele Mitbürger können nicht nachvollziehen, dass jemand, der im Ausland geboren wurde, sich als Deutscher bezeichnet. Wenn ich sage: Ich bin in Kasachstan geboren, habe aber deutsche Wurzeln und fühle mich als Deutsche – das wollen viele nicht akzeptieren.

Edwin: Aus meiner Sicht gibt es viele Gemeinsamkeiten, die Ostdeutsche und Aussiedler aus postsozialistischen Staaten haben, siehst du das auch so? Zum Beispiel das Leben in einem sozialistischen Regime oder das Gefühl in der Bundesrepublik Bürger zweiter Klasse zu sein, wenn beispielsweise Bildungsabschlüsse aus dem Herkunftsland nicht anerkannt wurden.

Eleonora Hummel: Gemeinsamkeiten gibt es durchaus. Vor allem in der Erfahrung in einem totalitären System gelebt zu haben. Um es mal plakativ mit dem Sprichwort zu sagen: „Der Satte kann den Hungrigen nicht verstehen.“ Das ist der Unterschied zwischen Ost und West. Wenn man in Freiheit, Demokratie und Wohlstand aufgewachsen ist, dann hat man Schwierigkeiten die Menschen zu verstehen, die das alles nicht hatten. Aber ich sehe da auch einen Unterschied. Um es mit Swetlana Alexijewitsch Worten zu sagen: „Nur ein Sowjetbürger kann einen Sowjetbürger verstehen“. Das, was ein Sowjetbürger erlebt hat und auch die Russlanddeutschen in der Sowjetunion, ist einem Ostdeutschen schwer verständlich zu machen.

Edwin: Wenn über Biografien und Geschichten der Ostdeutschen gesprochen wird, liegt der Fokus oft auf der Stasi. Da sehe ich auch Analogien zu den Aussiedlern, über die in der Öffentlichkeit oft problemfokussiert berichtet wird.

Eleonora Hummel: Das ist durchaus der Fall mit der Fokussierung auf die Stasi. Sie hat natürlich den Alltag der Menschen bestimmt und ist ein großer Schwerpunkt in der Geschichtsverarbeitung. Warum bei den Russlanddeutschen vor allem Probleme gesehen werden? Vielleicht lässt sich das so erklären: Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht für die Medien. Diese problembehaftete Fremdwahrnehmung der Russlanddeutschen finde ich natürlich problematisch. Ich vermisse ein gewisses Interesse für unsere Geschichte.

Ira: Mit deinen Romanen trägst du dazu bei, dass die Geschichte der Russlanddeutschen bekannter wird, unter anderem in deinem letzten Werk „Die Wandelbaren“. Da stellst du die kulturelle Entfremdung der Russlanddeutschen dar. Die Protagonisten – Schauspieler des deutschen Theaters in Kasachstan – versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie nach Deutschland aussiedeln. Dort wiederum fühlen sie sich fremd. Ist das eine Erfahrung, die manche Ostdeutsche nach der Wiedervereinigung auch gemacht haben?

Eleonora Hummel: Da ich mich selbst nicht als Ostdeutsche sehe, kann ich nicht mit

Sicherheit sagen, wie sich Ostdeutsche nach der Wiedervereinigung gefühlt haben. Auf jeden Fall war das natürlich ein großer Umbruch im Leben der allermeisten Menschen, vor allem der älteren Generationen. Aber ich glaube nicht, dass die Ostdeutschen genauso wie die Russlanddeutschen gesehen werden. Ich glaube, Westdeutsche nehmen Ossis wie arme Verwandte wahr. Es hat sie nur eine Grenze getrennt und man konnte in den Osten fahren, wenn man wollte. Die Russlanddeutschen haben eine komplett andere Geschichte, waren auch geografisch viel weiter weg.

Edwin: Viele KünstlerInnen und AutorInnen aus den neuen Bundesländern beklagen, dass die Öffentlichkeit sich vor allem für die Problemthemen in Zusammenhang mit der DDR interessiert, also mit der Stasi oder Dissidenten. Sie wünschen sich, dass die breite Öffentlichkeit offener wird für andere Themen wie den Alltag in der DDR. Gibt es aus deiner Sicht Parallelen zu russlanddeutschen AutorInnen?

Eleonora Hummel: Es ist ein bisschen anders. Unsere Vergangenheit ist ja nicht so bekannt und es gibt viel weniger Literatur von Menschen, die das persönlich erlebt haben. Da ist das Bedürfnis noch nicht gestillt darüber zu berichten. Gewisse Kritiker empfehlen den Russlanddeutschen den Blick aus der Vergangenheit lieber auf die Gegenwart und in die Zukunft zu richten und lieber über den heutigen Alltag und ihre Integrationsprobleme in der Bundesrepublik zu schreiben, als über die Deportationsgeschichte oder Diskriminierungserfahrungen in der Sowjetunion. So als sei davon genug erzählt worden, was nicht der Fall ist.

Edwin: Die Fragen der Aufarbeitung beschäftigen die Zeitzeugengeneration, aber auch die Kinder dieser Zeitzeugen. Stellen sich junge russlanddeutsche AutorInnen ähnliche Fragen wie aktuell AutorInnen mit ostdeutschem Hintergrund? Hier gibt es aktuell beispielsweise Valerie Schönian mit dem Buch „Ostbewusstsein“ oder Johannes Nichelmann „Nachwendekinder“, die einen Dialog mit ihrer Elterngeneration suchen, um das Schweigens zu brechen und Zugang zur eigenen Identität zu finden.

Eleonora Hummel: Ich glaube schon, dass es sie gibt. Ich glaube, diese Themen werden uns und unsere Nachfahren noch lange beschäftigen. Natürlich können sich junge AutorInnen auch jedes beliebige andere Thema suchen. Die literarischen Themen sind ja die Fragen der Menschheit, die uns am meisten bewegen und das wird auch in hundert Jahren so bleiben: Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Und wohin ich gehe, kann ich nicht wissen, ohne zu wissen, woher ich komme. Insofern werden sich immer wieder auch junge AutorInnen mit unserer Vergangenheit beschäftigen. Ich glaube, dass das Interesse bei vielen da ist und das sollte man auch fördern. Und die jüngeren AutorInnen darin bestärken, damit sie sich weiter mit unseren Themen beschäftigen, damit sie öffentlicher werden und in den gesellschaftlichen Debatten ihren Platz finden.

Edwin: Es besteht der Eindruck, dass es bei dem Tag der deutschen Einheit allein um das Zusammenwachsen zwischen West- und Ostdeutschen geht. Aber der Tag ist auch bedeutsam für Mitbürger wie uns, die zur Gruppe der Aussiedler aus postsozialistischen Staaten gehören. Ich finde, dass das Zusammenwachsen auch auf den Prüfstand gebracht werden kann, indem man die Aussiedler mit einlädt, um an diesen Debatten mit teilzunehmen. Ist das denn aus deiner Sicht legitim?

Eleonora Hummel: Ja, selbstverständlich ist das legitim, damit sich niemand als Bürger zweiter Klasse fühlt. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir unsere Themen mit einbringen. Es ist ja bekannt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Ich glaube auch, dass die Mehrheitsgesellschaft etwas davon hätte, wenn sie mehr über uns wüsste. Das würde dem Zusammenleben nur förderlich sein. Da wir leider immer noch in der Öffentlichkeit unterrepräsentiert sind, würde ich das für sehr unterstützenswert halten.

Edwin: Ich finde, es gibt genug Gemeinsamkeiten, die man auch in einem großen Kontext ansprechen kann. Insofern unterstütze ich die Forderung von verschiedenen Verbänden, den Tag der deutschen Einheit um andere Perspektiven zu erweitern und ihn „Tag der deutschen Vielfalt“ zu nennen.

Bild: Paul Kuchel




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