Von Astana bis Taschkent: Geschichte in Bewegung
Projekte des Kulturreferates in Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan im Juni und Juli 2026
Wer heute durch Zentralasien reist, begegnet der Geschichte der Deutschen an überraschend vielen Orten: in den Straßen von Astana, im Deutschen Theater von Almaty, in einem kleinen Museum im kirgisischen Rot Front oder in den Begegnungsstätten der deutschen Minderheiten in Usbekistan. Zugleich stellt sich überall die Frage: Wie lässt sich diese Geschichte bewahren und so vermitteln, dass sie auch für jüngere Generationen interessant bleibt?
Dieser Frage widmete sich eine fast dreiwöchige Reise des Kulturreferats für Russlanddeutsche durch Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan. Auf dem Programm standen Workshops, Seminare und Gespräche mit Aktiven der deutschen Minderheiten, Kulturschaffenden und Reiseleitern. Die Projekte entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Selbstorganisationen der deutschen Minderheiten und dem Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland.
Den Auftakt bildete Astana. Der Astana Guide Club, eine Vereinigung professioneller Reiseleiterinnen und Reiseleiter, hatte zu einem Vortrag über die Geschichte und besondere Erinnerungsorte der Deutschen in Kasachstan eingeladen. Die Initiative ging von den Guides selbst aus: Immer häufiger fragen Reisende deutschsprachiger Gruppen nach den Spuren der Deutschen in Kasachstan. Damit wächst auch der Bedarf an fundierten historischen Informationen für Stadtführungen und touristische Angebote.
Wenige Tage später ging es in Astana um die Zukunft der Kultur- und Erinnerungsarbeit. 15 junge Aktive aus verschiedenen Regionen Kasachstans nahmen an einem dreitägigen Podcast-Workshop teil. Gemeinsam mit dem Journalisten Anton Genza entwickelten sie eigene Themen und Formate, übten Interviewführung und Storytelling und produzierten erste Audioaufnahmen. In fünf Gruppen entstanden Podcast-Prototypen, die in den Organisationen der deutschen Minderheit weiterentwickelt werden sollen. Auch mobile Aufnahmetechnik und der Einsatz von KI-Werkzeugen im journalistischen Arbeitsprozess waren Teil des Workshops.
In Almaty stand die Begegnung mit dem Deutschen Theater auf dem Programm. Im Gespräch mit der Künstlerischen Leiterin Natascha Dubs ging es um mögliche gemeinsame Aktivitäten und neue Formen der Zusammenarbeit. Das Theater wird in wenigen Jahren sein 50-jähriges Bestehen feiern – ein guter Anlass, seine Geschichte sichtbar zu machen und zugleich neue Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.
In Kirgisistan wurde die Workshopreihe in Bischkek fortgesetzt. 15 Aktive aus den Begegnungsstätten der deutschen Minderheit entwickelten eigene Podcastideen und produzierten erste Audioformate. Ergänzend wurden digitale Projekte und Veranstaltungsformate des Kulturreferats vorgestellt, darunter das partizipative „Barcamp“ als Möglichkeit, Menschen zu vernetzen und gemeinsam neue Projektideen zu entwickeln.
Einen besonderen Zugang zur Geschichte bot der Besuch in Rot Front, dem ehemaligen Bergtal. Dort erzählt ein aus privater Initiative entstandenes Museum die Geschichte der deutschen Mennoniten in Zentralasien. Fotografien, Dokumente und persönliche Erinnerungsstücke machen die Geschichte der Siedlung greifbar. Der Besuch zeigte, welche Bedeutung lokale Initiativen für den Erhalt des kulturellen Gedächtnisses haben können.
Letzte Station war Taschkent. Im Deutschen Haus kamen rund 20 junge Aktive aus Begegnungsstätten in Taschkent, Samarkand, Buchara und Fergana zu einem Seminar über die Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen zusammen. Behandelt wurden die Einwanderung an die Wolga, die Entstehung der wolgadeutschen Gemeinschaft, die Wolgarepublik, Deportation und Entrechtung, die Bewegung „Wiedergeburt“ sowie die Aussiedlung vieler nach Deutschland.
Im Mittelpunkt stand jedoch die Frage, wie diese Geschichte heute vermittelt werden kann. In Gruppenarbeiten entstanden Ideen für Podcasts, Rollenspiele, Brettspiele und Escape Games sowie für Merchandise-Produkte, mit denen Geschichte im Alltag sichtbarer werden kann. Die Vielfalt der Ideen zeigte, dass junge Aktive eigene Vorstellungen davon entwickeln, wie das kulturelle Erbe der deutschen Minderheit an kommende Generationen weitergegeben werden kann.
Die Reise machte deutlich: Die Geschichte der Deutschen in Zentralasien ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie wird in Museen bewahrt, auf Theaterbühnen erzählt, von Reiseguides vermittelt und von jungen Menschen mit neuen Medien und kreativen Formaten neu entdeckt.
Bis zu 250.000 Angehörige der deutschen Minderheiten leben heute nach offiziellen Angaben und Schätzungen ihrer Selbstorganisationen in Zentralasien. Damit gibt es ein enormes Potenzial für kulturelle Zusammenarbeit und zeitgemäße Erinnerungsarbeit. Die Reise hat dafür neue Kontakte, Ideen und Kooperationsmöglichkeiten geschaffen – und gezeigt, wie aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Impulse für die kulturelle Arbeit der Zukunft entstehen können.