Auch wir treten aus unserer Rolle heraus

Webdokumentation über das Deutsche Schauspieltheater in Temirtau und die Deutschen in der Sowjetunion zwischen Bleiben und Gehen

Mit dem Satz „Wir treten aus unserer Rolle heraus“ begann die Resolution der ostdeutschen Theater, in der 1989 politische Reformen eingefordert wurden. Im Herbst 1990 gastierte das Deutsche Schauspieltheater Temirtau mit den Stücken AUF DEN WOGEN DER JAHRHUNDERTE und MENSCHEN UND SCHICKSALE in der noch-DDR. Mit diesen Dramen wurde zum ersten Mal öffentlich die Auswirkungen der stalinistischen Terrorherrschaft auf die deutsche Minderheit thematisiert, was einem unerhörten Tabubruch im damaligen System nahekam. Dabei sollte das Minderheitentheater ursprünglich nach Vorstellungen der Kulturbehörden die Sowjetdeutschen auf den ideologische Kurs der Partei bringen. Zusammen mit ihren ostdeutschen KollegInnen erlebten die russlanddeutschen SchauspielerInnen hoffnungsvoll und euphorisiert hautnah die Wiedervereinigung. Aber nur fünf Jahre später verließen die letzten TheatermacherInnen ihrem Publikum folgend ihre Heimat, um sich als Aussiedler im vereinigten Deutschland dauerhaft niedergelassen.



In der Webdokumentation werden Stationen dieser einzigartigen Institution entlang der politischen Entwicklungen in der Sowjetunion und speziell um die Russlanddeutschen in der Zeit zwischen 1975 und 1990 nachgezeichnet. Die Themen und Anliegen der 1980 in der Kasachischen Steppe gegründeten einzigen professionellen deutschsprachigen Bühne der späten Sowjetunion bewegten sich auf und neben der Bühne zwischen Anpassung an die Realien der reaktionären Zeit der späten 1970er und Anfang 1980er Jahre, aktiver Mitwirkung an gesellschaftlichen Reformprozessen der kurzen Demokratisierungsperiode 1985-1990, bis zur Resignation an den postsowjetischen Krisen, nicht eingehaltenen Versprechen der Behörden und dem Massenexodus der Russlanddeutschen nach Deutschland.



Trotz demokratischer Umbrüche, zu denen das Wirken des Theaters mitbeitrug, trotz oder auch wegen einiger Zugeständnisse an die Minderheit, entschieden sich in der Zeit zwischen 1988 und 2000 etwa 1,5 Millionen Menschen für die Aussiedlung nach Deutschland. Eine bis dahin etwa 200-jährige Siedlungsgeschichte einst gerufener Kolonisten und Fachleute ging nach vielen Höhen und dramatischen Tiefen jäh zu Ende. In der Auseinandersetzung mit dieser einzigartigen Institution und deren Akteuren schildert die Webdokumentation die Umstände und Motive dieser Migrationsbewegung nach Deutschland in den späten 1980er und in den 1990 Jahren.



2019 übergab Rose Steinmark, die ehemalige Chefdramaturgin des Hauses das einzigartige Theaterarchiv dem Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte. Dieser Nachlass enthält zahlreiche Originale von Bühnenbild- und Kostümentwürfen, Presseberichten und Kritiken, Programmheften und Tourneebroschüren des Theaters sowie Korrespondenzen des einzigen deutschen Theaters in der Sowjetunion der Nachkriegszeit. Einen großen Wert stellen zahlreiche Presse- und Szenenfotos, Bühnenbild- und Kostümentwürfe verschiedenster Aufführungen. Einen erheblichen Anteil des verwendeten Materials bildet das Negativarchiv des früheren Theaterfotografen Valeri Kramer. Zeitlich umfasst das Material die Periode von 1975 bis 1990.



Akteure und Zeitzeugen dieser besonderen Geschichte berichten in der Webdokumentation über ihre eigenen Erlebnisse in und mit dieser Kulturinstitution. Sie sprechen über ihre Jugendträume und Idealismus, über Kämpfe für die Gerechtigkeit und um politische Rehabilitierung, über die Beschattung durch den KGB und Schikanen der Zensurbehörden. Aber auch über ihre Entscheidungsfindungen in der Frage zwischen Bleiben und Gehen.



Eine Webdokumentation von Alexej Getmann, Edwin Warkentin und Arkadiy Tsirulnikov
Unter Mitwirkung von Dr. Alfred Eisfeld, Jan Pöhlking, Charlotte Warkentin

Ein Projekt des Kulturreferats für Russlanddeutsche, des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte sowie der Ruhruniversität Bochum – Osteuropäische Studien mit Praxisbezug

Erschienen im November 2021 auf dem Portal Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien





25-jähriges Jubiläum

Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold bildet die zentrale Institution für die Auseinandersetzung mit historischen Hintergründen und kulturellen Besonderheiten der Deutschen aus Russland. Es möchte einen gesellschaftlichen Diskurs über Heimat und Fremde, Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Migration und Partizipation führen. Als bundesweit erste und einzige Einrichtung stellt sich das Museum seit nunmehr 25 Jahren dieser Aufgabe. Dies nehmen wir zum Anlass gemeinsam mit Wegbegleitern zurück und nach vorn zu schauen. Wir danken herzlich all denjenigen, die dem Museum und seinem Team Glückwünsche übermittelt haben.
 


Grußworte

  • Armin Laschet

    Ministerpräsident NRW a.D. und Parteivorsitzender CDU Deutschlands

  • Isabel Pfeiffer-​Poensgen

    Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

  • Stephan Prinz zur Lippe

  • Christian Haase

    Mitglied des Deutschen Bundestages, CDU

  • Prof. Dr. Bernd Fabritius

    Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

  • Maria Bering

    Ministerialdirektorin bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

  • Dr. Dennis Maelzer

    Mitglied des Landtages, Nordrhein-Westfalen, SPD

  • Martina Hannen

    Mitglied des Landtages, Nordrhein-Westfalen, FDP

  • Heiko Hendriks

    Beauftragter der Landesregierung für die Belange von deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern

  • Dr. Guido Hitze

    Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, Nordrhein-Westfalen

  • Dr. Axel Lehmann

    Landrat des Kreises Lippe

  • S.E. Erlan Abdyldaev

    Botschafter der Kirgisischen Republik

  • Georg Heckel

    Intendant am Landestheater Detmold

  • Johann Thießen

    Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

  • Dietmar Schulmeister

    Landesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland NRW

  • Dr. Nike Alkema

    Direktorin des Instituts für Migrations- und Aussiedlerfragen Heimvolkshochschule St. Hedwigs-Haus

  • Waldemar Eisenbraun

    Leiter und Kulturreferent des Bayrischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR)

  • Dr. Viktor Krieger

    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bayrischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR)

  • Dr. Olga Martens

    erste stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK)

  • Wladimir Kaminer

    Schriftsteller und Kolumnist

  • Ira Peter

    Autorin und Journalistin

  • Prof. Dr. Jannis Panagiotidis

    Stellvertretender Leiter des Forschungszentrums für die Geschichte von Transformationen an der Universität Wien und Vorsitzender des Fachbeirats am MrK

  • Prof. Dr. Hans-Christian Petersen

    Professor für Migration und Integration der Russlanddeutschen an der Universität Osnabrück / IMIS und Mitglied des Fachbeirats am MrK

  • PD Dr. Astrid von Schlachta

    Mennonitische Forschungsstelle


25 Jahre Rückblick

 


Musikalische Bilder „Heinrich und Leyla“

Mit „Heinrich und Leyla“ präsentiert das Kammerorchester „Bridge of Sound“ unter der Leitung der Komponistin Dr. Khadija Zeynalova sinfonische Bilder einer kulturübergreifenden Liebesgeschichte zu Zeiten des Krieges und Verfolgungen in Annenfeld, einer deutschen Siedlung im Südkaukasus. Die Projektrealisierung wurde durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert.



Geschichten von Menschen und Tieren
Buch und Ausstellung von A.T. Schaefer

Das erste Kinderbuch, aus dem ihm seine Großmutter vorlas, war alt, aber schön farbig und geheimnisvoll. Es enthielt Geschichten über Menschen und Tiere aus dem 19. Jahrhundert. Durch die Beschäftigung mit diesem Buch hat der Künstler A.T. Schaefer nicht nur die ungewöhnliche Geschichte seiner aus Sankt Petersburg stammenden Familie aufgearbeitet, sondern ein Fenster in eine Epoche auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert geöffnet.

Galerie 2
Galerie 1
Galerie 3

©Kulturreferat für Russlanddeutsche

Aus der familiären Überlieferung erfuhr er die dramatischen Umstände der Flucht seiner Großmutter, einer angehenden Solistin des weltberühmten Mariinski Theaters nach der russischen Oktoberrevolution. Als eines der wenigen Gepäckstücke kam das 1885 im heutigen ukrainischen Odessa veröffentlichte und mit Lithographien aus Stuttgart bebilderte Kinderbuch mit. Neu bearbeitet, übersetzt und ästhetisch erweitert, wird das Buch unter dem Titel „Geschichten von Menschen und Tieren“ zu neuem Leben erweckt und erscheint nun im B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach.

©A.T. Schaefer

A.T. Schaefer stammt aus Westfalen, studierte Malerei und Design und arbeitet seit 1981 hauptsächlich als Fotograf. Er stellte unter anderem in der Kunsthalle Bielefeld, Museum Ludwig in Köln und in der Staatsgalerie Stuttgart und anderen Museen aus. Als Autor themenzentrierter Bücher und Aufnahmen von Opern- und Theaterinszenierungen in Europa hat er sich einen Namen gemacht.
Mehr über den Künstler unter: www.atschaefer.de

Die Ausstellung und die Präsentation ist ein Kooperationsprojekt des Kulturreferats für Russlanddeutsche und des Landestheaters Detmold.

Das Buch kann im Museumshop unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bestellt werden.



Wechselwirkungen – das Schicksal der Russlanddeutschen im Spiegel der gesamtdeutschen Geschichte von Katharina Heinrich

Die Kollektiverlebnisse der Russlanddeutschen im von totalitären Systemen geprägten 20. Jahrhundert, sind noch immer nicht in den geschichtlichen Kanon dieses Landes eingegangen. Zu unrecht, findet die Autorin, denn ihre Geschichte war stark von den Ereignissen in Deutschland und im übrigen Europa beeinflusst.

 

Katharina Heinrich ist in einer wolgadeutschen Familie in Kirgisien geboren und bereits 1979 nach Deutschland ausgesiedelt. Als studierte Slawistin und Osteuropahistorikerin war sie journalistisch für den WDR und die Deutsche Welle tätig. Sie engagiert sich für die Gesellschaft Memorial und ist Beiratsmitglied im Lew Kopelew Forum.

 

„Die Lebensgeschichte Ihres Großvaters hat nichts mit der Geschichte der Menschen aus dieser Gegend zu tun, die ich sonst zur letzten Ruhe begleite“, sagte der evangelische Pfarrer zu mir. Mein Großvater war kurz vor seinem 95sten Geburtstag verstorben. Der Pfarrer und ich besprachen dessen Trauerrede. Damals konnte ich darauf nichts erwidern. Heute würde ich sagen, dass die Lebensgeschichte meiner Familie zwar anders sein mag als die meiner einheimischen Freunde. Dennoch hat sie viel mehr mit Deutschland gemein als die Öffentlichkeit es bis jetzt wahrhaben will. Dass wir hier sind, hat nicht mit der Blut- und Boden Politik des Dritten Reiches zu tun. Und auch nicht mit dem deutschen Schäferhund. Diesen Spruch höre oft quer durch die politischen Kreise der Bundesrepublik: von rechts außen über die Mitte bis hin zu links-liberalen Positionen! Wir sind hier, weil unsere Geschichte mit der deutschen Geschichte über Jahrhunderte eng verwoben ist. So eng, dass die Folgen der beiden Weltkriege für uns, die Minderheit der Deutschen aus Russland, jedes Mal katastrophal waren. An der Lebensgeschichte meines Großvaters lässt sich das gut erklären.

Mein Großvater Viktor Heinrich wurde 1909 im Dorf Fischer an der Wolga geboren. Es wurde 1765 von Auswanderern aus Baden und Hessen gegründet. Das Wolgadeutsche ist eine Mischung der beiden altertümlichen Dialekte. Weswegen man meinen Großvater nach unserer Übersiedlung im Rheinland schlecht verstand.

Meine Vorfahren folgten dem Ruf Katharina der Großen nach Russland. Wie die anderen Handwerker und Bauern, die die Ukraine und den Kaukasus besiedelten, ließen meine Vorfahren sich an der Wolga nieder und wurden später russische Untertanen. Dennoch haben sie die Verbindung zu ihrer alten Heimat über die Jahrhunderte aufrechterhalten. Die Kolonisten schickten ihre Kinder zur Ausbildung nach Deutschland, bestellten dort Werkzeuge und Maschinen, besuchten regelmäßig Landwirtschaftsmessen. Aus Deutschland wurden Pfarrer und Lehrer nach Russland entsandt und Bücher in die Kolonien geschickt. Unsere Familienbibel wurde 1873 in Frankfurt speziell für deutsche Gemeinden im Ausland gedruckt.

1914 erhielt diese enge Verbundenheit erste Risse. Mein Großvater war fünf Jahre alt als Österreich und das Deutsche Reich Serbien und Russland den Krieg erklärten. An die 300.000 Russlanddeutsche zogen in den Reihen der Zarenarmee in den Krieg. Aber als das Militär große Verluste an der Westfront erlitt, hieß es: „Die Russlanddeutschen in der Armee hatten aus Vaterlandsliebe zum Deutschen Reich, die Niederlagen herbeigeführt“, so die öffentliche Erklärung Russlands für das militärische Desaster. Die Folge: Enteignung und Verbannung der Wolhyniendeutschen; Verbannung der Pfarrer aus ihren deutschen Gemeinden; Verbot der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit; Druckverbot für Zeitungen und Bücher. Eine geplante Verbannung aller Russlanddeutschen aus dem europäischen Teil Russlands, die eine sogenannte „Rückeroberung des russischen Bodens“ zum Ziel hatte, konnte nicht mehr durchgeführt werden. Die Oktoberrevolution kam dazwischen. Das war 1917.

Ein Jahr später wurde die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet. An ihrer Spitze: Ernst Reuter, SPD-Politiker und nach 1945 der erste regierende Bürgermeister von Berlin. Zwischen der Sowjetunion und der Weimarer Republik wurden viele kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen geknüpft. Eine Delegation der KPD besuchte die Wolgarepublik um hinterher von großen Erfolgen im ersten sozialistischen Staat zu berichten. Linksintellektuelle Schriftsteller, Theaterleute und Journalisten aus Deutschland sorgten für eine kurze kulturelle Blüte der Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. Unter ihnen Johannes R. Becher, Erwin Piskator, Harry Schnittke.

Zugleich spaltete der Bürgerkrieg die Menschen in Anhänger und Gegner der Revolution. Auch die Wolgadeutschen blieben davon nicht verschont. Am Ende war es aber die rücksichtslose Ausbeutung der Wolgarepublik, die 1921, 1922 und 1924 dort zu schrecklichen Hungersnöten führte. Die Wolgadeutschen mussten mit ihren Lebensmitteln und dem Saatgut Moskau und St. Petersburg versorgen. Die Hungeraufstände und deren Niederschlagung gingen in die Geschichte als äußerst brutal ein. Jeder fünfte Bewohner der Republik starb.

Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, Tote am Straßenrand, Kannibalismus – während der Perestroika habe ich von Zeitzeugen schreckliche Geschichte über die Hungersnöte gehört. Mein Großvater war damals Jahre alt. Auf meine Fragen hin bedeckte er seine Augen mit der Hand, seine Stimme zitterte, als er antwortete: „Kind, ich will mich daran nicht erinnern.“ Wie er die nächsten Jahre überlebte, woran sein Bruder starb und warum er als Knecht bei Verwandten arbeiten musste, darüber wissen wir in der Familie nichts. Seine Erzählungen an die Zeit an der Wolga haben mit schwerer körperlicher Arbeit zu tun. Und mit Gedichten, die er von jüngeren Kindern hörte. Diese wurden von kommunistischen Lehrern aus dem Deutschen Reich unterrichtet. Neben Arbeiterliedern lernten sie auch solche Kleinode, die mein Großvater mit seinem wolgadeutschen Zungenschlag gerne deklamierte:

Ein Mops kam in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch die Kelle
Und schlug den Mops zu Brei.

Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wendete sich erneut das Blatt. Die Russlanddeutschen wurden zum sogenannten inneren Feind erklärt. Mein Großvater war vierundzwanzig und seine Ehefrau erwartete das erste Kind. In Wolhynien wurde der gesamte deutsche Bezirk aufgelöst, seine Bewohner innerhalb von zwanzig Jahren erneut verbannt. In der Wolgarepublik wüteten stalinistische Säuberungen, bei denen, so die offizielle Version „bürgerlich nationalistische Agenten des Faschismus ausgerottet wurden“. Über den großen Erfolg dieser Säuberungen sprach man 1938 auf der Parteikonferenz der Wolgarepublik. Zwei Jahre später überfiel Nazideutschland die Sowjetunion. Am 28. August 1941 erklärte Stalin in seinem Dekret Deutsche aus Russland zu Kollaborateuren, löste die Wolgarepublik auf und ließ die gesamte Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Dort musste sie, ihrer Bürgerrechte beraubt, in Sondersiedlungen leben. Mein 32-jähriger Großvater fuhr mit seiner schwangeren Frau und den drei Kindern im Viehwagon nach Sibirien. „Als wir an der Wolga losfuhren, war es Erntezeit und drückend heiß. Als wir in Sibirien ankamen, lag dort bereits der Schnee“, erinnerte sich der Bruder meines Vaters an die wochenlange Odyssee. Und daran, dass es oft nur einen Eimer Wasser für den ganzen Wagon gab und die Toten in der offenen Steppe neben den Bahngleisen gestapelt wurden.

Kurz nach der Ankunft in Sibirien wurden alle Männer und Frauen über 16 Jahre in Arbeitslager, die sogenannte Trudarmee, eingezogen, auch mein Großvater. Nur Mütter mit Kindern unter drei Jahren blieben verschont. So auch meine Großmutter, die nun vier Kinder zu versorgen hatte und ihren Verbannungsort ohne die Erlaubnis des Kommandanten nicht verlassen durfte. Mein Großvater war handwerklich sehr begabt, vor allem mit Maschinen aller Art. Und er war pfiffig. Vielleicht hat er deshalb die Zeit in der Trudarmee besser überstanden als viele andere. Aus dieser Zeit kennen wir nur die Geschichte, wie er nach Pilzen für die russischen Offiziere im Wald suchen, zubereiten und als Vorkoster essen musste. „Die hatten Angst, ich würde sie vergiften und ich bekam so etwas mehr zu essen“, erzählte Großvater verschmitzt. Erzählungen über Russlanddeutsche, die starben, weil dem Kommandanten das Pferd für deren Transport zum Krankenhaus zu schade war; Über heimlich ausgegrabene tote Lämmer, die dann gekocht wurden; Über ein Paar Schuhe für zwei Kinder; Über die bittere Armut und Entrechtung, hörte ich zum ersten Mal von Großmutter und meinen Eltern in Deutschland.

Erst 1956, zehn Jahre nach Kriegsende, wurde die Verbannung der Russlanddeutschen aufgehoben. 1964, zwei Jahre vor meiner Geburt, wurden sie rehabilitiert. Da war mein Großvater 55 Jahre alt. Von der Rehabilitierung wusste lange Jahre niemand etwas, weil dieses Dekret nie veröffentlicht wurde. Eine Rückkehr an die Wolga oder in einen anderen europäischen Teil der Sowjetunion war Großvater immer noch verwehrt. Seine Kinder hatten nie eine Chance auf gute Ausbildung, gar Studium gehabt. Übrig blieb das Gefühl, sich stellvertretend für die Gräueltaten des Nazideutschland schuldig zu fühlen und wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.

Seinen 70sten Geburtstag feierte mein Großvater in Deutschland. Das war 1979 und wir waren erst seit ein paar Monaten hier. Unsere ehrenamtlichen Helfer und Betreuer waren die einzigen, die mit uns etwas anfangen konnten. Sie waren im Krieg als Soldaten in Russland gewesen. Für die anderen mussten wir mit unserer Kleidung, unseren Frisuren, unserer Sprache und den altmodischen Vornamen wie aus der Zeit gefallen wirken. Keiner wusste, wer und warum wir hier waren. Keiner wollte es wirklich wissen. Dabei ist es ganz einfach: Wir sind hier, weil wir ein Teil der deutschen Geschichte sind. Weil die Bundesrepublik Verantwortung für die Nazizeit übernommen und unser Kriegsfolgenschicksal anerkannt hat.



Der Feind im Inneren – von der fünften Kolonne Hitlers zur fünften Kolonne Putins von Melitta L. Roth

In ihrem historischen Exkurs beleuchtet die Autorin, wie es zu den kollektiven Repressionen vor 80 Jahren kommen konnte. Sie zeigt auf, wie ein einziger unbestätigter Verdacht das Leben von Hunderttausenden dramatisch verändern kann und dass Minderheiten von außen schnell ein Loyalitätenkonflikt nachgesagt wird.

 

Melitta L. Roth ist im sibirischen Omsk geboren und kam 1980 in die Bundesrepublik. Ihre Prosa kreist um Themen wie Identität, Transkulturalität und die Übergabe von Traumata und wurde in diversen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Daneben entstand unter www.scherbensammeln.wordpress.com ein Blog mit Beiträgen aus ihrer Aussiedler-Parallelwelt. 2020 erschien der Erzählband „Gesammelte Scherben“ im ostbooks Verlag.

 

Was geschieht, wenn du dich mit der bloßen Haut auf ein Gitter legst? Es gibt einen Abdruck, eine Prägung, die nach wenigen Stunden verschwindet. Doch was ist mit pauschalisierenden Zuschreibungen, denen Menschen immer wieder ausgesetzt sind? Über Jahre, über Generationen? Die sind auch prägend. Etwas davon geht irgendwann unter die Haut, setzt sich fest. Wenn es zum Beispiel über die Russlanddeutschen heißt, sie seien AfD-affin, Putins fünfte Kolonne oder einfach nur erzkonservativ. Dann entsteht der Eindruck, dass es die ganzen 2,5 Millionen betrifft. Ausnahmslos. Ob im Fall Lisa, beim lästigen Vergleich mit dem Deutschen Schäferhund oder, wie in einem Artikel aus jüngerer Zeit, wenn es um die angebliche Impfskepsis unter den Russlanddeutschen geht. Immer wird gleich die Verbindung zu russischen Medien gezogen, die uns beeinflussen und darüber direkt zum Kreml. Aber solche kollektiven Zuschreibungen sind nicht nur schmerzhaft für die Betroffenen, sie sind auch gefährlich.

Schon einmal wurde diese Gruppe unter Generalverdacht gestellt: als die fünfte Kolonne Hitlers. Und zwar in der Sowjetunion Anfang der 1940er Jahre. Das kam nicht aus dem Nichts, sondern hatte einen historischen Vorlauf im ersten Weltkrieg. Schon damals wurden die Deutschstämmigen in Russland im Zuge einer gewaltigen Spionomanie zu Landesverrätern stilisiert, etliche von ihnen nach Sibirien verschickt. So blieb für das stalinistische Regime keine dreißig Jahre später nur noch ein kleiner Schritt zur pauschalen Anschuldigung aller Deutschen als Spione in Hitlers fünfter Kolonne.

Die Idee von der fünften Kolonne stammte ursprünglich aus dem spanischen Bürgerkrieg, als vier militärische Abteilungen Francos auf Madrid marschierten. Jemand von der Gegenseite brachte den scherzhaften Einwand, dass mit all den Spionen, die es bereits in der Stadt gäbe, Franco wohl auch auf eine fünfte Kolonne bauen könne. Kurz darauf wurde der Begriff international zu einem geflügelten Wort. Jedoch mit dem Unterschied, dass er nun ausschließlich für im Ausland lebende Deutsche verwendet wurde, die angeblich im großen Stil für NS-Deutschland spionierten. Je aggressiver die Expansionspolitik der Nazis, desto stärker wurde in ganz Europa, ja sogar weltweit, die Angst vor der Gefahr, die von einer deutschen Diaspora ausging – besonders nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Einnahme der Tschechoslowakei. Wieder entstand eine regelrechte Spionomanie: Zeitungsartikel und Bücher wurden verfasst und angebliche Beweise für die Existenz von 20.000 oder gar zwanzig Millionen deutscher Spione gesammelt. Doch die Realität hatte leider wenig mit einem Spionagethriller zu tun. Es gab zwar vermehrt Propaganda, die unter den sogenannten Volksdeutschen verbreitet wurde, auch hatten die Nazis vor, die im Osten lebenden Deutschen in ihre Eroberungspläne einzubinden, doch eine weltweit großangelegte Geheimagenten-Offensive hatte in Wirklichkeit nie stattgefunden.

Dennoch unterschrieb Stalin im Sommer 1941 den Befehl, der die Deportation von 900.000 Menschen einleiten sollte. Darin erklärte er, dass seine Militärbehörden „glaubwürdige Nachrichten“ erhalten hätten, wonach „sich unter der in den Wolga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spione [befänden], die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.“

Von allen im Ausland lebenden Deutschen wurde hier ausgerechnet diese gänzlich isolierte Gruppe zur Rechenschaft gezogen. Mit eklatanten Folgen, die nicht mit dem Ende des Krieges aufhörten. In mehreren Phasen wurden alle Deutschstämmigen – nicht nur die Wolgadeutschen – in Sondersiedlungen nach Sibirien und Nordkasachstan verbannt. Sie wurden ihrer Bürgerrechte beraubt und in die sogenannte Trudarmia, gezwungen. Das ist ein Euphemismus für ein Arbeitslager, in dem sie hinter Stacheldraht Zwangsarbeit leisten mussten.

Davon ausgenommen waren zunächst einige Teile der schwarzmeerdeutschen Bevölkerung. Als die deutschen Truppen aus der Ukraine abzogen, flohen sie hinterher. Der nationalsozialistische Generalplan Ost sah vor, den Warthegau mit ihnen zu besiedeln, nachdem die ursprünglichen Bewohner vertrieben oder getötet worden waren.

Deswegen von einer weitgehenden Kollaboration auszugehen, ist höchst strittig. Das Verhältnis der Schwarzmeerdeutschen zu den reichsdeutschen Besatzern war am ehesten ambivalent. Sie waren für dieses Regime, wie für das andere, bloß eine willkürlich verschiebbare Menschenmasse. Die Erwartungen der NS-Institutionen erfüllten sie nicht. Bereits nach wenigen Monaten stellten diese fest, dass die Volksdeutschen „nicht das geeignete Menschenmaterial für Führungsaufgaben in Rußland [seien, da sie] starke bolschewistische und russische Einflüsse aufgenommen haben.“

Die wenigen russlanddeutschen Männer im wehrfähigen Alter, die den stalinistischen Säuberungen entgangen waren, wurden einfach in die Wehrmacht eingezogen oder von den SS-Truppen rekrutiert. Diejenigen, die sich weigerten, kurzerhand ins Lager gesteckt. Nach dem verlorenen Krieg wurden diese Menschen wieder zu einer lebendigen Verhandlungsmasse: 230.000, zumeist Frauen und Kinder wurden in die Sowjetunion zwangsrepatriiert. Die kollektive Schuldzuweisung, mit Hitler kollaboriert zu haben und die damit begründeten Deportationen und Repressalien bilden das größte russlanddeutsche Trauma in der jüngsten Geschichte.

Deportationen sind nie gerechtfertigt. Aber in diesem Fall wurde und wird noch immer die falsche Erzählung aufrechterhalten, dass dieser Schachzug für Stalin eine Notwendigkeit gewesen sein soll. Beweise dafür, dass Russlanddeutsche für Nazideutschland spioniert hätten, existieren jedoch bis heute nicht. Wir können hier also nicht von einer Präventionsmaßnahme sprechen. Im Gegenteil, diese Aktion folgte einem knallharten wirtschaftlichen Kalkül und war die Fortführung einer Nationalitätenpolitik gegen die deutsche Minderheit.

Bis heute weiß weder die breite Öffentlichkeit in Deutschland noch in sämtlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, dass diese Anklagen frei erfunden sind. Zwar hat 1964, nach einem eindringlichen Appell seitens russlanddeutscher Aktivisten, die sowjetische Regierung den Befehl von 1941 korrigiert, doch unterlag dieses Papier der Geheimhaltung und wurde mit keinem Artikel, mit keiner Meldung öffentlich gemacht. Weitere halbherzige Versuche folgten, so beispielsweise 1991 die Überreichung einer Medaille an ehemalige Trudarmisten für ihren heldenmutigen Einsatz hinter der Front. Mit dem Konterfei Stalins auf der Vorderseite und dem Spruch: unsere Sache ist gerecht – wir haben gesiegt.Auch diese Maßnahme geschah ohne jegliche mediale Begleitung. So dass das Narrativ von der angeblichen Kollaboration und der daraus folgenden Begründung für ihre Zwangsumsiedlung fortbesteht. Denn wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer.

Der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland ist zum zentralen identitätsstiftenden Merkmal im heutigen Russland geworden. Er bildet für die jetzige Regierung eine notwendige, alles vereinende Klammer, was allerdings auch zur Folge hat, dass andere Dinge ausgeklammert werden: die Belange von Minderheiten und Repressionen während der Sowjetzeit.

Stattdessen werden NGOs wie die Menschenrechtsorganisation Memorial als „Ausländische Agenten“ eingestuft. Wissenschaftler, die sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen, werden mithilfe von Scheinprozessen aus dem Verkehr gezogen, inhaftiert und mit Berufsverboten belegt. Doch solange am 9. Mai Kinder als aufgetakelte Soldateska in Minipanzern durch die Paraden geschoben werden und Stalin ausnahmslos als der heldenhafte Gewinner des Großen Vaterländischen Krieges gilt, können wir nicht mit einer Verschiebung von der Geschichte der Sieger zu einer Geschichte der Opfer rechnen.

In Deutschland ist es ebenfalls nicht leicht, sich mit lang vergangenen Opfernarrativen in die allgemeine Geschichtsschreibung einzufügen, da sie noch immer von einem Täternarrativ dominiert wird.

Dabei hat die Bundesrepublik bereits wenige Jahre nach Kriegsende reagiert – wieder auf Initiative russlanddeutscher Organisationen – und eine gesetzliche Grundlage geschaffen, um den und deren Nachkommen, die Einreise zu ermöglichen. Und zwar mit der humanitären Begründung eines Kriegsfolgenschicksals.

Wie schon erwähnt, sind all diese historischen Vorgänge hierzulande noch immer nicht bekannt. Somit werden die Russlanddeutschen zu einer geeigneten Fläche für alle möglichen Projektionen. Mit dem Unterschied, dass jetzt von der Fünften Kolonne Putins die Rede ist. Das Narrativ von einer leicht beeinflussbaren, einheitlichen Diaspora und der Verdacht eines möglichen Landesverrats bestehen also fort. Den Medien zufolge geschieht die Unterwanderung vor allem über den massiven Konsum russischer Informationskanäle. Es ist unbestritten, dass die russische Regierung in einem selbst ernannten Informationskrieg mit Falschmeldungen gezielt versucht, auf die deutsche Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Es ist jedoch fatal, erneut eine ganze Gruppe unter Generalverdacht zu stellen, die weder homogen ist noch so demokratiefeindlich, wie ihr gerne zugeschrieben wird. Eine große zivile Gemeinschaft kann keine militärische Einheit, keine gleichgeschaltete Kolonne bilden. Wenn es unter den Deutschen aus Russland ein WIR geben sollte, so ist es ein vielfältiges und vielstimmiges. Daher verbittet sich der Begriff einer Kolonne von selbst, egal ob es nun die fünfte, die sechste oder die dreiundzwanzigste ist.



NEWSLETTER

Demnächst können Sie sich hier für unseren Newsletter anmelden und so regelmäßig über unser Angebot informiert werden.


Museum für
russlanddeutsche
Kulturgeschichte

Tel. 05231 92 16 90 0

Georgstraße 24
32756 Detmold


ÖFFNUNGSZEITEN

Montag: Ruhetag
Di.-Fr.: 14.00 Uhr - 17.00 Uhr
Samstag: 11.00 Uhr - 17.00 Uhr
Sonntag: 15.00 Uhr – 18.00 Uhr
(nur am ersten Sonntag im Monat)

Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte


Museum für
russlanddeutsche
Kulturgeschichte

Tel. 05231 92 16 90 0

Georgstraße 24
32756 Detmold

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr Erfahren
Ok