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Die Lokomotive der Perestroika?

Als erste unter den Sowjetrepubliken erklärten Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1990 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Dass die baltischen Staaten dabei nicht nur für ihre eigene Unabhängigkeit eintraten, sondern einen maßgeblichen Anteil am Zerfall der Sowjetunion hatten, war ihnen durchaus bewusst und entsprach ihrem Selbstverständnis. Der litauische Aktivist Algimantas Čekuolis bezeichnete die baltischen Autonomiebewegungen als „Lokomotive der Perestroika“,[1] betonend, dass dies den Anspruch der Baltinnen und Balten als führende Kraft im Streben nach Loslösung von der Fremdherrschaft der Sowjetunion unterstreiche. Inwieweit die baltischen Republiken diese Rolle tatsächlich einnehmen konnten und durch ihre transnationale Agitation zum Zerfall der Sowjetunion beitrugen, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Lockerungen, die durch Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika angestoßen wurden, entwickelten sich in den drei baltischen Teilrepubliken Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1988 politische Reformbewegungen. Die sogenannten „Volksfronten“ (estnisch: Rahvarinne, lettisch: Latvijas Tautas Fronte, litauisch: Sąjūdis) wurden zu Sammelbecken verschiedenster reformorientierter Ideen und erhielten breite Unterstützung von einem Großteil der Bevölkerung im Baltikum.[2] Auch die lokalen Kader der Kommunistischen Partei unterstützten die Bestrebungen der Volksfronten in großen Teilen. So erklärte beispielsweise der Oberste Sowjet Estlands bereits 1988 Estlands Souveränität innerhalb der Sowjetunion, was jedoch von der Parteiführung in Moskau sofort wieder annulliert wurde.[3] Nach langem politischem Ringen wurde die Unabhängigkeit der drei Staaten erst im September 1991 auch von sowjetischer Seite offiziell anerkannt.[4]

Die Volksfronten des Baltikums hatten jedoch nie nur für sich allein gekämpft. Bereits 1988 formulierte das Grundsatzprogramm der estnischen Rahvarinne das Ziel, Selbstbestimmung und Souveränität für alle Nationalitäten der Sowjetunion zu erreichen.[5] Dieses Selbstverständnis manifestierte sich in der aktiv eingenommenen Vorreiterrolle des Baltikums sowie in der engen Vernetzung der baltischen Volksfronten.

Abb. 1: Demonstrierende als Teil des Baltischen Wegs bei Vilnius, Litauen

Abb. 2: Demonstrierende als Teil des Baltischen Wegs, Litauen

Betrachtet man die Kooperation innerhalb des Baltikums und darüber hinaus, lassen sich vor allem Verbindungen zu Volksfronten und anderen demokratisch-nationalen Gruppen der westlichen Sowjetrepubliken erkennen. Anfangs ging die Initiative vorwiegend von den baltischen Staaten und ihren Volksfronten aus. Eigene Komitees wurden gegründet, die sich ausschließlich um den Austausch und den Aufbau von anderen Nationalbewegungen kümmerten.[6] Gleichzeitig suchten aber auch andere Nationalbewegungen aktiv nach Unterstützung bei den baltischen Vorbildern. So erhielt beispielsweise die lettische Volksfront Anfragen aus Georgien und Belarus. Dortige Aktivistinnen und Aktivisten baten um Hilfe, um Programme nach dem Vorbild der Latvijas Tautas Fronte zu formulieren. Andere Gruppen, wie die Volksfronten Usbekistans und Armeniens, profitierten von den gut ausgebauten Pressenetzwerken der baltischen Volksfronten, die weniger durch Zensur eingeschränkt waren als in anderen Teilen der Sowjetunion. Artikel aus verschiedenen Teilrepubliken wurden regelmäßig in den baltischen Presseorganen abgedruckt, um sowohl die russische Bevölkerung als auch die westeuropäische Presse zu erreichen, mit der die baltischen Republiken gut vernetzt waren. Sogar Boris Jelzin, der einige Jahre später zum ersten Präsidenten Russlands gewählt wurde, ließ zwischenzeitlich ganze Zeitungsausgaben in Estland drucken. Auch logistische Hilfe kam aus dem Baltikum. So ermöglichten die litauische und die lettische Volksfront Treffen der belarussischen Volksfront in Vilnius und der Demokratischen Liga der Ukraine in Riga, während es diesen Gruppen aufgrund von strengen Auflagen und Widerstand in ihren eigenen Republiken nicht möglich war, sich zu versammeln.[7]

Abb. 3: 1-Litas-Gedenkmünze zum 10-jährigen Jubiläumdes baltischen Weges. Litauen 1999.

Neben diesen direkten Kooperationen beeinflussten die baltischen Volksfronten durch ihre Vorreiterrolle auch indirekt die Entwicklungen in den anderen Sowjetrepubliken. Nach der Gründung der drei Volksfronten im Baltikum folgten weitere Sowjetrepubliken ihrem Beispiel, darunter die ukrainische Volksfront Ruch, die mit über 500.000 Mitgliedern zu einem bedeutenden Akteur in der Ukraine wurde. Ruch und andere Volksfronten übernahmen viele Elemente aus den baltischen Programmen, insbesondere den Fokus auf Sprachgesetze und nationale Selbstbestimmung. Auch symbolische Aktionen wie die Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius im August 1989 wurden aus dem Baltikum übernommen. So bildeten die Menschen im Januar 1990 sowohl in der Ukraine zwischen Kiew und Lwiw als auch in Moldau nahe der rumänischen Grenze Menschenketten gegen die Sowjetführung. Die Unabhängigkeitserklärungen Lettlands und Estlands, die als erste Republiken ihre Unabhängigkeit forderten (im Unterschied zu Litauen, das zunächst eine Übergangsphase erklärte), dienten vielen anderen Republiken als Vorbild.[8]

Estland, Lettland und Litauen sowie ihre jeweiligen Volksfronten hatten einen unverkennbaren Einfluss auf die Unabhängigkeitsbewegungen in den anderen Teilrepubliken der Sowjetunion. Das zu Beginn zitierte Bild vom Baltikum als Lokomotive der Perestroika findet in Anbetracht der Demokratisierungsprozesse, die in den baltischen Republiken, aber auch durch den Einfluss des Baltikums anderswo angestoßen wurden, seine Bestätigung.

Fußnoten:

[1] Vgl. Algimantas Čekuolis, zitiert in: Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 5.

[2] Vgl. Levits, Egil, „Der Konflikt über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen“, in: Sicherheit und Frieden / Security and Peace. 08/03, 1990, S. 141.

[3] Vgl. Winkler, Heinrich August, Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg bis Mauerfall, München 2014, S. 907.

[4] Vgl. Litauen – 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In: Bundeszentrale für politische Bildung Online, 09.03.2020, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/202394/litauen-30-jahre-unabhaengigkeit-von-der-sowjetunion/#:~:text=Mehrparteien%2DParlament%20statt.-,11.,Mai%20Estland [letzter Zugriff: 15.12.2023].

[5] Vgl. Popular Front of Estonia: Charter, General Programme, Resolutions, Manifesto. Tallinn, 1989, S.18.

[6] Vgl. Lazda, Mara, „Reconsidering Nationalism: The Baltic Case of Latvia in 1989“, in: International Journal of Politics, Culture, and Society. 22/4, 2009, S. 529.

[7] Vgl. Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 9ff.

[8] Vgl. Muiznieks, Baltic Popular Movements, 1995, S. 14f.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

  • Lazda, Mara, „Reconsidering Nationalism: The Baltic Case of Latvia in 1989“, in: International Journal of Politics, Culture, and Society. 22/4, 2009, S. 517–536.
  • Levits, Egil, „Der Konflikt über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen“, in: Sicherheit und Frieden / Security and Peace. 08/03, 1990, S. 139-142.
  • Litauen – 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In: Bundeszentrale für politische Bildung Online, 09.03.2020, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/202394/litauen-30-jahre-unabhaengigkeit-von-der-sowjetunion/#:~:text=Mehrparteien%2DParlament%20statt.-,11.,Mai%20Estland [letzter Zugriff: 15.12.2023].
  • Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 3-25.
  • Popular Front of Estonia: Charter, General Programme, Resolutions, Manifesto. Tallinn, 1989.
  • Winkler, Heinrich August, Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg bis Mauerfall, München, 2014.

Bildquellenverzeichnis:

Abbildung 1: Ščiavinskas, Vladas, Lithuanian State Central Archives, 23.08.1989, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Segment_of_the_Baltic_Way_on_the_motorway_in_Vilnius,_Lithuania.jpg [letzter Zugriff: 14.05.2024].

Abbildung 2: Laimonis Stīpnieks, 23.08.1989, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Baltic_Way_in_Latvia_between_C%C4%93sis_and_Valmiera.jpeg [letzter Zugriff: 14.05.2024].

Abbildung 3: Lietuvos Bankas, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LT-1999-1litas-Baltijos_kelias-b.png[letzter Zugriff: 14.05.2024].