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Save-the-Date: Eröffnung des WIR-Archivs am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

Das Wir-Archiv. Erinnerungen im Dialog

Eröffnung am 17. Oktober im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte 

Zum ersten Mal gestalten Besucherinnen und Besucher eine Ausstellung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte aktiv mit: Ab dem 17. Oktober können sie im „Wir-Archiv“ eigene Erinnerungen, Geschichten und sogar persönliche Objekte einbringen. Das „Wir-Archiv“ ist dabei als ein Ort gedacht, an dem individuelle Erinnerungen und Perspektiven zu einer gemeinsamen Geschichte zusammenwachsen. Dabei finden Geschichten von Menschen mit und ohne russlanddeutschen Hintergrund einen Platz. 

Am Tag der Eröffnung steht das Ankommen der Russlanddeutschen in Deutschland im Mittelpunkt. Darüber berichtet ab 19 Uhr aus erster Hand die Autorin Elina Penner, die jene Zeit als Grundschulkind erlebt hat. Mit Geschichten aus ihrem Buch „Migrantenmutti“ wird sie aufzeigen, dass die Ankunft in Deutschland weit mehr als ein persönlicher Neuanfang war. Sie markierte den Beginn einer gemeinsamen Geschichte zwischen den Menschen, die bereits hier lebten, und denen, die neu Teil der Gesellschaft wurden. 

Zwei Perspektiven. Ein Dialog.

Das „Wir-Archiv“ öffnet bewusst unterschiedliche Perspektiven auf diese Erfahrungen. Ausstellungskurator Nico Wiethof hat die Einreise der Russlanddeutschen aus einer anderen Sicht erlebt: in seinem Heimatort, wo er ihnen erstmals auf dem Schulhof begegnete. „Meine erste Begegnung hatte ich mit Spätaussiedlern, die ich als neue Mitschüler beim Fußballspielen auf dem Schulhof kennengelernt habe“, erinnert er sich. Gemeinsam sprechen Penner und Wiethof am Eröffnungsabend über die ersten Begegnungen und darüber, welche Rolle ihre liebsten Fernsehserien dabei spielten. 

Was erwartet Sie?

Zuvor besteht die Möglichkeit, im Museum an Führungen teilzunehmen und ab 18 Uhr bei original im Kasan zubereiteten Plov – einem traditionellen Reisgericht Zentralasiens – darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. 

Besondere Objekte

Das als begehbare Ausstellung konzipierte „Wir-Archiv“ hält zahlreiche bewegende Geschichten bereit. Anhand teils skurriler, teils berührender Exponate aus mehr als 30 Jahren Sammlungsgeschichte lädt die Ausstellung dazu ein, über Migration, Diktatur, Heimat, Zugehörigkeit und gesellschaftliches Zusammenleben nachzudenken. 

So erzählt ein mehrfach umgeändertes Kinderkleid vom Neuanfang einer Familie im Jahr 1930 in den Trockenwäldern des Gran Chaco in Südamerika. Andere Exponate berichten von Verlust, Hoffnung oder Liebe. Dazu gehört die Geschichte von Sarah Stobbe und Peter Lange, deren Beziehung durch Repression und Zwangsarbeit auseinandergerissen wurde. Zugleich richtet die Ausstellung ihren Blick immer wieder nach vorn. Inmitten von ausgestellten Diktaturerfahrungen richtet sich das „Wir-Archiv“ mit der Frage an die Besuchenden: Welche Werte sind in unserer Gesellschaft wichtig? 

Ihre Erinnerung gehört dazu.

Eingestreut in die Ausstellung finden sich immer wieder Selbstporträts von Menschen unterschiedlicher Generationen. Die Bilder sind mit persönlichen Erinnerungen verbunden und geben Einblicke in heitere wie auch in schwierige Lebensphasen. Dazwischen bleiben bewusst Leerstellen für Fotos, Kommentare, Zeichnungen oder kleine Bastelarbeiten, die Besuchende selbst einbringen können. 

„In Debatten über Migration und Integration wird häufig versucht, andere Menschen mit Worten oder Bildern zu beschreiben“, sagt Kurator Nico Wiethof. Solche Beschreibungen seien jedoch oft von Klischees geprägt oder verharrten in Gegenüberstellungen von „wir“ und „den Anderen“. Umso wichtiger sei es, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu beschreiben und ihre Erfahrungen aus eigener Perspektive sichtbar zu machen. Das „Wir-Archiv“ versteht sich daher als Einladung, eigene Wahrnehmungen einzubringen, anstatt die Deutung der eigenen Geschichte anderen zu überlassen. 

Auch an anderer Stelle fordert die Ausstellung zur aktiven Beteiligung auf. Besuchende können ihre Vorstellungen von Heimat ausdrücken – in Worten, Bildern oder kreativen Arbeiten. Als Anregung dienen Objekte aus der Museumssammlung. Dazu gehören ebenso eine Landschaftsmalerei aus Kirgisistan wie ein Familienfoto vor den Externsteinen in Horn-Bad Meinberg. 

Zu den besonderen Exponaten der Ausstellung zählen sogenannte Asiki (siehe Bild oben): Kleine Schafsknochen, die in Kasachstan von Kindern ähnlich wie Murmeln verwendet wurden. Sie stammen aus dem Besitz des Autors Viktor Funk, dessen Erinnerungen an dieses Spiel in der Ausstellung festgehalten sind: 

„So unspektakulär die Schafsknochen wirken, für kleine Jungen im Kasachstan der 1980er-Jahre bedeuteten sie sehr viel. Ganze Tage spielten die Kinder damit draußen gegeneinander. Die Asiki standen in einer Reihe in der Mitte eines Kreises. Aus einer vorher festgelegten Entfernung schossen die Kinder mit einem Asik auf die Reihe und versuchten, einzelne Knochen aus dem Kreis herauszubringen.  

Das „Schießen“ war kein einfaches Werfen, sondern erforderte im wahrsten Sinne des Wortes Fingerspitzengefühl: Mit Daumen und Zeigefinger wurde ein Asik in Rotation versetzt, sodass er mit Schwung in die anderen Knochen flog. Man konnte mogeln und beispielsweise Blei in die Löcher der Knochen gießen, um den eigenen Schuss-Asik schwerer zu machen. Wer jedoch mit einem solchen getunten Asik erwischt wurde, musste damit rechnen, dass dieser sofort zerstört wurde – und die übrigen Asiki ebenfalls verloren gingen.“ 

Mehr als eine Ausstellung.

Das Ausstellungsformat richtet sich an Menschen, die ihre Geschichte selbst erzählen möchten, anstatt sie anderen zu überlassen. Ziel des Museums ist es, Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog auf Augenhöhe zu bringen. Denn nur auf diese Weise kann ein vielschichtiges Bild einer gemeinsamen Vergangenheit entstehen.  

„Wir möchten überholte nationalisierende und ethnisierende Zuschreibungen überwinden und eine Geschichte jenseits von Viktimisierung, Stigmatisierung und Exotisierung erzählen“, sagt Kurator Nico Wiethof. Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte setzt sich für ein gleichberechtigtes Miteinander in einer gemeinsamen Erzählung ein, die ein transnationales und transkulturelles Geschichtsverständnis fördert. 

Eröffnung am 17. Oktober im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold. 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!