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Tag der neuen Heimat 2025 Kornelius Ens

Rückblick: "Tag der neuen Heimat" 2025

Deportation – Flucht – Vertreibung – Aussiedlung:

Prägende Faktoren in Lebenswegen

 

Auf Einladung des Präsidenten des Landtags, André Kuper, und des Vorsitzenden des Landesbeirats für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen, Heiko Hendriks, wurde im Plenarsaal des Düsseldorfer Landtags mit rund 200 geladenen Gästen aus ganz Nordrhein-Westfalen der diesjährige „Tag der neuen Heimat“ gefeiert. Im Mittelpunkt der diesjährigen Festveranstaltung stand der autobiografische Festvortrag von Kornelius Ens, Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch eine Gesprächsrunde mit Heike Mai-Lehni, Kulturreferentin der Landesgruppe NRW des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Wilhelm Mahn, stellvertretender Vorsitzender der Landsmannschaft der Pommern in NRW.

 

Nach einer musikalischen Eröffnung durch den Chor des August-Hermann-Francke-Musikzentrums Detmold unter der Leitung von Dr. Matthias Lang, begrüßte der Präsident des Landtags, André Kuper, die Gäste und hieß sie im Landtag von Nordrhein-Westfalen herzlich willkommen.

Unter den geladenen Gästen waren Mitglieder von Verbänden, Organisationen und Einrichtungen der Kulturpflege der Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler in NRW. Rund zwei Drittel waren Vertreterinnen und Vertreter der russlanddeutschen Verbände. Auch Abgeordnete der CDU-Fraktion waren gekommen.

In seinem Grußwort betonte André Kuper: „Der Tag der neuen Heimat erinnert uns daran, wie die Aussiedlerinnen und Aussiedler unser Land mit ihrer Erfahrung, ihrer Kultur und ihrem Mut bereichert haben. Ihre Geschichten zeigen, dass Heimat dort entsteht, wo Menschen einander respektieren und Verantwortung füreinander übernehmen. Diese Haltung stärkt nicht nur unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern ist ein wichtiger Pfeiler unserer Demokratie.“

In seinen einführenden Worten machte der Vorsitzende des Landesbeirats, Heiko Hendriks, deutlich, dass Lebenswege Menschen prägen. Dies gelte insbesondere für alle deutschen Heimatvertriebenen, für alle (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler, die ihre Heimat verlassen haben oder unfreiwillig verlassen mussten.

In Bezug auf die Deutschen aus Russland stellte er fest, dass „unterschiedliche Einflüsse zu einer bemerkenswert vielfältigen kulturellen Ausprägung dieser „Community“ geführt haben. Die eigentliche Geschichte dieser deutlich über drei Millionen in Deutschland lebenden Personen ist aber leider weitestgehend unbekannt. Dabei ist feststellbar: „Die alltäglich erlebte kommunistische Diktaturerfahrung prägte die Erinnerungskultur der Zugewanderten nachhaltig und generationenübergreifend“, so Hendriks wörtlich.

Den Festvortrag unter dem Titel „Heimat. Finden. – Chancen und Herausforderungen russlanddeutscher Kulturgeschichte“, hielt in diesem Jahr Kornelius Ens, Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. In seinem bewegenden autobiografischen Festvortrag ging er u.a. auf die Deportation seines Großvaters ein und machte deutlich, wie sehr diese und auch die gesamte Diktaturerfahrung die Geschichte seiner Familie geprägt habe. Der unbändige Freiheitswunsch, den sein Großvater aus dem christlichen Glauben schöpfte, sei für ihn immer noch inspirierend. Heimat sei für ihn dort, wo man sich freiheitlich begegne. Kornelius Ens ging auch auf die Herausforderungen ein, eine Erzählung russlanddeutscher Repressionserfahrungen im kollektiven Gedächtnis zu etablieren, da letztlich nicht auf eine etablierte Erzählkultur zurückgegriffen werden könne. Das er selbst so wenig über das Ausmaß und die Härte der Gulag-Erfahrungen seiner eigenen russlanddeutschen Community Bescheid wusste, und letztlich erst während des Studiums die unterschiedlichen Dimensionen in Erfahrung bringen konnte, stimme ihn nachdenklich.      

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Gesprächsrunde zum Thema Flucht, Vertreibung und Aussiedlung unter der Moderation von Heiko Hendriks mit Heike Mai-Lehni, Kulturreferentin der Landesgruppe NRW des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Wilhelm Mahn, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Landsmannschaft der Pommern in NRW. Heike Mai-Lehni siedelte als Zwölfjährige im Jahr 1985 mit ihren Eltern und Geschwistern aus Medias (Siebenbürgen) aus. Sie führte aus, dass sie in Siebenbürgen bereits eine deutsche Schule besucht hatte und ihr Freundeskreis sowohl aus gebürtigen Rumänen als auch auch Deutschen bestand. Die Familie lebte in einem kleinen Dorf, dort ging es ihr im Großen und Ganzen gut. Die Aussiedlung ihrer Familie nach Deutschland war eine Art Familienzusammenführung, da ein Teil der Familie bereits nach dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik floh und ihre Großmutter bereits 1981 übergesiedelt war. Die Zeit des Ankommens in Deutschland und danach war daher weitgehend unproblematisch, so dass auch rückblickend betrachtet die Aussiedlung für ihre Familie der richtige Schritt war.

Wilhelm Mahn, der 1957 mit seiner Familie nach Deutschland aus Pommern übersiedelte, blickte vor allem auf den Zeitraum 1944 – 1957 in Hinterpommern zurück. Durch das Kriegsgeschehen war eine Flucht 1945 nicht möglich gewesen. Sein Vater wurde unter sowjetischer Militärverwaltung zur Zwangsarbeit herangezogen und erst unter polnischer Verwaltung normalisierte sich das Leben seiner Familie im Kreis Stolp. Er machte allerdings deutlich, dass er als Kind auch aufgrund von Sprachbarrieren nur wenig Kontakte zur polnischen Bevölkerung hatte. Dass es in den ersten Jahren dort auch keine Schule gab, machte die Situation der Familie noch prekärer. Somit waren alle froh, dass Bundeskanzler Adenauer die Aussiedlung der Deutschen 1957 durchsetzen konnte. Seine Familie und er kamen an den Niederrhein. Der Anfang in der Bundesrepublik war vor allem von vielen bürokratischen Hürden geprägt, aber in Freiheit leben zu können war das Entscheidende.

Dass sowohl Heike Mai-Lehni als auch Wilhelm Mahn sich heute mit ihren Verbänden dafür einsetzen, dass die Kultur aus ihrer Heimat nicht vergessen wird, ist für sie nicht nur wichtig, sondern folgerichtig.

Musikalisch begleitet wurde das Programm durch einen Schülerchor unter Leitung von Dr. Matthias Lang, Direktor des August-Hermann-Francke Musikzentrums Detmold, sowie von Benjamin Janzen, Lehrer für Musik und Musikdozent (Klarinette) in der Erwachsenenbildung.

v.l.n.r.: Kornelius Ens, André Kuper, Heike Mai-Lehni, Wilhelm Mahn und Heiko Hendriks vor der Veranstaltung.
© Landesbeirat NRW/Hermenau
 Der Schülerchor singt „Die Gedanken sind frei“
© Landesbeirat NRW/Hermenau