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Stalins Spiel mit dem Hunger: Holodomorein Genozid?

„We walked around like skeletons. Our bodies were glowing and we looked as though we had been pumped up. That is how we were. It was terrible, truly terrible! Nobody paid any attention to anything. No attention at all.“[1]
- Klavdia Semianiv, Überlebende der Hungersnot

Tod durch Hunger – Als Resultat staatlichen Handelns, manifestierte sich 1932/1933 im sogenannten „Holodomor“, einer Hungersnot in der ukrainischen Sowjetrepublik und weiteren Regionen der UdSSR manifestierte. Der Begriff birgt mehr als nur den Verlust von Menschenleben. Eine differenzierte Betrachtung enthüllt die vielschichtige Geschichte der Hungersnot. Zwar ist unumstritten, dass der Holodomor eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts war. Nichtsdestotrotz wird dieser Umstand von der Kontroverse um seine Definition überschattet. Diese Debatte, bei der die Frage nach Schuld und Intention im Mittelpunkt steht, erhitzt bis heute die Gemüter: Handelte es sich bei dem Holodomor um einen Genozid?

Abb. 1: Fußgänger und Leichen verhungerter Bauern auf einer Straße in Charkiw, 1933

Zunächst stellt sich die Frage, wie es in der Ukraine – der „Kornkammer Europas“ – zu einer solch verheerenden Hungersnot kommen konnte. Die Leidensgeschichte der ukrainischen Bauern beginnt mit der Ausrufung des ersten Fünf-Jahres-Plans im Jahr 1928. Die bis dato größtenteils von Agrarwirtschaft geprägte Sowjetunion sollte binnen kürzester Zeit zur Industriemacht werden. Den Tribut für dieses Ziel sollten vor allem die Bauern zahlen. Ab Ende 1929 kam es zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Der Privatbesitz an Boden und Vieh wurde abgeschafft. Die Bauern wurden in Kollektivbetrieben, den sogenannten Kolchosen, organisiert, denen ein Produktionssoll auferlegt wurde, welches sie zu staatlich festgelegten Preisen abliefern mussten. Viele Bauern versuchten sich gegen die Zwangskollektivierung und die utopischen Abgabeziele zu wehren. Durch verzweifelte Protestaktionen, wie das Abschlachten von Vieh und der Zerstörung ihrer Gerätschaften, versuchten selbstständige Bauern sich erfolglos der Regierung zu widersetzen. Zusätzlich führten schwere Dürren 1931 und 1932 zu umfangreichen Missernten.[2]

 

Die Erträge reichten nach den Zwangsabgaben nicht einmal für die Ernährung der sowjetischen Bevölkerung. Dennoch wurde das Abgabesoll nur minimal gesenkt und die Sowjetunion lieferte ihre sogenannten Hungerexporte weiter ins Ausland.[3]

Die Bauern konnten den geforderten Getreideabgaben nicht gerecht werden. Für Josef Stalin war es klar: Die sogenannten Kulaken, also Besitzbauern, die durch die Propaganda zum Klassenfeind erklärt wurden, sabotieren die Ernte.Sie stellten sich nach seiner Auffassung gegen die sowjetische Regierung und damit gegen ihn persönlich. Kurzerhand wurden die Kulaken zu Staatsfeinden erklärt und es wurde die Repressions- und Gewaltkampagne der Entkulakisierung eingeführt. Die vom stalinistischen Terror heimgesuchte Bauernschaft wurde in Arbeitslager gesperrt, an die sowjetische Peripherie deportiert oder ermordet.[4] Kulaken waren nach offizieller Lesart ideologische Feinde, die es aus dem Weg zu räumen galt. Jeder Bauer – egal ob reich oder arm – konnte als Kulake gebrandmarkt und somit zum sowjetischen Staatsfeind werden.[5]

Abb. 2: Ein abgemagerstes Pferd 1933 in der Ukraine.

Obwohl die sowjetische Regierung von der Hungersnot wusste, erhielten die betroffenen Regionen keinerlei Hilfe. Hungerflüchtlinge wurden abgefangen und zurück in ihre Dörfer geschickt. Teile der Ukraine wurden abgeriegelt und die Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen. Die Folge war der grausame Hungertod. Die Opferzahlen sind umstritten, nach konservativen Schätzungen sind 3,5 bis 4 Millionen Menschen in der ukrainischen Sowjetrepublik gestorben. Damit kamen rund 10 Prozent der Bevölkerung ums Leben, die Mehrheit von ihnen waren ukrainische Bauern.[6]

Die Debatte darüber, ob dieses Kapitel der Geschichte als Genozid, also als einen Versuch eine ethnisch definierte Menschengruppe ganz oder teilweise zu zerstören, zu klassifizieren ist oder nicht, öffnet Türen zu tiefgreifenden Diskussionen über Interpretation, Intention und Deutung.

Jörg Ganzenmüller und andere westliche Historiker, aber auch viele russische Historiker sehen im Holodomor keinen Genozid. Ganzenmüller argumentiert, dass eine gezielte Herbeiführung der Hungersnot durch Stalin nicht nachweisbar sei. Vielmehr habe die Zwangskollektivierung eine Agrarkrise hervorgerufen, die dann in der besagten Hungerkatastrophe endete. Zwar wurde der Hunger als eine Disziplinierungsmaßnahme geduldet, es gab jedoch keine von langer Hand geplante Vernichtungsabsicht. Zudem war die Hungersnot kein spezifisch ukrainisches, sondern ein gesamtsowjetisches Phänomen. Im Wolgagebiet und im Kasachstan gab es ebenso Millionen Opfer.

Auch die Opfergruppen der Kollektivierungskampagnen ist unscharf: Unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit konnte jeder, der sich nicht der Politik und der Ideologie Stalins beugte, zum Kulak und damit zum ideologischen Gegner Stalins erklärt werden. Die Bezeichnung Kulak spiegelt also nicht die realen Umstände wider, sondern war eher die Etikette  für jene Bauern, der sich der Kollektivierung widersetzten. Stalins Terror gegen die ukrainische Landbevölkerung war demnach unsystematisch sowie willkürlich und passt damit nicht ins Raster der gängigen Genoziddefinitionen.[7]

Abb. 3: "Der Horror der Ukraine. Offengelegt durch einen Touristen mit geheimer Kamera."
Titelseite der "Daily Express" vom August 1934.

Abb. 4: "Sechs Millionen verenden in sowjetischer Hungersnot. Die Ernte der Bauern wurde beschlagnahmt. sie und ihre Tiere verhungern."
Titelseite der Zeitung "Chicago American".

Auf der anderen Seite argumentieren Historiker wie Gerhard Simon, Anne Applebaum oder Raphael Lemkin, der Begründer der Genozid-Konvention, der Holodomor sei eindeutig ein Genozid. Sie argumentieren, dass Stalin den Hunger gezielt einsetzte, um ukrainisches Nationalbewusstsein zu brechen. Stalin sei sich dem Massensterben bewusst gewesen und grade darin liege die Vernichtungsabsicht. Das Instrumentalisieren des Hungers als Mittel der  Disziplinierung der Landbevölkerung verleihe der Katastrophe ihre Systematik.[8] Die Opfergruppe ist nach dieser Lesart genau definiert: Die „nationalistischen Ukrainer“, die Stalins Herrschaft potenzial untergruben.[9] Die Bolschewiki riegelten ukrainisches Gebiet ab, zwang die Bauern, sich ihrem Schicksal hinzugeben und enthumanisierten sie dadurch. Damit sei der Holodomor keine unvorhersehbare Katastrophe gewesen. Stattdessen sei sie eine von Stalin kontrollierte und provozierte Hungersnot mit dem Ziel, die Feinde der sowjetischen Ordnung zu vernichten.[10]

Die Frage nach Schuld und Zugeständnis überschattet die Fakten der Tragödie: Stalin ließ wohlwissend zu, dass Millionen von Menschen einen qualvollen Hungertod sterben mussten. Heute spielt der Umgang mit der Erinnerung an den Holodomor eine bedeutende Rolle für die ukrainischen Identität, auch wenn die Katastrophe international keine einheitliche Anerkennung als Genozid erhalten hat. Als Zeugnis der stalinistischen Tyrannei sollte die Erinnerung an den Holodomor uns dazu auffordern, unsere Erinnerungskultur zu stärken und sicherzustellen, dass das Leid der Vergangenheit nicht verblasst. Nur so können wir uns gegen wiederkehrende Muster von Unterdrückung behaupten.

Fußnoten:

[1] The Association of Ukrainians in Great Britain Limited. Grains of truth. A collection of UK materials on the Holodomor in Ukraine 1932-1933, London 2018, S. 33, im Folgenden zitiert als: Association of Ukrainians: Grains of truth.

[2] Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2023, S. 165-166f., im Folgenden zitiert als: Kappeler: Ungleiche Brüder.

[3] Simon, Gerhard: Der Holodomor als Völkermord. Tatsachen und Kontroversen, Mannheim 2007, im Folgenden zitiert als: Simon: Der Holodomor als Völkermord.

[4] Kappeler, Andreas: Kleine Geschichte der Ukraine, München 2019, S. 168.

[5] Zank, Wolfgang: Stille Vernichtung, in: Die Zeit 48 (2008), im Folgenden zitiert als: Zank: Stille Vernichtung.

[6] Zank: Stille Vernichtung.

[7] Ganzenmüller, Jörg: Stalins Völkermord? Zu den Grenzen des Genozidbegriffs und den Chancen eines historischen Vergleichs, in: Steinbacher, Sybille (Hg.): Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs, Frankfurt am Main/New York 2012, S. 150-155.

[8] Zank: Stille Vernichtung.

[9] Kappeler: Ungleiche Brüder, S. 169.

[10] Simon: Der Holodomor als Völkermord.


(Bild-)Quellenverzeichnis:

Abbildung 1: Wienerberger, Alexander: Entnommen aus dem digitalen Archiv WayBack Machine,  Zur Verfügung gestellt von Prof. Wassyl Marochka (Institut für Geschichte der Ukraine, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine), URL: https://web.archive.org/web/20191029203058/https://archives.gov.ua/Sections/Famine/photos.php?4#photo. Zuletzt geöffnet am 02.12.2023.

Abbildung 2: Fotografie eines abgemagerten Pferdes in der Ukraine. 1933. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Horse_of_Great_Famine_2.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

Abbildung 3: Titelseite der "Daily Express" vom 06. August 1934. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:6_aug_top_daily_express_Holodomor_Genocide.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

Abbildung 4: Titelseite der "Chicago American". URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holodomor-Chicago.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

 

Literaturverzeichnis:

  • Ganzenmüller, Jörg: Stalins Völkermord? Zu den Grenzen des Genozidbegriffs und den Chancen eines historischen Vergleichs, in: Steinbacher, Sybille (Hg.): Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs, Frankfurt am Main/New York 2012, S. 145– 166.
  • Kappeler, Andreas: Kleine Geschichte der Ukraine, München 2019.
  • Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2023.
  • Simon, Gerhard: Der Holodomor als Völkermord. Tatsachen und Kontroversen, Mannheim 2007. https://web.archive.org/web/20180131023623/https://www.europaimunterricht.de/simon_holodomor_als_voelkerm.html?&MP=3707-9716. Zuletzt aufgerufen am: 18.12.2023.
  • The Association of Ukrainians in Great Britain Limited. Grains of truth. A collection of UK materials on the Holodomor in Ukraine 1932-1933, London 2018.
  • Zank, Wolfgang: Stille Vernichtung, in: Die Zeit 48 (2008), https://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor/komplettansicht. Zuletzt abgerufen am: 18.12.23.