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FOLGE 21: Dr. Anna Flack und Christine Korte: Auf den weltweiten Spuren der Russlanddeutschen

Wohin wanderten in der Vergangenheit Russlanddeutsche und wie viele deren Nachfahren es heute sind lässt sich kaum sagen. Aber die besondere Wanderungsgeschichte und individuelle Schicksale, die damit verbunden sind, beschreiben eine einmalige transkontinentale Landschaft. In dieser Folge wollen wir uns mit der Kulturwissenschaftlerin Dr. Anna Flack und der Kanadierin russlanddeutscher Herkunft Christine Korte dieser Landschaft nähern.


 

Edwin: Heute widmen wir uns einem Thema, was wir in einigen Folgen bereits angekündigt haben, und zwar geht es heute um „Russlanddeutsche transkontinental“. 

Ira: Genau, wir haben ja hier und da schon mal erwähnt, dass wir weit entfernte oder auch nah entfernte Verwandte beispielsweise in Nord- oder Südamerika haben.

 

Edwin:  Die Russlanddeutschen haben eine spezifische Geschichte der Migration. Sie fand nicht nur zwischen Deutschland und Russland oder der Sowjetunion statt, sondern zwischen Russland und Nordamerika; Russland und Südamerika; Russland – Deutschland – Südamerika; oder auch in mehrmaligen Wanderungen. In diesem Sinne haben viele eine multiple Wanderungsgeschichte.

Ira: Wir möchten das heutige Thema aus zwei Perspektiven beleuchten. Einmal zusammen mit einer Wissenschaftlerin, die stellen wir gleich vor und auf der anderen Seite haben wir eine Russlanddeutsche aus Kanada.

Edwin: Herzlich Willkommen, Dr. Anna Flack. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität in Osnabrück und da speziell am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) und da wiederum an der Juniorprofessur Migration und Integration der Russlanddeutschen und beschäftigt sich unter anderem damit, warum und wo heute weltweit Menschen leben, die einst als Deutsche im Russischen Reich lebten, in der Sowjetunion und wo sie heute so alles leben.

Ira: Im zweiten Teil dieser Folge erfahrt ihr mehr über Christine Korte. Ihre wolgadeutsche Mutter hatte die Sowjetunion verlassen. Chris selbst wurde in Kanada geboren. Außerdem ist sie Theaterwissenschaftlerin und ist am Goethe-Institut in Toronto tätig. Sie lebt derzeit in Berlin.

Ira: Herzlich willkommen, liebe Anna. Unsere erste Frage an dich: Wo und wie viele Nachfahren russlanddeutscher Immigrant:innen leben außerhalb Deutschlands und der postsowjetischen Staaten?

Anna: Zum einen ist es so, dass dieser Begriff „Russlanddeutsche“ eine ganze Menge an unterschiedlichen Personen und viele verschiedene Gruppen zusammenfasst. Seien es Menschen verschiedener Konfessionen oder verschiedener regionaler Herkünfte oder auch eben mit verschiedenen Dialekten, die sie sprechen, werden unter diesem Begriff zusammengefasst. Dieser Begriff wurde im Wesentlichen seit den 1920er Jahren im Zuge von Nationalstaatsbewegungen geprägt Die erste schriftliche Kodifizierung dieses Begriffs finden wir vor allem in der Zwischenkriegszeit und im aufkeimenden Nationalsozialismus. Insofern, wenn wir über Russlanddeutsche sprechen, müssen wir eigentlich auch immer mitbedenken, welches völkische Erbe dieser Begriff mit sich bringt. Da er nun mal mangels besserer Alternativen heutzutage weiterhin als Arbeitsbegriff genutzt wird, müssen wir uns dessen bewusst sein.

Es gibt zwei wichtige Punkte, wenn wir über Russlanddeutsche sprechen. Wanderungsbewegungen der Russlanddeutsche gab es bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem ehemaligen russischen Reich nach Übersee, wo dieser Begriff noch gar nicht festgelegt war. Was immer ein Motiv war, war die Rücknahme von Privilegien, was die freie Religionsausübung und die Ablehnung der Wehrpflicht angeht, generell politische Repression – dass Minderheitenrechte zurückgenommen oder eingeschränkt wurden. Was erschwerend hinzu kommt: konkrete Zahlen zu benennen. Es ist so, dass wenn wir über Russlanddeutsche forschen, wir im Wesentlichen immer wieder Forschungen finden, die auf konkrete Gruppen bezogen sind, also über Wolgadeutsche, über Mennoniten, über Wolhyniendeutsche… Das heißt, wir haben eine Aufteilung, eine Stückelung von verschiedenen Personengruppen, die man dann erstmal wieder zusammenfügen und zählen müsste. Dementsprechend kann ich ein paar Zahlen nennen, die in der Literatur genannt werden. Es gibt zum Beispiel einen relativ bekannten kanadischen mennonitischen Wissenschaftler Royden Loewen, der von ungefähr 250.000 Plautdietsch sprachigen Mennoniten in den Amerikas schreibt. Es gibt ein Beitrag, der auf unserer Konferenz auch abgehalten wurde, wo über mehrere zehntausend Menschen, die aus Wolhynien nach Amerika migriert sind, gesprochen wird. Wir können im Prinzip sagen, dass es mehrere 100.000, mehrere Millionen Menschen auf jeden Fall sind. Zumal es eine lange Zeit weitere Migrationen gab und auch die Staatsbürgerschaften sich verändert haben.

Edwin: Gibt es große historisch nachweisbare Auswanderungswellen?  Und welche historischen Ereignisse haben dazu beigetragen, dass diese Menschen damals das Russische Reich oder die Sowjetunion verlassen haben?

Anna:  Im Bezug auf Mennoniten kann man sagen, dass es seit 1874 viele gab, die das Russische Reich aufgrund der Rücknahme von Privilegien wie die Religionsfreiheit und der Befreiung vom Wehrdienst verließen. Und dann natürlich ganz klar im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution 1917 mit dem Aufstieg der Sowjetunion und der damit verbundenen Nationalitätenpolitik, die Rechte einschränkte. Auch im Rahmen der Kriegshandlungen, also zum Beispiel die sogenannten Repatriierungen von Nazi-Deutschland (im Zweiten Weltkrieg). Und dann aber auch Umsiedlungen von Akteuren, die bereits in Übersee waren.

Ira: Man könnte jetzt meinen – das waren ja alles Deutschstämmige –, dass man vielleicht daran gedacht hat, ins Mutterland, also in die Heimat nach Deutschland zurückzukehren. Haben das manche gemacht oder stand das gar nicht zur Debatte? Und wie schwierig war es eigentlich aus dem zarischen Russland auszuwandern?

Anna: Was ich sagen kann, ist dass es vor dem Zweiten Weltkrieg und vor dieser Nationalitätenpolitik generell leichter war auszuwandern. Auf unserer nationalen Konferenz hatten wir einen Beitrag über Wolhyniendeutsche erfahren, dass es vor dem Ersten Weltkrieg verhältnismäßig einfach war, für sie in verschiedene Richtungen auszuwandern als dann zum späteren Zeitpunkt, wo Kriegshandlungen hinzukamen und die Repressionen gegen Minderheiten einsetzten.

 

Edwin: Noch mal zu den Zahlen. Ich habe das jetzt verstanden, dass es schwierig ist Zahlen zu nennen. Im Vorfeld hatte ich mich erkundigt und bin auf eine Zahl von 400.000 Deutschen gestoßen, die aus dem Russischen Reich nach Nord- und Südamerika ausgewandert sind. Am Ankunftsort wurden sie nicht als Deutsche aus Russland, sondern als Bürger des russischen Reiches registriert und da gab es sicherlich keine Differenzierung, ob das jetzt Deutsche, Polen, Ukrainer oder Juden aus dem Russischen Reich waren, von denen auch sehr viele in die USA bzw. nach Nordamerika gegangen sind. Es gab aber in der NS-Zeit eine Zahl, die kolportiert wurde, dass 1940 etwa 1,5 Millionen Russlanddeutsche außerhalb der Sowjetunion gelebt haben. Das heißt ungefähr genauso viele, wie zum damaligen Zeitpunkt in der Sowjetunion. Könnte es ungefähr diese Dimension sein und können wir uns heute irgendwie so eine Vorstellung darüber machen, wie viele es heute vielleicht weltweit gibt?

Anna: Man muss auch immer schauen – Zahlen stehe nicht nur für sich, die sind nicht neutral. In welchem Zusammenhang sind die jetzt entstanden? Wer hat die erhoben? Inwiefern können diese Zahlen dem Nationalsozialismus in irgendeiner Form genutzt haben? Gerade auch im Hinblick auf Expansion: „Deutschtum“, „Volk ohne Raum“, nur um ein paar Stichpunkte zu nennen. Also, da muss man schon ganz genau auf die Quellen gucken, wer diese Zahlen erhoben hat. Wenn ich  jetzt versuche, die Zahl an sich ganz neutral zu betrachten und mir eben anschaue, was auch andere Forschende an Zahlen genannt haben, die sie auf unserer Konferenz eben im Rahmen ihrer Forschungsprojekte vorgestellt haben, dann ist das möglicherweise eine Größenordnung, die vorstellbar ist.

Ira: Würdest du sagen, es gibt Gruppen unter all diesen Russlanddeutschen, die sich mehr mit russlanddeutscher Herkunft identifizieren und diese auch mehr ausleben als andere? Kann man zum Beispiel sagen, wo die Wolgadeutschen heute am wolgadeutschesten oder wo die Mennoniten noch am ursprünglichsten sind? Gibt es dazu Untersuchungen?

Anna: Da nennst du ja auch schon wieder wichtige Stichpunkte: inwiefern sich Leute als russlanddeutsch fühlen. Das ist dann auch immer so zu betrachten, weil eben auch andere dazu überschneidende oder querliegende Identifikationen eine Rolle spielen können. Eben eher vielleicht das „Wolgadeutschsein“ oder das „Mennonitsein“, das viel wichtiger ist als irgendwie „Russlanddeutschsein“. Ganz generell ist es bei den migrierten Russlanddeutschen nicht anders, als bei anderen Gruppen, dass Migration und Herkunft je nach Lebenssituation und auch nach Wohnorten eine unterschiedlich große Rolle spielen können. Wenn wir zum Beispiel auf die Postsowjetunion blicken, gibt es ja in fast allen Ländern nach wie vor Vertretungen deutscher Minderheiten, z.B. in Form von russlanddeutschen Häusern, die von Teilen dieser Nachfahren besucht werden. Sie nutzen diese Angebote, um zum Beispiel die Sprache zu lernen oder zu verbessern oder aufrecht zu halten, sozialen Angebote zunutze machen, Literaturkreise besuchen und einfach Kaffee trinken. Gleichzeitig empfinden sie andere Zugehörigkeiten in dem sie zum Beispiel russischorthodoxen Glaubens sind. Was im ersten Moment vielleicht widersprüchlich erscheint, aber bei den historischen Entwicklungen nicht überraschend ist. Insofern gibt es Leute, für die das eine Rolle spielt, die sich dann zum in einzelnen Lebensbereichen damit identifizieren oder die zum Beispiel dann auch einfach sagen: „Na ja, im Wesentlichen esse ich Boršč oder Vareniki unter der Woche, aber einmal im Monat kochen wir dann Strudel.“, was ich auch in der Forschung zu meiner Doktorarbeit beobachten konnte. Wir hatten einen weiteren Beitrag, da ging es um Nachfahren von Wolgadeutschen in Argentinien und ging um den Sprachgebrauch. Dabei wurde ganz deutlich, aber wenig überraschend, dass das Spanische viel mehr im Alltagsleben Einfluss nimmt und das Wolgadeutsche eher in den privaten Raum zurücktritt. Dann aber vor allen Dingen in Ortschaften, wo immer noch 90% der Bevölkerung wolgadeutsche Nachfahren sind, eine Rolle im Zusammenhang mit Festen spielt. Das ist das, was ich vorhin mit dem Umfeld meinte, in dem man lebt. Wenn du niemanden hast, mit dem du deinen Dialekt sprechen kannst, dann sprichst du ihn irgendwann nicht mehr.

Ira: Aber kann man irgendwelche Enklaven ausmachen, wenn man so eine Weltkarte vor sich hat, dass man sagt: da ist ein kleiner Schwerpunkt?

Anna: Ganz klar, also wie gesagt, es gibt Ortschaften, die eben besonders von Nachfahren geprägt sind, das haben wir ja auch in Russland mit den ehemaligen Deportationsortschaften, die dann zu Siedlungen geworden sind. Aber auch Ortschaften in Südamerika oder Nordamerika, wo Kolonien gegründet wurden. Wir haben heutzutage auch noch den Sonderfall von mennonitischen Altkolonien, die wirklich komplett unter sich leben. Aber selbst, wenn da jetzt in diesem argentinischen Ort ganz viele Wolgadeutsche leben, leben sie nicht in einer Blase, sondern in einer gesellschaftlichen Struktur.  Sie sind von Gesetzen und Regeln umgeben und müssen Handel treiben mit ihren Mitmenschen, sie sind in gesellschaftliche Strukturen eingebunden, so dass es da eben nicht diesen Enklavencharakter gibt.

Man muss sich auch immer fragen, wer definiert oder entscheidet, was „Deutschsein“ bedeutet, was „Wolgadeutschsein“ bedeutet, was „Mennonitsein“ bedeutet und welche Interessen gehen damit einher? Welche Deutungshoheit und auch Machtverhältnisse können damit einhergehen? Wer etabliert und nutzt diese Kategorien? Inwiefern und wie werden auch diese Kategorien, diese Narrative von verschiedenen Akteuren angeeignet, zurückgewiesen, verhandelt, erweitert, verändert und so weiter. Da hatten wir auch diverse Beispiele, die noch mal das Spektrum aufgemacht haben. Zum einen haben wir im Zusammenhang mit der (Spät-)Aussiedlermigration die Definitionsmacht „Wer ist Deutscher von Seiten der Bundesrepublik“. Die Bundesrepublik entscheidet, wer als (Spät-)Aussiedler nach Deutschland kommen kann und entsprechende weitere Organisation, die damit zusammenhängen. Natürlich auch zum Beispiel die Selbstorganisation, die dann Deutschkurse anbieten. Dann haben wir darüber hinaus verschiedene andere Selbstorganisationen zum Beispiel in Deutschland die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und die, wenn man das so sagen kann, amerikanischen Ableger – die zwei großen Heritage societies in Amerika zum Beispiel. Wir haben aber auch weniger institutionalisierte Akteure und Netzwerke wie Kirchen oder die Gemeinden, also gerade im Zusammenhang mit Mennoniten, die entscheiden, wer Mennonit ist und wir haben natürlich auch eine ganz große Bandbreite verschiedener weiterer AkteurInnen, Vereine, Netzwerke und zum Beispiel ja auch Podcast-Betreibende wie ihr. Wir definieren, was „Aussiedlersein“ heißt, was „Russlanddeutschsein“ heißt und ihr gestaltet auch mit, wie sich das möglicherweise weiterentwickelt. Was ihr als eure Generation als „Russlanddeutschsein“ empfindet und was vielleicht jetzt im Laufe der Zeit mehr in den Hintergrund rückt.

Ira: Du hast jetzt mehrfach Bezug genommen auf einer Konferenz und auf Vorträge. Kannst du uns noch kurz sagen, um was für eine Konferenz es sich handelt?

Anna: Das war die Abschlusskonferenz der Juniorprofessur für Migration und Integration der Russlanddeutschen an der Universität Osnabrück, an der ich tätig bin. Diese Konferenz fand Mitte November 2021 unter dem Titel „Russian germans on four continents“ statt. Dabei ging es um die globale Dimension der Migration von Russlanddeutschen. Daran nahm eine ganze Reihe von Wissenschaftlern aus Deutschland und Übersee teil, die ihre Perspektiven und Forschungsprojekte vorgestellt haben.

Edwin: Ich habe gestern Abend auch zufällig an so einer Jugendkonferenz teilgenommen von Russlanddeutschen aus Russland, aus Deutschland und aus Argentinien und es scheint mir, als ob da ein Trend losgegangen ist. Die Menschen vernetzen sich verstärkt. Gibt es von Seiten der Wissenschaft solche Beobachtungen und gibt es denn solche Netzwerke?

Anna: Da gibt es eine ganze Menge unterschiedlich großer Institutionen und Netzwerke, die sicherlich auch einfach dann im Wachsen begriffen sind. Ich hatte den großen deutschen Interessenverband, die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland , erwähnt und die beiden großen amerikanischen Institutionen. Da haben wir einmal die American Historical Society of Germans from Russia und die Germans from Russia Heritage Society. Das sind so ganz große Institutionen im Prinzip, die auch sicherlich noch mal von Pendants in Kanada haben. In Kanada gibt es sehr verbreitete Forschungen zu Mennoniten, auch weil es in Kanada einfach viele Mennoniten gibt, die sich aber auch nicht nur für Migration und Geschichte und Kultur von Mennoniten in Kanada interessieren, sondern auch in anderen mittel- und südamerikanischen Staaten. Dann gibt es zum Beispiel auch das Mennonite Central Committee und sicherlich noch ganz viel andere Institution .

Was vielleicht ganz interessant ist für den Hintergrund, vor allen Dingen im Nachgang des Zweiten Weltkrieges, als die Ressentiments gegenüber Deutschen, wo auch immer auf der Welt etwas zurück gingen und man sich als Deutscher oder Deutsche allmählich wieder auch als solche fühlen durfte, ohne schief angeguckt zu werden, gab es eben auch weltweit nicht nur in diesem Zusammenhang sogenannte „Ethnic Heritage Revivals“, eine Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe, das man im Zuge von Migration noch mal stärker gewichtet, auch einen gewissen Verlust empfindet „in der Fremde“. Da gab es Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre diese Entwicklungen und die betrafen ganz und gar nicht nur Russlanddeutsche, sondern, Migrantinnen und Migranten überall. Gerade auch in diesem Zuge haben sich verschiedene Institutionen entwickelt. In Deutschland erleben wir  jetzt in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Vereine, die sich gründen. Euer Podcast ist jung. Es gibt noch den anderen Podcast X3, der auch ganz frisch gemacht wird und sich mit solchen Themen beschäftigt. Wir sind gerade in einer bewegten Zeit, wo die Menschen nicht unsichtbar sein wollen, die noch weitere Erfahrungen gemacht haben oder einen familiären Hintergrund haben, der sich von Mitschülerinnen und Mitschülern oder Nachbarinnen und Nachbarn unterscheidet.

Ira: Wie erging es denn den Russlanddeutschen in Zeiten der Weltkriege?

Edwin: Hatten sie auch ein Kriegsfolgenschicksal?

Anna: Der Nationalsozialismus wurde ja nicht nur auf den europäischen Kontinent als Feind oder als feindliches System angesehen, sondern es gab auch weitere kriegführende beteiligte Länder und insofern war man natürlich auch in anderen Ländern dann irgendwie verdächtig und musste dann mit Einschränkung von Rechten zurechtkommen. Und eben auch zum Beispiel mit der Abschaffung von Gemeindeschulen und so weiter, was dann häufig damit einherging, dass ist die deutsche Sprache nicht mehr weitervermittelt wurde. Es war auch die Motivation, in ein Land zu gehen, wo es möglich ist, die eigenen Schulen aufrechtzuerhalten. Wenn das dann nicht mehr möglich war, dann ging das mit dem Verlust der deutschen Sprache einher. Die Kriegshandlungen des Nationalsozialismus haben dazu geführt, dass das Deutschsein stigmatisiert wurde.

Edwin: Was ich spannend finde ist, dass auch diese Besinnung auf ein bestimmtes kulturelles Erbe und die Vermittlung dieses kulturellen Erbes dann auch in diesen Ländern, besonders in Nordamerika zu beobachten ist, dass zunehmend Museen entstehen, wo diese spezielle Geschichte dieser Russlanddeutschen vermittelt wird. In Steinbach (Manitoba) gibt es ein mennonitisches Freilichtmuseum oder auch in Abbotsford gibt es auch ein Mennonite Heritage Museum . Ich denke mal, wenn eine:r unserer Zuhörer:innen sich in der nächsten Zeit, hoffentlich wenn Corona vorbei ist, sich mal eine Nordamerikareise gönnt, dann sollten sie mal auf die Karte gucken, wo es diese spannenden Orten gibt.

Anna: Es gibt ja auch gegenwärtig noch transatlantische Migrationen, was spannend ist und was tatsächlich ein Feld ist, das noch überhaupt nicht wissenschaftlich beackert ist. Es gibt eine Kollegin, die sich mit gegenwärtiger Migration aus Deutschland von Spätausgesiedelten und Ausgesiedelten nach Kanada beschäftigt. Und in meinem Postdoc-Projekt ist der Ausgangspunkt die Migration von Aussiedlern aus Deutschland nach Südamerika, nach Bolivien. Es ist ein total spannendes Phänomen, wie diese Migrationen nicht nur ein historisches Phänomen sind, sondern auch gegenwärtig eine Rolle spielen.

Ira: Liebe Anna, vielen Dank für diese interessanten Infos. Ich glaube, das gibt einen Anstoß für viele, weiter zu recherchieren. Mir geht es zumindest so. Eine abschließende Frage an dich: Warst du mal in der Steppe und hast du da irgendetwas Besonderes erlebt oder eine besondere Erinnerung an die Steppe?

Anna: Ich habe für meine Doktorarbeit Feldforschungen in und um Barnaul gemacht, das ist eine relativ große Stadt in Westsibirien, gar nicht so weit weg von Kasachstan und im Wesentlichen war ich zwar in dieser Stadt, aber habe eben auch mal Ausflüge weiter weg vorgenommen und habe da recht eindrückliche Erinnerungen, also zum einen das Autofahren durch die Gegend, wo ich die leider völlig klischeebestätigende Erfahrung mit den Straßenverhältnissen gemacht habe, die ziemlich unangenehm sind. Außerdem fand ich es sehr beeindruckend, als ich in einem Dorf in Westsibirien war, zu sehen, was für eine Weite die Welt mit sich bringt. Mir wurde zum Beispiel ein Ort gezeigt, ich wurde auf einen Punkt hingewiesen: „Da hinten siehst du dieses Dach, das ist das nächste Dorf 15 Kilometer weit weg von hier.“ und bis dato war mir nicht klar, dass man 15 Kilometer weit gucken kann, weil man das in Deutschland nicht tun kann, weil alles verbaut ist. Es ist so eine kindliche Perspektive, aber wie das ist mit ganz neuen Erfahrungen, die man im Leben noch gar nicht gemacht hat, das ist dann im ersten Moment, wie wenn ein Kind das erste Mal Schnee sieht, um eine Analogie zu bemühen. Das waren sehr viele Eindrücke, die mich sehr beeindruckt haben, die ich so in Deutschland nicht gemacht habe bislang.

Edwin: In der Steppe sieht man weit… Das ist wirklich ein sehr schönes Bild, danke dir dafür.

 

Edwin: Hallo, Chris.

Ira: Du bist in Kanada geboren und in Toronto aufgewachsen. Das heißt, du bist per Pass Kanadierin, wie stellst du dich aber vor oder wie bezeichnest du dich? Wahrscheinlich je nach Kontext unterschiedlich, aber was ist so deine Identität?

Christine: Ja, ganz genau, in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich, aber ich würde sagen, ich bin Kanadierin mit deutschen Wurzeln, mit wolgadeutschen Wurzeln und auch mit sowjetischen Wurzeln. Ich verbinde immer diese ganze Vielfalt, weil das Kanadischsein das auf eine ganz besondere Art und Weise erlaubt.

Ira: Dann musst du uns das jetzt mal ein bisschen entschlüsseln.

Christine: Meine Eltern sind in den 1950er Jahren separat nach Kanada ausgewandert. Mein Vater kommt aus Westfalen und war Schneider von Beruf und wollte sein Glück in Kanada versuchen. Er wollte eigentlich in die USA, aber zu der Zeit haben sie keine Deutschen angenommen und dann ist er nach Kanada und hat Arbeit in Kleidungsfabriken als Schneider gefunden. Meine Mutter hat diese viel kompliziertere Geschichte, dass sie 1934 in der Sowjetunion in einer Kolchose an der Wolga geboren ist, also in der wolgadeutschen Republik. Als kleines Mädchen ist sie erstmal nach Weißrussland übergesiedelt und während des Krieges ist sie dann in den Westen geflüchtet und konnte in Bayern erstmals Fuß fassen. Mit 19 ist sie ganz allein mit dem Schiff nach Toronto gegangen.

Ira: Das ist ja mutig. Wie ist sie denn auf die Idee gekommen? Ganz allein? Oder ist das mit ihrer Familie passiert?

Christine: Die sind in Franken geblieben und meine Großmutter war schon Witwe. Mein Opa ist vor der Reise nach Minsk in der Sowjetunion gestorben. Die Familie ist mit meiner Oma und vier Kindern geflüchtet. Meine Mutter hatte drei Geschwister und als sie und meine Tante nach Franken kamen, herrschten in der Nachkriegszeit sehr komplizierte Verhältnisse. Es waren schwierige Umstände für die Familie. Da sahen die Chancen für meine Mutter einfach so aus: Es gab zu der Zeit einen bestimmten Weg durch die Kirche, dass junge Frauen mithilfe eines besonderen Visums nach Kanada übersiedelten und in Haushalten arbeiten konnten, um in Kanada ein neues Leben anzufangen. Der Plan war, dass meine Oma und die Geschwister, nachdem meine Mutter sich in Toronto etabliert hat zusammenkommen und ihr Leben da neu aufbauen würden.

Ira: Und ist das auch passiert?

Christine: Das ist tatsächlich nicht passiert. Zwei Geschwister sind gekommen und eine ist in Deutschland geblieben und hat zu der Zeit einen Einheimischen geheiratet – mein Onkel Fritz, einen richtigen Franken. Die und meine Oma sind dageblieben. Und so habe ich auch das Gefühl, dass ich Wurzeln und eine Beziehung zu Franken habe, da ich sehr mit dieser fränkischen Kultur aufgewachsen bin.

Ira: Wie war das denn in deiner Jugend und in deiner Kindheit? Wie hast du es da erlebt – diese ganz unterschiedlichen Wurzeln zu haben? Also vielleicht waren die Eltern, Großeltern deiner Mitschüler:innen aus Kanada und deine Eltern waren jetzt irgendwie aus Deutschland oder noch komplizierter, denn die Wolgarepublik hat wahrscheinlich auch keiner gekannt. Fandest du das als Kind oder Jugendliche belastend oder fandest du das cool und dachtest: „Ich bin vielleicht etwas Besonderes“ oder wie hast du das empfunden?

Christine: Das zweite. In Kanada galt zu der Zeit, als ich groß geworden bin das Paradigma des Multikulturalismus. Das war in der Zeit nach Pierre Trudeau, dem Vater unseres jetzigen Premierministers, Justin Trudeau. Und Pierre Trudeau war der große Architekt dieses multikulturellen Kanadabildes. In den 1980er Jahren war es selbstverständlich, dass man Kanadier und irgendwas anderes ist. Das heißt, in meiner Klasse gab es Mitschüler aus Kenia, aus Pakistan, aus Griechenland und unsere Herkunftsländer waren sehr stark in unserer eigenen Identität, unserer eigenen Selbstverständlichkeit verankert. Jeder hat das irgendwie stolz mitgebracht. Es war cool, weil Toronto wirklich so vielfältig war und es zu der Zeit zum Glück wirklich kein Bild davon gab, was es heißt Kanadier zu sein, außer dass meine Eltern oder man selbst von irgendwo anders herkommt. Aber das Besondere für mich darin, was es hieß wolgadeutsch und russlanddeutsch zu sein war, dass es immer noch in Zeiten des Kalten Krieges war. 1988 hatten wir die Olympischen Spiele in Calgary/Alberta. Ich war großer Fan von Gordeeva und Grinkov, dem Schlittschuhpärchen. Und zu wissen und zu verstehen und anderen zu erzählen, dass ich da Verwandtschaft habe – ich habe Verwandtschaft hinter diesem eisernen Vorhang, ich habe quasi eine Connection zu diesen großen sowjetischen Eiskunstläufern, die Goldmedaillengewinner sind - fand ich cool. Das war vielleicht ein bisschen provokativ, schon als Kind zu sagen, deutsch sein ist viel komplexer als euer Bild davon, was es heißt deutsch zu sein. Und dann fragten die Kinder: „What?! You’re russian?“ und ich sagte: „Nein, nein, i’m not russian, aber ich habe Verwandte in Kasachstan und in der Sowjetunion“. Und ich fand das richtig cool, weil die anderen Kinder gestaunt haben, und es kam zu Gesprächen und es war irgendwie was Faszinierendes.

Edwin: Ich würde gerne da dran anschließen, beziehungsweise noch mal zu deinem wolgadeutschen Wurzeln fragen. Kannst du uns erzählen, seit wann ist es dir so bewusst geworden? Wie hast du angefangen, dich dafür zu interessieren? Oder was war an deinem Familienleben zu Hause wolgadeutsch?

Christine: Als Kind, wenn man sich nicht so viel mit seiner Identität auseinandersetzt, habe ich schon verstanden, dass wir deutsche Wurzeln haben – wegen dieser Verbindung zu unserer Verwandtschaft, der deutschen Kirche, der deutschen Samstagsschule – wegen diesen Sachen, was auch im kanadischen Kontext ein bisschen außergewöhnlich war. Auch weil meine Eltern so viel älter waren als ich zur Welt kam, waren die Deutschen in Kanada sehr integriert, da war keine starke Community mehr. Trotzdem haben meine Eltern versucht, das zu pflegen: deutsche Kirche, Sprachschule, Verwandtschaft besuchen. Aber ich glaube, dass die ersten Anlässe „Glasnost‘“ und „Perestrojka“ waren, weil wir die Möglichkeit hatten, mit unserer Verwandtschaft in Kasachstan, in der Sowjetunion einfach mehr Kontakt zu haben. Und da ich selbst ein großer Ballettfan war, hatte meine Mutter durch meine Leidenschaft für Ballett eine Möglichkeit zu erklären, dass wir auch aus diesem Land kommen, aus dem ich die Ballettkultur erbe: also Moskau, Leningrad… Plötzlich erklärte meine Mutter mir, dass wir eine Beziehung zu diesem Land haben. So hat sie schon dadurch meine deutsche Identität viel komplexer gemacht. So bin ich zu Läden gegangen, die der russischsprachigen Community in Toronto gehörten, und auf einmal hatten meine Mutter und ich regelmäßigen Kontakt und Bezug zu dieser russischsprachigen, russischidentifizierten Community. Das fand ich auch so spannend. Meine Mutter hat mir dann russische Bücher gekauft und russische Ostereier und diese ganzen Sachen. Und so hat sie auch dann über ihre Kindheit, ihre Geschichte Gespräche geführt. Und der größte Anlass war natürlich, dass die Berliner Mauer ’89 kollabiert ist und unsere Verwandten ein paar Jahre später nach Deutschland ausgewandert sind. So hatten wir mit der Verwandtschaft zum ersten Mal die große Wiedervereinigung, mit der wir Briefe ausgetauscht haben und die wir so gerne kennenlernen wollten. Das war eine großartige Zeit für unsere Familie.

Edwin: Jetzt muss ich, glaube ich, eine ganz konkrete Frage stellen. Jetzt erzähl uns doch bitte, woher deine Familie von der Wolga stammt.

Christine:  Also meine Großmutter Rosalia Weinbender stammt aus Köhler und mein Großvater Jakob Simon stammt aus Kamenka. Also, ich glaube das ist die Wiesenseite von Saratov.

Edwin: Kamenka war ja ein besonderes Dorf. Eine große Kolonie, die bei den Wolgadeutschen konfessionell eine besondere Rolle spielte. Es war das Zentrum der katholischen Wolgadeutschen. Spielte der katholische Glaube in deiner Familie dann auch eine große Rolle?

Christine: Eine sehr große Rolle und das ist auch das Coole, finde ich. Wenn ich anderen Russlanddeutschen begegne und versuche die Intensität des Glaubens im Leben meiner Mutter zu verstehen. Ich glaube, dass das auch unter den unterschiedlichen russlanddeutschen Konfessionen der Fall ist, dass diese Communities eigentlich sehr von ihrer religiösen Identität geprägt worden sind und dass Religion vielleicht der stärkste Identitätsanschluss für die wolgadeutschen Communities war. Und die Narrative, die Stories meiner Mutter handelten davon, dass das Schlimmste an der bolschewistischen Revolution der Punkt war, dass das Recht ihren Glauben, ihre Religion zu praktizieren, weggenommen wurde. Das wurde als Trauma in ihrem Leben und im Leben meiner Verwandtschaft wahrgenommen. Desto mehr haben sie im Ausland, in Deutschland und in Kanada zu ihrem Glauben gehalten, weil das nicht selbstverständlich war, dass man religiöse Freiheit gehabt hat.

Ira: Wie ist es denn aktuell in Kanada auch in deinem Umfeld in Toronto, vielleicht gibt es da so etwas wie eine Landsmannschaft?

Christine: Was ganz spannend ist, ist dass in Toronto diese Spuren nicht klar im Vordergrund sind und man muss ein bisschen nachhaken. Ich habe viel erst später, als ich mich für dieses Thema interessiert habe, festgestellt, dass unsere deutsche katholische Community in Toronto sehr stark von Deutschen mit Flüchtlingshintergrund geprägt ist. Das heißt, viele Mitglieder sind Geflüchtete aus dem Sudetenland, aus Schlesien, Donauschwaben und auch Russlanddeutsche, aber wir haben außer der Kirche keine richtige Organisation außer für die Donauschwaben. Die Donauschwaben haben schon eine starke Community und Organisation in Toronto. Außerhalb Torontos, sind  die Mennoniten sehr stark in Alberta und in Manitoba. Und was ich immer interessant finde, wenn die an der Uni in Toronto landen und ich sehe die Namen wie Toews, Warkentin, dann ist das wieder ein Anlass zu fragen: „Ach, du bist mennonitisch, woher kommt deine Verwandten?“ um dann zu hören, dass sie aus Sibirien kommen oder aus dem Wolgagebiet sind, ist wieder eine Möglichkeit ins Gespräch über die Familiengeschichte zu kommen. Das finde ich immer sehr schön. Eine unserer größten Schriftstellerinnen in Kanada, Miriam Toews, stammt auch aus dem mennonitischen Steinbach.

Edwin: Wenn wir von Russlanddeutschen in Kanada heute sprechen, dann meinen wir vor allem die mennonitischstämmigen Menschen, die vor allem aus dem Russischen Reich seit dem 19. Jahrhundert, aber dann verstärkt auch nach der Oktoberrevolution gekommen sind. In den USA ist es gemischt und es sind auch viele Nachfahren von Wolgadeutschen gerade im mittleren Westen. Was ich sehr spannend finde ist: Wie haben sich diese Menschen in diese Gesellschaften in die kollektiven Erinnerungsnarrative integriert? Also im Sinne von: „Meine Familie hat mitgemacht beim Aufbau dieses Landes“. Du hattest mir mal vor Jahren erzählt, dass du ein Projekt vorhattest, wo es um Russlanddeutsche in den Great Plains geht und Erschließung des mittleren Westens und ich habe hin und her überlegt und ein bisschen recherchiert. Es gab diesen Homestead Act , über den sich sehr viele Nordamerikaner historisch identifizieren. Damals haben gerade viele Russlanddeutsche dran teilgenommen. Wie meinst du, ist das so ein Weg für diese Familien sich mit diesen Ländern mit den Nationen zu identifizieren? Im Sinne von diesem Teil der nordamerikanischen Nation? Es ist für uns hier in Deutschland Verknüpfung zu der deutschen Nachkriegsgeschichte zu finden. Ist das vielleicht so ein möglicher Weg für die Russlanddeutschen in Kanada oder in den USA, sich mit dem Land verbunden zu fühlen?

Christine: Es ist eine ganz interessante Frage und ich glaube das bezieht sich auch zurück auf den Impuls, ein Narrativ, eine Story zu haben und einen Beitrag zu dem Land, wo man sich jetzt befindet, eine Zugehörigkeit zu finden und Teil einer Entstehungsgeschichte zu sein. Diese Story davon, wie dieses Land aufgebaut worden ist und die Geschichte von dem Aufbau der Prairies, ganz bestimmt spielt das eine ganz große Rolle in dieser Communities, damit sie sich selbst wiederfinden, besonders, wenn man bedenkt, was vorher kam. Erst einmal die Geschichte nach Russland, die großen Enttäuschungen, dass sie dann weiter nach anderen Ländern gesucht haben… Wie orientiert man sich dann neu?  Und genau diese Möglichkeit, eine prägende Rolle in dem Aufbau zu spielen, ist bestimmt für die Selbstidentität dieser Communities ganz, ganz wichtig.

Ira: Wie ist es denn generell, kennen die Kanadier:innen die Geschichte der Russlanddeutschen oder jetzt speziell der Wolgadeutschen oder musst du dann immer ganz von Anfang anfangen?

Christine: In Toronto muss ich immer hauptsächlich von vorne anfangen, außer es sind die Enkelkinder von diesen in der Nachkriegszeit eingewanderten Russlanddeutschen. Manchmal, wenn Leute sagen: „Ich habe deutsche Wurzeln“, checke ich immer aus. Oft machen sie den Fehler, dass sie „Prussia“ sagen und wenn man die ein bisschen mehr fragt, kommt es raus, dass es eigentlich gar nicht „Prussia“ ist, sondern „Russia“ und es ist irgendwie so nebulös und nicht klar, weil die Großeltern nicht darüber gesprochen haben. Aber wenn man ein bisschen weiter fragt, wird für die die Geschichte dann auch klarer. Ich versuche immer zu unterstützen, wenn es diese Wurzeln gibt und Leute das selbst nicht wissen.

Ira: Und wie ist es denn mit den Kanadier:innen, die keine russlanddeutschen Wurzeln haben, also ist da die Geschichte bekannt? Uns in Deutschland geht es ja auch mal so, dass obwohl Edwin und ich in unserer Wahrnehmung das Gefühl haben, mittlerweile müsste doch jeder über die Geschichte der Russlanddeutschen wissen, aber so ist das eben nicht. Viele Menschen, die hier geboren wurden und ganz andere Wurzeln oder eben Wurzeln hier in Deutschland haben, kennen unsere Geschichte nicht und dann muss man doch häufig komplett von Anfang beginnen? Ist es in Kanada ähnlich? Ich kann mir vorstellen – da gibt's ja so viele unterschiedliche Geschichten, auf jeden Fall noch mehr als in Deutschland – dass wahrscheinlich alle sich gegenseitig ihre Herkünfte erst mal erklären müssen oder wollen.

Christine: Absolut, es ist genauso. Manche Leute kennen das erstens nicht und wenn man versucht das zu erklären, sind die erstmal komplett geschockt, also: „Wie jetzt? Bist du russisch oder bist du deutsch? Dann heißt das, dass du russisch bist? Verstehe ich nicht.“ und dann findet sich diese Möglichkeit, wenn mein Ansprechpartner sich dafür interessiert, ein bisschen diese Geschichte zu erzählen, weil das eine viel komplexere Geschichte davon, was es bedeutet „deutsch zu sein“ in den Vordergrund bringt, die die meisten Leute nicht kennen. Sie wissen auch nicht von der Verschleppung nach Kasachstan und weshalb ich immer noch in Kasachstan, Sibirien und Usbekistan Verwandtschaft habe. Was ich so toll finde ist, dass unsere Familie so gemischt ist, aber es gibt auch Gründe, weshalb meine wolgadeutschen Vorfahren dann nach Kasachstan und Usbekistan gegangen sind, das finde ich wichtig mitzuteilen.

Edwin: Man sagt hier, dass es den Begriff „Russlanddeutsche“ in Deutschland seit den 1920er Jahren gibt, er hat sich in der Wissenschaft so etabliert. Aber dieses „Germans from Russia“ entstand wohl bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Denn, als die ersten Immigranten nach Nordamerika ausgesiedelt sind, sind sie ja dort erstmal als russische Staatsbürger aufgenommen worden und für die Aufnahmegesellschaft irritiert, dass diese angeblichen Russen alle deutsch gesprochen haben, aber nicht deutsch ausgesehen haben. Und das mussten die ersten Siedler, die dorthin angekommen sind, erklären. „Yes, we are germans. But we are germans from Russia.“ Und dass dieser Begriff damals entstanden ist, genau aus dem was du jetzt gerade auch sagst – man muss das irgendwie erklären, das ist nicht so einfach. Und was ich auch sehr spannend finde mit dem mittleren Westen, also unser Podcast heißt ja Steppenkinder und die Russlanddeutschen, die dorthin irgendwann ausgesiedelt sind, sind in diesem Steppenregionen gelandet, ob das jetzt die kanadische Prärie ist oder der mittlere Westen in den USA bis nach Südamerika, Chaco und Pampa.

Christine: Das ist so spannend! Ich will nur zwei kurze Sachen sagen, weil das jetzt so viele Assoziationen hochgebracht hat. Und zwar wäre meine Mutter bestimmt auch in die Steppenrichtung gegangen, wenn es nicht diesen ersten Bruch in ihrer Geschichte wegen der Kollektivierung und der Flucht in den Westen gegeben hätte. Sie hatte immer eine Neigung zu der Steppe gehabt, das hat sie ganz bewusst geäußert, aber da sie die Heimat und auch diese Arbeit am Bauernhof schon als Kind verließ – das hat sie alles nicht machen können, weil die auf der Flucht waren, ist sie dann zum Stadtmenschen, zum Kosmopoliten geworden. Aber ich glaube, dass sie irgendwie im Herzen oft Neigungen hatte, wieder in der Steppe zu sein. Zweitens wollte ich auch sagen, das mit diesen russischen Kostümen – Tatarische Mäntel und Mützen, mit denen diese „Germans from Russia“ ankamen – meine Mutter hat immer erzählt, mit meinem Opa zur „Commission“ zu fahren, und alles für die nächsten fünf Jahre bei den Tataren zu kaufen: ganz tolle Mäntel, unglaubliche Handarbeit, Fellmützen – alles nach dieser traditionellen tatarischen Art. Von daher kann ich mir vorstellen, wie das war in den 1920er Jahren, als sie ankamen und die Leute an den Anmeldebehörden da irgendwie total durcheinander gemacht haben mit ihrem „I’m German“, aber eigentlich mit all diesen tatarischen russischen Einflüssen.

Ira: Wie war es für deine Eltern, als sie dann nach Kanada gekommen sind? Haben sie es so empfunden, dass sie sich jetzt komplett integrieren oder assimilieren müssen? Wir sind die mitgebrachte Generation, ich bin mit neun Jahren nach Deutschland gekommen, ich hatte also unbewusst das Gefühl, ich muss mich jetzt komplett anpassen und alles vergessen. Aber wie war es denn für deine Eltern? Hattest du das Gefühl, die stehen auch unter so einem Druck oder war das so vollkommen okay – man behält die mitgebrachte Identität und nimmt gleichzeitig auch die kanadische an?

Christine: Ich würde sagen, dass in der Nachkriegszeit in Toronto das Deutschsein natürlich aufgrund des Krieges nicht gerade mit den schönsten Assoziationen verbunden war. Und ich glaube, dass es auch generell in den 1950er Jahren in Kanada einen Druck gab, sich zu integrieren und dieses „White Anglo-Saxon-Bild“ vom Kanadischsein anzupassen. Ich glaube auch, dass das für verschiedene Gruppen gilt, die nach Kanada eingewandert sind, sowie natürlich für unsere Indigenes, die eine viel längere komplizierte Geschichte in Kanada haben inklusive Genozid, aber das ist ein anderes Thema. Für meine Eltern gab es eine Community, es gab einen Platz, wo man sich finden konnte seine Sprache sprechen konnte. Diese Sachen waren für sie wichtig. Und ich glaube, dass sie Kanadier sein wollten. Sie sind nach Kanada gekommen, um neu anzufangen. In Deutschland sahen sie nicht keine Zukunft und bis zu einem gewissen Grad wollten sie sich in Kanada anpassen, Englisch sprechen. Das hat sich erstmals in der Trudeau-Ära geändert, da man durch seine Idee vom Multikulturalismus eine plurale Identität haben konnte. Es war zu der Zeit vielleicht weit genug entfernt vom Krieg, als man sich mit seiner deutschen Identität irgendwie wieder ein bisschen mehr in der Öffentlichkeit stellen konnte. Dieser russlanddeutsche Hintergrund ist auch eine andere Ebene gewesen, innerhalb dieser deutschsprachigen Community hat meine Mutter das immer unterdrückt und wollte nicht, dass die Leute wissen, dass sie aus Russland kam, und ich glaube das war aufgrund ihrer Erfahrung, als sie nach Deutschland kam. Dass die Familienangehörigen als Russen bezeichnet worden sind und das war quasi wie ein Schimpfwort zu der Zeit. Ich glaube, sie hat Angst gehabt, dass innerhalb der deutschsprachigen Community in Toronto eventuell dieselbe Stigmatisierung vorkommen würde.

Ira: Hat sie diese Scham im Laufe ihres Lebens abgelegt?

Christine: Ja, glaube ich, und das ist das Schöne daran – wie gesagt, als in den 1980er Jahren Russland und die Sowjetunion einen großen Wandel durchmachte, sowie einen „change of public image“ hatte, konnte sie sich auch selbst mehr in der Öffentlichkeit mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Und in den 1990er Jahren erst recht, denn, ich glaube, jedes Mal, wenn diese Geschichte vorkam, als Verwandte sich durch diese Verbindung, die sie neu etablieren konnten, wiederfinden konnten, war es für sie ein Anlass, mehr in die Öffentlichkeit mit ihrer Herkunft zu treten. Also, das war irgendwie der Moment, als sie wirklich angefangen hatte, sich mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen.

Edwin: Wolltet ihr auch mal nach Kamenka reisen?

Christine: Auf jeden Fall, das ist immer noch unser größter Traum. Ich hoffe sehr, dass ich auf jeden Fall dahinfahren kann. Meine Mutter ist jetzt 87, kann sich noch an alles erinnern, so wie es war. Ich glaube, wenn wir dahinfahren würden, würde es natürlich ganz anders aussehen, aber trotzdem mit meiner Mutter nach Kamenka zu fahren und einfach von ihr zu hören: „Die Kirche war hier, das Bürgeramt war da. Hier war die Schule hier haben wir gewohnt…“, das ist immer noch ein Traum, der hoffentlich verwirklicht werden kann. Und ich würde sehr gerne mit ihr den Wolga-Fluss, wie meine Großeltern das gemacht haben, hoch und runter fahren. Und obendrauf möchte ich auch sehr gerne nach Wladiwostok – mein Großvater war in der Roten Armee und ist regelmäßig nach Wladiwostok für längere Aufenthalte gefahren – um diese Transsib-Zugreise zu machen, genau wie mein Opa das gemacht hat, ist auch ein großer Traum für mich. Und durch diese ganzen „-stan-Länder“; durch die Mongolei mit dem Zug zu fahren.

Ira: Was versprichst du dir von so einer Reise, also, was glaubst du, was dir das gibt oder was du fühlen wirst? Weil für viele Menschen in unserem Alter ist das ja irgendwie wenig nachvollziehbar, warum es uns immer wieder an diese Orte verschlägt, wo unsere Großeltern oder Eltern gelebt haben. Also, ich kann deine Faszination sehr gut verstehen, aber vielleicht kannst du es in deinen Worten für diejenigen Zuhörer:innen beschreiben, für die das irgendwie gar keine Idee ist, warum man jetzt an die Wolga fahren sollte? Da ist doch jetzt sowieso alles ganz anders. Also, was glaubst du, wirst du fühlen, wenn du dort bist?

Christine: Ich glaube, da ist etwas, was ich von meiner Mutter geerbt habe, was sie sehr von ihrem Geburtsort anhänglich macht und ich glaube, dass es so ist, weil sie in ihrem Leben zu viele Umzüge durchgemacht hat, weshalb das Wolgagebiet für sie immer noch die Idee von ihren Wurzeln ist und mit so vielen tollen Geschichten aus ihrer Kindheit verbunden ist, bevor sie geflüchtet ist. Ich glaube, es würde diese Geschichten von der Wolgarepublik erwecken. Das war tatsächlich, ich würde  natürlich nicht sagen kosmopolitisch, aber schon sehr international zu der Zeit. Da sind so viele Künstler und Theatertruppen aus der Weimarer Republik hingefahren. Der beste Freund meines Opas war ein Russe, auch ein Soldat, den würde ich sehr gerne finden, der wohnt bestimmt noch da. Die Kirche – wieder dieses Thema – unsere starke Verbindung zu unserem Glauben; meine Mutter spricht immer von dieser Kirche in Kamenka. Sie haben sogar Maler aus Italien geholt, um die Fresken zu machen und meine Mutter hat so viele Bilder von dieser Kirche zu Hause. Mein Großvater hatte irgendwelche utopische Hoffnung für diese Republik und diese Republikzeiten gehabt; meine Großmutter mit ihrer Verbindung an diese Kirche und ihr Glaubensleben, das sie da in diese Stadt in diese kleine Stadt weiter fortführen führen wollte: all diese Sachen, all diese Dimensionen will ich wieder aufwecken, wenn ich in diesen Ort komme, wo ich weiß, es gibt nur Skelette, nur Spuren davon. Aber den Rest kann ich mit den Geschichten, die ich von meiner Mutter bekommen habe und durch Fantasie und dadurch, was ich über das die Geschichte gelesen habe, kann ich diese Löcher… auf Englisch gesagt „I can fill in the blanks“.

Edwin: Wir haben jetzt noch eine Frage aufgeschrieben, die würde ich dir gerne mal stellen. Und zwar, du bist auch Theaterwissenschaftlerin und warst auch an einigen Theatern hier in Deutschland – an der Volksbühne und am Gorki-Theater in Berlin - tätig. Diese Theater, vor allem des Gorki-Theater sind dafür bekannt, dass sie die gesellschaftliche Diversität und ein aktuelles Bild von Deutschland darstellen. Wir hatten uns in der Vergangenheit oft darüber unterhalten, dass aus meiner Sicht die Themen der Russlanddeutschen in diesem postmigrantischen Theaterdiskurs kaum vorkommen. Was denkst du denn selbst darüber und was hast du vor, da jetzt mit beizutragen?

Christine: Ja, meine Volksbühneforschung war auf jeden Fall auch von meiner russlanddeutschen Herkunft geprägt, weil ich finde, dass die Volksbühne ein Ort war, wo man mit dieser Ost-West-Ambivalenz oder Auseinandersetzung, den postsozialistischen Zustand irgendwie aufgearbeitet hat, weswegen ich viel von meiner Familiengeschichte auf der Volksbühne wiedergefunden habe. Und auch kleinere Sachen, also kleinere Aspekte von Frank Castorfs Arbeit, wie er sich auf Piscators Arbeiten der 1920er Jahre bezogen hat. Was auch wieder ein Anlass war, Piscators Arbeit in Saratov, in Engels, in der Wolgadeutschen Republik zu erforschen und diese Zusammenhänge zwischen der Weimarer linken Avantgarde und meiner Verwandtschaft zu finden. Für mich war das einfach großartig und jetzt finde ich sehr spannend, ob es eine Möglichkeit gibt, russlanddeutsche Themen in den Diskursen des Gorki-Theaters wiederzufinden. Also, wie können Russlanddeutsche mit ihrer Vielfältigkeit, ihrem Pluralismus und Heterogenität und Migrationshintergrund, auch etwas zum Gorki beitragen? Weil gerade Gorki ist jetzt das Theater, das postmigrantische, postkoloniale Identitätsthemen – Diversität, Inklusivität – diese ganzen Themen bearbeitet. Und ich finde, dass diese Generation von Russlanddeutschen vielleicht da einen Ort hätte, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Gerade gegen diese Stereotypen, die es über Russlanddeutsche als homogene Community gibt, zu kämpfen und zu sagen, man solle uns als wirklich divers, heterogen und auch mit Migrationshintergrund wahrzunehmen. Wie können wir zu einem postnationalen Deutschland-Image etwas beitragen?  Ich höre, was aus der Community kommt, da gibt es eine neue Generation, die in der Lage ist, das zu machen und die auch diese ethnische Diversität innerhalb der russlanddeutschen Community wirklich in den Vordergrund bringen. Es muss an den Theatern in Berlin landen, weil das Theater eine moralische Anstalt ist. Wir haben so eine unglaubliche Tradition hier, sich kritisch mit dieser Gesellschaft auseinanderzusetzen und ich finde, dass es deswegen der Ort ist, an dem man diese Gespräche führen soll.

Ira: Ach schön, vielen Dank, liebe Chris für das Gespräch mit dir.

Christine: Vielen lieben Dank an euch beide, das war eine große Ehre, weil wie du weißt, bin ich ein großer Fan von „Steppekinder“, ich habe euch immer in Toronto gehört.



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