Der Historiker als Held
Mychajlo Hruschewskjs und die Geburt der ukrainischen Nationalidentität
Wie bedeutend der Beitrag der historischen Forschung zu einer nationalstaatlichen Bewegung sein kann, wird am Beispiel Mychajlo Hruschewskyjis deutlich, dessen historische Erzählungen ihn zu einem ukrainischen Nationalhelden gemacht haben. Seine Forschungen bildeten einen Grundpfeiler der ukrainischen Identität, in einer Zeit in der Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch aktiv gestaltet wurde.
Im 19. Jahrhundert begannen die Ukrainer, wie viele andere europäische Völker, sich als Nation zu konzipieren.[1] Für diesen Identitätsprozess benötigten sie eine gemeinsame Geschichtserzählung, da das imaginierte historische Erbe von besonderer Relevanz für die Konstruktion einer nationalen Ideologie ist.[2] Auf Grundlage solcher Nationalerzählungen werden Staaten legitimiert. Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj (1866-1934) wagte es, den hegemonialen russisch-imperialen Diskurs radikal in Frage zu stellen, indem er die mittelalterliche Kiewer Rus’ als zentrales Element für die ukrainische Geschichtsschreibung beanspruchte und im Gegensatz zu den russischen Historikern nicht das dynastische Prinzip, sondern das territoriale und kulturelle Erbe in den Fokus stellte. Hruschewskyj formte damit nicht nur eine neue Perspektive auf die Vergangenheit, sondern auch die Grundlage für die nationale Identität der Ukraine.
Leben und politisches Wirken
Mychajlo Hruschewskyj, 1866 geboren, studierte an der Historischen Fakultät der St. Wladimir-Universität in Kiew und wurde an der Universität in Lwiw Professor für osteuropäische Geschichte. Er war jedoch nicht nur Historiker, sondern auch politischer Denker. Er bekleidete politische Ämter und spielte eine bedeutende Rolle im Staatswerdungsprozess der modernen Ukraine. Als einer der Gründerväter der Ukrainischen Volksrepublik im Jahr 1917 war er nicht nur ein Chronist der Geschichte, sondern auch ein aktiver Gestalter der politischen Landschaft, die in den Jahren 1917/18 in seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Zentralrada, dem ukrainischen Parlament und als Präsident der ukrainischen Volksrepublik gipfelte.[3] Seine politische Vision sah eine unabhängige und souveräne Ukraine vor. Als Präsident setzte er sich für die Herausbildung einer eigenständigen Nation ein. Seine politische Karriere spiegelte sich in seinen historischen Werken wider, die nicht nur die Genese der Ukraine dokumentierten, sondern auch ihre Zukunft entwarfen.[4]
Die Kiewer Rus’ als Keimzelle der ukrainischen (?) Nation
In Hruschewskyjs Meistererzählung erscheint die Kiewer Rus’ als die Keimzelle der ukrainischen Geschichte. Als Kiewer Rus‘ wurde der mittelalterliche Staat ostslawischer Völkerschaften bezeichnet, der als eine Konföderation mehr oder weniger unabhängiger Fürstentümer die Waldgebiete der osteuropäischen Ebene beherrschten. Die Stadt Kiew war Sitz des Großfürsten, des nominellen Oberhauptes des der Kiew Rus‘. Hruschewskyj sieht in Kiew nicht nur einen geographischen Ort, sondern auch das historische Herz und die Wiege der ukrainischen Nation. Er stellte der in der russischen Historiographie kanonisierten Abfolge Kiew – Moskau – St. Petersburg die Etappen Kiew - Galicien/Wolhynien – Großfürstentum Litauen-Rus’ – Hetmanat der Zaporizhia-Kosaken entgegen. Damit widersprach er entschieden der offiziellen russischen Doktrin, die eine slawische Einheit des aus Großrussen, Kleinrussen (Ukrainern) und Weißrussen bestehenden allrussischen Volkes und seiner Geschichte proklamierte. In Hruschewskyjs ukrainischem Erzählstrang spielt das Kosakentum eine zentrale Rolle. Er setzte die egalitären Traditionen der ukrainischen Kosaken dem autokratischen Russland und dem aristokratischen Polen entgegen. Gleichzeitig betonte er ihre staatsbildende Kraft, die sich in der Gründung des Hetmanats manifestierte.[5] Dieser veränderte Fokus auf Rus' und Kosaken trug maßgeblich zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei, das die Ukrainer bis heute mit Stolz erfüllt.
Die Wirkung dieses Narratives reicht über seine Schriften hinaus und formte die Vorstellung einer unabhängigen und eigenständigen Nation. Die Identifikation mit der Kiewer Rus’ wurde zum Kitt, der die Ukraine in ihrer kulturellen und historischen Pluralität zusammenhielt. Die Ukraine teilt sich allerdings das Erbe der Kiewer Rus’ mit Russland und Belarus. Diese gemeinsamen Elemente stellten eine Herausforderung für die Architekten des ukrainischen Geschichtsnarratives dar, die sich bewusst von Russland und der russischen Nation distanzieren wollten.[6] Der Konflikt mit Russland über das Erbe der alten Rus’ besteht bis heute. Doch wie wurden Hruschewskyjs Werke in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit seinem Tod 1934 rezipiert?
Abbildung 1.: Ukrainische Briefmarke zu Ehren Hruschewskyjs (1995)
In den Giftschrank verbannt
Die sowjetische Ära brachte Herausforderungen für Hruschewskyjs Erbe mit sich. In den Jahren der Sowjetunion wurde seine Arbeit einer ideologischen Vereinnahmung ausgesetzt. Die kommunistische Führung versuchte, Hruschewskyjs Beitrag als Teil eines übergeordneten sowjetischen Narrativs zu interpretieren. Seine Rolle als Präsident der Ukrainischen Volksrepublik wurde dabei marginalisiert oder verzerrt. Diese Lesart war jedoch nicht von Dauer, da Hruschewskyj aufgrund seiner Rolle als Initiator einer eigenständigen ukrainischen Geschichte, die sich von der russischen abgrenzte, dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.[7] Hruschewskyjs Werke wurden seit den 1930er Jahren in den Giftschrank verbannt.[8] Nach 1956 gab es zaghafte Versuche einer Rehabilitation. Trotzdem blieb Hruschewskyj in Teilen der sowjetischen Gesellschaft ein Symbol des ukrainischen Nationalstolzes. Seine historischen Abhandlungen dienten in informellen Zirkeln weiterhin als stille Erinnerung an eine Zeit der nationalen Unabhängigkeit.
Konterfei auf Banknote
Nach 1991 gewannen Hruschewskyjs Werke eine neue Bedeutung. Sie dienten nun als Grundlage für die Konstruktion einer unabhängigen nationalen Identität. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion befreite sich die ukrainische Geschichtswissenschaft vom Korsett der kommunistischen Historiographie, das stets die Freundschaft zum „großen russischen Brudervolk“ hervorhob. In diesem ideologischen Vakuum füllte sie sich zunehmend mit nationalen Inhalten und griff auf die Konzeption von Hruschewskyjs zurück, die bald kanonischen Charakter erlangte.[9] Dennoch brachten die postsowjetischen Jahre auch Herausforderungen mit sich. Die Frage nach Hruschewskyjs Rolle in der sowjetischen Ära und die Vereinnahmung seiner Arbeit erforderten eine kritische Reflexion. Die Ukraine stand vor der Aufgabe, sein Erbe von ideologischen Verzerrungen zu befreien und gleichzeitig seine historische Bedeutung anzuerkennen. Diskussionen über seine politischen Entscheidungen und die Frage, inwieweit er die Herausforderungen seiner Zeit bewältigen konnte, prägen die Debatte über Hruschewskyjs Nachwirken. Dennoch nimmt Hruschewskyj für die Ukrainer eine herausgehobene Stellung im kollektiven Gedächtnis als Gründervater der ukrainischen Nation ein. So ist es nicht verwunderlich, dass sein Porträt den 50-Hrywnja-Schein schmückt.
Abbildung 2: Hruschewskyj auf dem 50-Hrywnja-Schein
Fazit
Als Historiker, Politiker und Visionär prägte Mychajlo Hruschewskyj nicht nur den Blick auf die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft seines Landes. Sein Erbe reicht von politischen Idealen über sowjetische Vereinnahmung bis hin zur Konstruktion einer unabhängigen Identität in der postsowjetischen Ära. Als politischer Denker und Akteur hinterließ er tiefe Spuren in der Geschichte der Ukraine. Seine historischen Erzählungen sind nicht bloß Chroniken vergangener Ereignisse, sondern Schlüsseltexte, die das kollektive Bewusstsein einer Nation prägten und ihn zum Nationalhelden gemacht haben. Die Debatte über Hruschewskyjs Rolle ist auch heute noch lebendig und regt dazu an, die Verflechtung von Geschichte, Politik und Identität in der Ukraine zu verstehen.
Fußnoten:
[1] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 627.
[2] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 9.
[3] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 24.
[4] Golczweski: Frank: Die Ukraine als erfolgreiches Nationsbildungsprojekt, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Bd. 64, H. 4. (2016), S. 640.
[5] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.
[6] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 11.
[7] Lüdemann, Ernst: Bewegung in der Ukraine – von der „Ukrainisierung“ zur Unabhängigkeit, in: Osteuropa, Vol. 40. No. 9. (1990) S. 836.
[8] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.
[9] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.
Literatur:
- Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 9-31.
- Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 626-631.
- Kappler, Andreas: Ungleiche Brüder Russland und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2017.
- Lüdemann, Ernst: Bewegung in der Ukraine – von der „Ukrainisierung“ zur Unabhängigkeit, in: Osteuropa, Vol. 40. No. 9. (1990) S. 833- 848.
- Golczweski: Frank: Die Ukraine als erfolgreiches Nationsbildungsprojekt, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Bd. 64, H. 4. (2016), S. 640- 645.
Bildquellen:
Abbildung. 1: https://de.wikipedia.org/wiki/Mychajlo_Hruschewskyj#/media/Datei:Ukraine_stamp_M.Hrushevsky_1995_50000k.jpg
Abbildung. 2: https://de.wikipedia.org/wiki/Mychajlo_Hruschewskyj#/media/Datei:50-uah-2019-1.png