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Folge 2: Erinnerungskultur: Wie Erinnern uns Würde verleiht

Als Ira mit neun Jahren nach Deutschland kam, stellte sie fest, dass sie ganz andere Erinnerungen aus ihrer Kindheit hatte als ihre neuen Mitschüler: Sie kannten „Nu Pagadi“, die sowjetische Version von „Tom & Jerry“, sie wiederum das Sandmännchen nicht. Edwin holte solche fehlenden gemeinsamen Erinnerungen mit Gleichaltrigen schnell nach, als er 1994 aus Kasachstan nach Deutschland kam. Schnell legte er sich einen Lieblingsfußballverein zu und spann sich lang zurückliegende Verstrickungen in der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ selbst zusammen, um auf dem Schulhof mitreden zu können.

Warum ein solches gemeinsames Erinnern wichtig ist, wieso kollektive Erinnerungen bei Russlanddeutschen besonders problematisch sind und was das Wissen um die Vergangenheit mit unserer Würde und Integration zu tun haben – darüber sprechen Ira Peter und Edwin Warkentin in dieser Folge mit Kornelius Ens, dem Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte.

Individuelle Erinnerungen tragen zu unserer Identität bei, geteilte Erinnerungen zu Gemeinschaftsidentitäten. Ira erinnert sich an ihren ersten Schultag an einem 1. September in der kasachischen Steppe. Diese Erinnerung ist aber nicht dieselbe, die sie mit ihren späteren Mitschülern im süddeutschen Odenwald teilt. Nu pagadi (das sozialistische Pendant zu Tom und Jerry) und nicht das Sandmännchen bilden die Trickfilmsozialisation ihrer Kindheit. Dafür kann sie sich darüber mit anderen „Steppenkindern“ wie Edwin austauschen. Um schneller am neuen Ort mitreden zu können, hat sich Edwin als Teenager die Gesprächsthemen seiner neuen Mitschüler angeeignet: Bundesliga, Grunge, Sitcoms. Heute teilt er damit gemeinsame Erinnerungen der deutschen Generation Y und kann mit seinen Gleichartigen in Erinnerung „an damals“ schwelgen.

Gemeinsame Erinnerungen teilen sich Generation oder auch Menschengruppen gleichen Umfeldes. Erinnerungskultur entsteht aus einer bewussten Pflege gemeinsamer Motive. Sie ist wichtig für die Identität eines Individuums, damit es sich als Teil eines Ganzen verstehen kann. Ein grundlegendes anthropologisches Bedürfnis ist, dass sich der Mensch nicht allein fühlen will. Insofern ermöglichen Kollektiverinnerungen auch Würde, da sich das Individuum in einen größeren Kontext eingebettet fühlt, so Kornelius Ens, Leiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold im Gespräch mit Ira und Edwin.




Ira: Warum fehlt eine kollektive Erinnerung bei den Russlanddeutschen?

Kornelius Ens: Um das weitgehende Fehlen einer sichtbaren Kollektiverinnerung der Russlanddeutschen nachzuvollziehen, müssen die Auswirkungen des Stalinismus zur Kenntnis genommen werden. Sie verursachten in den 1930er Jahren neben einer wirtschaftlichen vor allem eine kulturelle Enteignung der Deutschen aus Russland. Die Repressionen hatten insbesondere potenzielle Träger der Erinnerungskultur wie Lehrer, Pastoren oder Lehrstuhlinhaber zum Ziel. Die Deportationen der einst als Kolonisten ins russische Zarenreich gekommenen Deutschen im Rahmen des zweiten Weltkrieges zerrissen die einzelnen russlanddeutschen Communities an der Wolga oder im Kaukasus. Nach Ende des Krieges und dem Tod Stalins war ein Anschluss an die einstige Kultur und den Erinnerungsschatz nicht mehr möglich. Nur die Familiengeschichten blieben, aber nicht das große Ganze. So konnte der Einzelne den Baum und nicht den Wald beschreiben. Diese strukturell bedingte Form dieser Diktaturerfahrung ist ein erhebliches Problem. Nun muss die Erinnerungskultur rückwirkend aufgebaut werden.

Ira: Was genau ist im Stalinismus passiert?

Kornelius Ens: Machtstrukturen, denen es um Machterhalt und Machtausbau geht, können mit Minderheiten nichts anfangen. Sie schaffen ein Bedürfnis, sich der Gesellschaft zu bemächtigen, um sie zu vereinheitlichen. In der Sowjetunion hieß es, Minderheiten in ein sowjetisches Prinzip, das sehr russisch dominiert war, zu assimilieren. Diese Form von Diktaturerfahrungen teilen sich die Russlanddeutschen mit anderen Völkerschaften der ehemaligen Sowjetunion. Somit ist diese Form des Erinnerns, oder genauer gesagt Nichterinnerns, ein interkulturelles Band. Es ist der rote Faden unserer aller Geschichten. Speziell in Bezug auf Russlanddeutsche wurde mit dem Entzug der kulturellen Grundlagen ein nachhaltiger Bruch eingeleitet: angefangen mit Schließungen von Bildung- und Kultureinrichtungen bis hin zum erzwungenen Verlust der deutschen Sprache.

Edwin: Wenn wir feststellen, dass diese Erinnerungskultur bereits seit sechzig Jahren gestört ist, dann können wir davon ausgehen, dass es sie in dieser Form auch nicht gibt. Ist es denn wichtig sie zu rekonstruieren?

Kornelius Ens: Unbedingt. Wenn wir uns über Erinnerungskultur unterhalten, dann sprechen wir über ein selbstverständliches Erinnern. Die Gedächtnisforschung beschreibt eine Gefahr der Funktionalisierung von Erinnerungen, wenn sie für die Allgemeinheit nicht selbstverständlich sind. Sie werden zu einem missionarischen Ansatz für den Träger, der krampfhaft und fundamentalistisch sich stets erklären muss. Das kann nicht gesund sein. Es würde aber das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft enorm entspannen, wenn wir die Erinnerungskultur selbstverständlicher kommunizieren könnten. Das hieße: Aufklärung, auch im historischen Sinne, und Auseinandersetzungsmöglichkeiten im kulturellen Bereich zu ermöglichen. Auch dass die unterschiedlichen Erklärungsansätze Berührungspunkte mit der Allgemeinheit bekommen, damit wir nach vorne schauen können. Es geht auch darum, lernen sich zu verstehen um sich in einer Gesellschaft kompetent navigieren zu können, die meine spezielle Geschichte nicht erzählt.

Edwin: Worin besteht Deine Mission um das russlanddeutsche Kollektivnarrativ in die allgemeine bundesdeutsche Erinnerungskultur einzubetten?

Kornelius Ens: Ob es möglich ist, das spezielle Narrativ zu etablieren, ist schwer zu beantworten. Im Selbstverständnis als Migrationsgesellschaft befinden wir uns in der Bundesrepublik noch nicht lange. So gibt es im Lehrplan von Nordrhein-Westfalen nur ein fakultatives Modul mit dem Thema „Das Eigene und das Fremde“, zum Umgang mit verschiedenen Zuwanderergruppen in historischer Perspektive. Es ist ein zarter Anfang, so etwas in ein Geschichtsverständnis aufzunehmen und das breitenwirksam über Schüler_innen in die Gesellschaft zu transportieren und ein absolutes Neuland, bei dem wir Zuwanderergeschichten in den Kanon der deutschen Erinnerungskultur aufnehmen.

Es ist spannend gemeinsam mit verschiedenen Akteuren Geschichten und Selbstverständlichkeiten zu erzählen. Die russlanddeutsche Community ist so vielfältig und ich mag es nicht, Typisches zu erzählen oder so zu tun, als ob diese Gemeinschaft greifbar wäre.

Die beste Variante von Völkerverständigung ist, wenn wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen. Und wenn wir anfangen sie zu akzeptieren und zu respektieren. Wenn wir unabhängig von sprachlicher Kompetenz Augenhöhe zeigen. Sprachliche Kompetenz soll auch kein Kriterium für die Wertigkeit der Geschichten sein. Auch ich muss gestehen, früher Vorbehalte gegenüber Menschen aus meiner Community gehabt zu haben und Ausschlusskriterien im Falle sprachlicher Inkompetenz erhoben habe. Seit der näheren Beschäftigung mit diesem Thema habe ich diese Community mit allen ihren diversen Geschichten und auch Verkrampfungen aber schätzen gelernt. Auch habe ich es schätzen gelernt, dass es eine Mehrheitsgesellschaft gibt die diese Geschichte hören will, und dass es sogar Sehnsucht danach gibt, uns alle selbstverständlicher sehen zu wollen.

Zur meiner Mission gehört Selbstverstehen und Fremdverstehen. Zusammenführung, von der Gemeinschaft verstanden werden, in der ich leben möchte und mich selbst verstanden wissen haben – das ist der Ansatz, der mit Fug und Recht auf die Schiene „Integration“ gestellt werden soll. Wo es um die Kompetenz geht sich navigieren zu können, zu wissen, was ich von meinen Identitäten zur Verfügung stellen könnte und was unverhandelbar ist. Und das mit einem Begründungszusammenhang versehen. Wenn wir als Museum das gewährleisten können, dann ist es weitaus besser als die Ansätze aus der Vergangenheit, bei denen ein Namenswechsel Integrationschancen einräumen sollte, weil der mitgebrachte Name nicht Deutsch genug klingt. Oder wo Schamgefühle einen Betroffenen zu einer Unkenntlichkeit zwingt und er die Assimilierung als den einzigen Weg sieht. Assimilierung als Bruch in der eigenen Identität ist nicht gesund. Es wirkt zumindest so, als würde es einem in einigen Jahrzehnten um die Ohren fliegen.

Ira: Es klingt danach, dass das Geschichtenerzählen der Schlüssel für das Verständnis sein kann.



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