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Eine kurze Utopie? Die Gründung der Wolgarepublik zwischen Projektion und sowjetischer Realität

Eine kurze Utopie?
Die Gründung der Wolgarepublik zwischen Projektion und sowjetischer Realität

Der Zarismus bedrohte kurz vor seinem Ende das Wolgadeutschtum mit dem Untergang. Die heutige Autonome Republik ist vor solchem Schicksal sicher; das Deutschtum genießt in dieser neuen staatsrechtlichen Form ein höheres Maß an Selbstverwaltungsrecht als je zuvor, und so bahnt sich eine wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung an, die uns im alten Deutschland mit Stolz auf unsere fernen Stammesbrüder blicken lässt.[1] So schreibt Otto Auhagen von seiner Reise in die noch junge Republik der Wolgadeutschen im Jahr 1927. Eine Republik, die bereits einige Jahre später nicht mehr existieren wird, fand sie mit der Massendeportation ihrer Bewohner doch schon 1941 ein abruptes Ende.

Auhagen war zu dieser Zeit landwirtschaftlicher Sachverständiger an der deutschen Botschaft in Moskau und ein langjähriger Kenner russischer Verhältnisse.[2] Er zeichnet dabei ein ausgesprochen positives Bild der zur Republik gewordenen deutschen Siedlungen im Wolgagebiet, was bezeichnend ist, denn genau in diesem Gebiet (und weiteren Gebieten der Sowjetunion) gab es nur wenige Jahre zuvor, 1921 bis 1922, eine Hungersnot, die schätzungsweise über 100.000 Menschen das Leben kostete (knapp ein Viertel der Bevölkerung) und die Region verarmen ließ.[3] Die Beschreibung Auhagens ist dabei nur eine von vielen wohlwollenden Rezeptionen der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, wie die 1924 geschaffene Republik offiziell hieß, aber dahingehend besonders, als dass Auhagen zumindest anhand seiner biografischen Daten nicht im Verdacht steht, der Sowjetunion ideologisch nahegestanden zu haben.[4]

Anders ist es bei Clara Zetkin, einer Galionsfigur des deutschen Kommunismus, die im Sommer 1925 in der Republikhauptstadt Pokrowsk (ab 1931 Engels) selbst den erlittenen Hunger als klassenkämpferische Befreiung von den Großgrundbesitzern sieht und eben nicht Probleme im jungen Sowjetsystem als ausschlaggebend dafür identifiziert.[5] Wie auf Zetkin übte die Wolgarepublik auch auf andere (tendenziell linksgerichtete) Intellektuelle oder Kulturschaffende einen besonderen Reiz aus,[6] wurde sie doch erst als Verheißung für die erwartete sozialistische Zukunft der Weimarer Republik betrachtet und – nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland – als Gegenentwurf zu dieser gelesen. Daraus wird deutlich, dass die Wolgarepublik mehr als eines der staatlichen Gebilde der UdSSR unter anderen war; sie war eine besonderes Experiment, und wurde als solches in Deutschland sowohl wahrgenommen als auch propagandistisch durch die Sowjetmacht genutzt.

Abb. 1: Die Flagge der Wolgarepublik.

Abb. 2: Das Wappen der Wolgarepublik.

Der Gründung der Wolgarepublik ging dabei allerdings bereits eine lange Siedlungsgeschichte deutscher Kolonisten voraus. Kolonisten aus historischen deutschen Staaten siedelten sich nach und nach in der Region der unteren Wolga an, nachdem Katharina II. 1763 mit ihrem berühmten Einladungsmanifest um Siedler geworben hatte, die diese Gebiete urbar machen sollten und – im Kontext der imperialen Politik des 18. Jahrhunderts – als mit Privilegien ausgestatte Subjekte des Staates den Herrschaftsanspruch der Zarin in diesen Gebieten geltend machen sollten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bauten sich die Menschen nach und nach eine prosperierende Existenz auf; die Bevölkerungszahl wuchs von anfänglich 25.000 auf 500.000 an und es wurden neue Siedlungen gegründet, ebenso entstand im Zuge des 19. Jahrhunderts ein Pressewesen. All dies geschah unter einer weitestgehenden kulturellen, sprachlichen und wirtschaftlichen Autonomie der deutschen Siedler an der Wolga.

Erst mit dem Ende des 19. Jahrhunderts und den Staatsreformen Alexanders II. 1871 bzw. 1874 wurden die Privilegien eingeschränkt und die deutschen Siedler stärker in den russischen Staat integriert, wobei die praktizierte Selbstverwaltung der Siedlungen erhalten blieb.[7] Aber gerade die Verpflichtung zum Militärdienst von 1874 wurde ausgesprochen ablehnend rezipiert und führte zu Ausreisewellen nach Nord- und Südamerika.[8] Mit dem im 19. Jahrhundert auch in Russland aufkeimenden Nationalismus kam es dann ab dem Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt zu antideutschen Stimmungen, die sich im Ersten Weltkrieg anhand unbegründeter Vorwürfe sowohl in Pogromen, als auch in politischen Repressionen bahnbrachen, obwohl allein aus dem Wolgagebiet um 50.000 Deutsche für das Zarenreich kämpften.[9]

Als 1917 erst der Zar abdankte und dann die Bolschewiki die Macht an sich rissen, war das lange 19. Jahrhundert auch im Wolgagebiet endgültig vorbei. Die neuen Machthaber standen dabei vor gravierenden Problemen: In dem bereits vom Krieg zerrütteten Land brach ein Bürgerkrieg aus, der auf Jahre den Machtanspruch der Bolschewiki in Frage stellte; ethnische Minderheiten, die in das Zarenreich inkorporiert waren, nutzen den Zerfall desselbigen, um ihre Unabhängigkeit zu erklären. Dabei waren sich Lenin und seine Gefolgsleute der Relevanz der ethnischen Minderheiten des Vielvölkerstaates Russland, dessen Erbe sie antraten, bewusst. Trotz interner Widerstände nahm Lenin bereits im November 1917 mit der „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“[10] das Selbstbestimmungsrecht der Völker des Russischen Reiches in den Fokus. Auf dem VIII. Parteitag 1919 sagte er im Bezug auf die ethnischen Minderheiten, dass man ihnen eine Anerkennung nicht verweigern könne.[11] Zum einen galt es, sich formell vom chauvinistischen Erbe des Zarenreiches loszusagen. Zum anderen musste einem schlichten Machtpragmatismus gefolgt werden: Waren die Bolschewiki in ihrem Ursprung eine städtisch geprägte, ethnisch wenig ausdifferenzierte Partei,[12] war es für ihren Machterhalt zentral, lokale Strukturen innerhalb der ethnischen Minderheiten ihres beanspruchten Machtbereiches zu etablieren. So war die Selbstbestimmung zwar formal in Aussicht gestellt, ohne dass dies praktisch umgesetzt wurde. Mehr noch: Man reagierte auf ethnische Autonomieansprüche erst mit Unterwanderung und zunehmend auch mit Gewalt und Terror. [13]

In dieser Gemengelange aus innerer und äußerer Gewalt, sowie der politischen und gesellschaftlichen Instabilität war die Frage nach den Wolgadeutschen bereits früh auf der politischen Agenda der Bolschewiki, tauchten sie doch in den Verhandlungen zum Separatfrieden von Brest-Litowsk mit dem Deutschen Kaiserreich auf. Dazu kam, dass Lenin in den Wolgadeutschen eine potentielle Projektionsfläche für die gewünschte Revolution in Deutschland sah und „seinen“ Deutschen so eine besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden ließ.[14] Diese Aufmerksamkeit wurde politisch 1918 in die Gründung der Wolgadeutschen Arbeitskommune umgesetzt und mündete 1924 im Ausrufen der Autonomen Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, eine Staatskörperschaft, die weitestgehend auf dem Gebiet der relativ dicht besiedelten Siedlungsstruktur der Deutschen an der Wolga implementiert wurde.

Abb. 3: Historische Karte der Wolgerepublik von 1922.

Abb. 4: Fläche der Wolgarepublik (grün) im heutigen Russland. Rechts (grau) liegt Kasachstan, oben befindet sich das Gebiet Saratov und unten das Gebiet Wolgograd.

Nach den Jahren des Hungerns, des Terrors und des Bürgerkrieges wurde der Versuch unternommen, die Wolgadeutschen mit der neuen Politik der „Einwurzelung“ (korenizsacija) affirmativ in den Sowjetstaat einzubinden. Diese Einbindung diente sowohl dazu, lokale Parteikader zu schaffen, die den Machtanspruch Moskaus durchsetzen, aber auch in Moskau die Interessen ihrer Region geltend machen konnten. Zudem erhielten die nationalen Minderheiten Möglichkeiten ihre Kultur und Sprachen unter sowjetisch-sozialistischem Vorzeichen zu pflegen. Die Amtssprache war neben Russisch die Sprache der jeweiligen lokalen Minderheit. Es wurden Schulen, Zeitungen und Kultur- und Bildungseinrichtungen in den jeweiligen Sprachen gegründet, stellenweise sogar Alphabete entwickelt. All dies diente der genannten „Einwurzelung“ in den neuen Sowjetstaat und sollte die neuen Machthaber von dem Ruf des Zarenreiches, ein Gefängnis der Völker zu sein, abgrenzen; so regierten lokal in der Regel Angehörige der Minderheiten, es wurde eben nur indirekt aus Moskau regiert und nicht zuletzt konnte man die neuen sprachlichen und kulturellen Offensiven auch dazu nutzen, die neue Weltordnung propagandistisch voranzubringen.[15]

Als vor diesem Hintergrund dann die Wolgarepublik 1924 politische Realität wurde, traf sie allerdings auf Staatsbürger, die mit der neuen Politik im Grunde wenig anfangen konnten. Sie „hielten an althergebrachten Sitten und am christlichen Glauben fest, standen der neuen Gesellschaftsordnung zumeist reserviert gegenüber und waren daher weniger politisiert“.[16] Ferner entsprachen die mehrheitlich bäuerlichen Wolgadeutschen im großen Teil, und so galt es ja auch im Rest des Reiches, nicht der erwünschten Kernklientel der Bolschewiki, nämlich dem Proletariat, und hatten durch die Politik des Kriegskommunismus während des Bürgerkrieges, dessen Folge unter anderem besagte Hungerkatastrophe war, auch keine guten Erfahrungen mit der neuen Macht gemacht.[17]

Dennoch war die Phase der Republikgründung und weniger Folgejahre, die in der Epoche der Neuen Ökonomischen Politik stattfand, eine kurze Zeit relativer Ruhe. Dalos spricht in diesem Zuge bis 1928 „von der letzten Ruhepause, die den Deutschen des Sowjetstaates beschieden war.“[18] Mit der Machtnahme Stalins in den späten 1920er Jahren wurden die Repression und sämtliche Staatsmaßnahmen immer mehr zum Terror; Bauern, die nicht verarmt waren, fielen der Kulakenkampagne zum Opfer[19]; Geistliche und die Intelligenz wurden verfolgt. Nach Hitlers Machtergreifung gerieten ethnische Deutsche in den 1930ern unter den Generalverdacht Kollaborateure Nazideutschlands zu sein, was zu ihrer Verfolgung führte. Dazu kam die Verstaatlichung der Landwirtschaft, die mit großer Gewalt durchgesetzt wurde und die ländliche Wolgarepublik natürlich besonders betraf, was dort, wie auch in der Ukraine oder Kasachstan, zu einer neuen Hungerkatastrophe führte.

Es ist Teil der Schizophrenie des nun durch und durch stalinistischen Systems, dass es eine Gleichzeitigkeit des Terrors und einer vermeintlichen Normalität gab. So auch in der Wolgarepublik, in der es, zeitgleich zu den staatlichen Gewaltmaßnahmen, eben auch einen kulturellen Aufbau gab. Unter sozialistischem Vorzeichen wurden Institute gegründet, Theater eröffnet und Literatur produziert,[20] so dass man durchaus von einer Art kultureller Blüte sprechen kann, welche man aber kaum isoliert von den geschilderten politischen Ereignissen betrachten kann. Umso schwieriger ist die sowohl zeitgenössische als auch rückblickende Betrachtung (und manchmal auch Verklärung) der Wolgarepublik zu beurteilen. Die eingangs angeführte überaus positive Rezeption aus Deutschland ist dabei einer der großen Propagandaerfolge der UdSSR, war es doch das, was sie mit der ersten Republik der Deutschen in Sowjetrussland erreichen wollten – ein Projekt, das der Sowjetunion außenpolitisch zu einem positiven Image verhelfen sollte.

Dass sich so viele Intellektuelle aus Deutschland von dem „Experiment Moderne“[21] haben blenden lassen, ist dabei zwar vor dem Hintergrund der „eigenen“ NS-Diktatur und den Bemühungen des stalinistischen Propagandaapparates zu verstehen, bleibt aber zu kritisieren und kritisch zu kontextualisieren. Als die Republik dann 1941 nach dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR ihr Ende mit der gewaltsamen Massendeportation der Deutschen fand, denen man unbegründet eine Kollaboration mit der Wehrmacht unterstellte, dürfte auch für die deutschen Exilanten die Projektion des roten deutschen Wolgalandes endgültig zu Grabe getragen worden sein.

Fußnoten:

[1] Zitiert nach Krieger, Viktor: Rotes Deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der Wolgadeutschen Republik, S 53.

[2] Vgl. https://www.deutsche-biographie.de/sfz1596.html (zuletzt abgerufen am 11.04.2024).

[3] Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, S. 110. Nach Eisfeld fielen der Hungersnot sogar 150.000 Menschen zum Opfer. Vgl.: Eisfeld, Alfred: Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Minderheit in der Sowjetunion von 1917 bis zur Perestrojka. Link: https://www.bpb.de/themen/migration-integration/russlanddeutsche/250039/nationalitaetenpolitik-gegenueber-der-deutschen-minderheit-in-der-sowjetunion-von-1917-bis-zur-perestrojka/ (zuletzt abgerufen am 11.04.2024).

[4] Er setzte sich zum Beispiel 1929 für von der Kollektivierung betroffene deutsche Bauern ein, denen die Ausreise nach Brasilien gestattet wurde. Zum Dank wurde ein Dorf nach ihm benannt.

[5] Zitiert nach Krieger, Viktor: Rotes Deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der Wolgadeutschen Republik, S. 55

[6] So beschäftigten sich u. a. Egon Erwin Kisch, Erwin Piscator, Heinrich Mann, Ernst Busch und der spätere Präsident der DDR Wilhelm Pieck mit der Wolgarepublik. Vgl.: Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, S. 131f und Krieger, Viktor: Rotes Deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der Wolgadeutschen Republik, S. 56 f.

[7] Krieger, Viktor: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, S. 45.

[8] Ebd., S. 47f.

[9] Ebd., S. 78ff.

[10] Original und Faksimile unter: https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0002_vol&object=facsimile&st=&l=de (zuletzt abgerufen am 11.04.2024).

[11] Paraphrase nach Zitat von Baberowski, Jörg: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, S. 105f.

[12] Ebd., S. 105.

[13] Ebd., S.68ff, 78ff.

[14] Warkentin, Edwin: Vor 100 Jahren: Gründung der Arbeitskommune der Wolgadeutschen. Link: https://www.bpb.de/themen/migration-integration/russlanddeutsche/277343/vor-100-jahren-gruendung-der-arbeitskommune-der-wolgadeutschen/#footnote-target-6 (zuletzt abgerufen am 11.04.2024).

[15] Weiterführend zur hier sehr verkürzten Politik der Einwurzelung s. u.a. Martin, Terry: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939. Oder Baberowski, Jörg: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, S. 105ff.

[16] Krieger, Viktor: Rotes Deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der Wolgadeutschen Republik, S. 31.

[17] Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, S. 95ff, 100.

[18] Ebd., S. 132.

[19] Ein Kulak (russisch für „Faust“) war in diesem Sinne ein Großbauer und Feindbild der Revolution. Man muss davon ausgehen, dass es zur Zeit dieser Kampagnen keine wirklichen Großbauern oder Großgrundbesitzer mehr gab. Verfolgt wurde im Extremfall, wer eine Kuh mehr besaß als andere Bauern. Diese Kampagnen dienten unter anderem dazu, die immanenten Systemfehler des Sowjetstaates auf einen „Feind im Inneren“ zu projizieren. Vergleichbare Kampagnen gab es auch gegen Ingenieure, die „Intelligenz“, ethnische Minderheiten, Geistliche oder einfach nach errechneter Quote, die festlegte, wie viele „Konterrevolutionäre“ es in Gebiet X geben musste und wie viele demnach eliminiert werden mussten.

[20] Krieger, Viktor: Rotes Deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der Wolgadeutschen Republik, S. 42.

[21] Nach Stefan Plaggenborg.


Bildquellen:

Abbildung 1: Flagge der Wolgarepublik. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Volga_German_ASSR.svg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024

Abbildung 2: Wappen der Wolgarepublik. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Coat_of_arms_of_Volga_German_ASSR.svg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024

Abbildung 3: Historische Karte der Wolgerepublik. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karta_AGW_1922.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024

Abbildung 4: Karte der Wolgerepublik im heutigen Russland. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%90%D0%A1%D0%A1%D0%A0_%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D1%86%D0%B5%D0%B2_%D0%9F%D0%BE%D0%B2%D0%BE%D0%BB%D0%B6%D1%8C%D1%8F_%D0%B2_%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D1%86%D0%B0%D1%85_%D1%81%D0%BE%D0%B2%D1%80%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D0%BD%D0%BD%D1%8B%D1%85_%D0%BE%D0%B1%D0%BB%D0%B0%D1%81%D1%82%D0%B5%D0%B9_%D0%A0%D0%A4.svg?uselang=ru. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024

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Die Lokomotive der Perestroika?

Die Lokomotive der Perestroika?

Als erste unter den Sowjetrepubliken erklärten Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1990 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Dass die baltischen Staaten dabei nicht nur für ihre eigene Unabhängigkeit eintraten, sondern einen maßgeblichen Anteil am Zerfall der Sowjetunion hatten, war ihnen durchaus bewusst und entsprach ihrem Selbstverständnis. Der litauische Aktivist Algimantas Čekuolis bezeichnete die baltischen Autonomiebewegungen als „Lokomotive der Perestroika“,[1] betonend, dass dies den Anspruch der Baltinnen und Balten als führende Kraft im Streben nach Loslösung von der Fremdherrschaft der Sowjetunion unterstreiche. Inwieweit die baltischen Republiken diese Rolle tatsächlich einnehmen konnten und durch ihre transnationale Agitation zum Zerfall der Sowjetunion beitrugen, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Lockerungen, die durch Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika angestoßen wurden, entwickelten sich in den drei baltischen Teilrepubliken Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1988 politische Reformbewegungen. Die sogenannten „Volksfronten“ (estnisch: Rahvarinne, lettisch: Latvijas Tautas Fronte, litauisch: Sąjūdis) wurden zu Sammelbecken verschiedenster reformorientierter Ideen und erhielten breite Unterstützung von einem Großteil der Bevölkerung im Baltikum.[2] Auch die lokalen Kader der Kommunistischen Partei unterstützten die Bestrebungen der Volksfronten in großen Teilen. So erklärte beispielsweise der Oberste Sowjet Estlands bereits 1988 Estlands Souveränität innerhalb der Sowjetunion, was jedoch von der Parteiführung in Moskau sofort wieder annulliert wurde.[3] Nach langem politischem Ringen wurde die Unabhängigkeit der drei Staaten erst im September 1991 auch von sowjetischer Seite offiziell anerkannt.[4]

Die Volksfronten des Baltikums hatten jedoch nie nur für sich allein gekämpft. Bereits 1988 formulierte das Grundsatzprogramm der estnischen Rahvarinne das Ziel, Selbstbestimmung und Souveränität für alle Nationalitäten der Sowjetunion zu erreichen.[5] Dieses Selbstverständnis manifestierte sich in der aktiv eingenommenen Vorreiterrolle des Baltikums sowie in der engen Vernetzung der baltischen Volksfronten.

Abb. 1: Demonstrierende als Teil des Baltischen Wegs bei Vilnius, Litauen

Abb. 2: Demonstrierende als Teil des Baltischen Wegs, Litauen

Betrachtet man die Kooperation innerhalb des Baltikums und darüber hinaus, lassen sich vor allem Verbindungen zu Volksfronten und anderen demokratisch-nationalen Gruppen der westlichen Sowjetrepubliken erkennen. Anfangs ging die Initiative vorwiegend von den baltischen Staaten und ihren Volksfronten aus. Eigene Komitees wurden gegründet, die sich ausschließlich um den Austausch und den Aufbau von anderen Nationalbewegungen kümmerten.[6] Gleichzeitig suchten aber auch andere Nationalbewegungen aktiv nach Unterstützung bei den baltischen Vorbildern. So erhielt beispielsweise die lettische Volksfront Anfragen aus Georgien und Belarus. Dortige Aktivistinnen und Aktivisten baten um Hilfe, um Programme nach dem Vorbild der Latvijas Tautas Fronte zu formulieren. Andere Gruppen, wie die Volksfronten Usbekistans und Armeniens, profitierten von den gut ausgebauten Pressenetzwerken der baltischen Volksfronten, die weniger durch Zensur eingeschränkt waren als in anderen Teilen der Sowjetunion. Artikel aus verschiedenen Teilrepubliken wurden regelmäßig in den baltischen Presseorganen abgedruckt, um sowohl die russische Bevölkerung als auch die westeuropäische Presse zu erreichen, mit der die baltischen Republiken gut vernetzt waren. Sogar Boris Jelzin, der einige Jahre später zum ersten Präsidenten Russlands gewählt wurde, ließ zwischenzeitlich ganze Zeitungsausgaben in Estland drucken. Auch logistische Hilfe kam aus dem Baltikum. So ermöglichten die litauische und die lettische Volksfront Treffen der belarussischen Volksfront in Vilnius und der Demokratischen Liga der Ukraine in Riga, während es diesen Gruppen aufgrund von strengen Auflagen und Widerstand in ihren eigenen Republiken nicht möglich war, sich zu versammeln.[7]

Abb. 3: 1-Litas-Gedenkmünze zum 10-jährigen Jubiläumdes baltischen Weges. Litauen 1999.

Neben diesen direkten Kooperationen beeinflussten die baltischen Volksfronten durch ihre Vorreiterrolle auch indirekt die Entwicklungen in den anderen Sowjetrepubliken. Nach der Gründung der drei Volksfronten im Baltikum folgten weitere Sowjetrepubliken ihrem Beispiel, darunter die ukrainische Volksfront Ruch, die mit über 500.000 Mitgliedern zu einem bedeutenden Akteur in der Ukraine wurde. Ruch und andere Volksfronten übernahmen viele Elemente aus den baltischen Programmen, insbesondere den Fokus auf Sprachgesetze und nationale Selbstbestimmung. Auch symbolische Aktionen wie die Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius im August 1989 wurden aus dem Baltikum übernommen. So bildeten die Menschen im Januar 1990 sowohl in der Ukraine zwischen Kiew und Lwiw als auch in Moldau nahe der rumänischen Grenze Menschenketten gegen die Sowjetführung. Die Unabhängigkeitserklärungen Lettlands und Estlands, die als erste Republiken ihre Unabhängigkeit forderten (im Unterschied zu Litauen, das zunächst eine Übergangsphase erklärte), dienten vielen anderen Republiken als Vorbild.[8]

Estland, Lettland und Litauen sowie ihre jeweiligen Volksfronten hatten einen unverkennbaren Einfluss auf die Unabhängigkeitsbewegungen in den anderen Teilrepubliken der Sowjetunion. Das zu Beginn zitierte Bild vom Baltikum als Lokomotive der Perestroika findet in Anbetracht der Demokratisierungsprozesse, die in den baltischen Republiken, aber auch durch den Einfluss des Baltikums anderswo angestoßen wurden, seine Bestätigung.

Fußnoten:

[1] Vgl. Algimantas Čekuolis, zitiert in: Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 5.

[2] Vgl. Levits, Egil, „Der Konflikt über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen“, in: Sicherheit und Frieden / Security and Peace. 08/03, 1990, S. 141.

[3] Vgl. Winkler, Heinrich August, Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg bis Mauerfall, München 2014, S. 907.

[4] Vgl. Litauen – 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In: Bundeszentrale für politische Bildung Online, 09.03.2020, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/202394/litauen-30-jahre-unabhaengigkeit-von-der-sowjetunion/#:~:text=Mehrparteien%2DParlament%20statt.-,11.,Mai%20Estland [letzter Zugriff: 15.12.2023].

[5] Vgl. Popular Front of Estonia: Charter, General Programme, Resolutions, Manifesto. Tallinn, 1989, S.18.

[6] Vgl. Lazda, Mara, „Reconsidering Nationalism: The Baltic Case of Latvia in 1989“, in: International Journal of Politics, Culture, and Society. 22/4, 2009, S. 529.

[7] Vgl. Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 9ff.

[8] Vgl. Muiznieks, Baltic Popular Movements, 1995, S. 14f.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

  • Lazda, Mara, „Reconsidering Nationalism: The Baltic Case of Latvia in 1989“, in: International Journal of Politics, Culture, and Society. 22/4, 2009, S. 517–536.
  • Levits, Egil, „Der Konflikt über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen“, in: Sicherheit und Frieden / Security and Peace. 08/03, 1990, S. 139-142.
  • Litauen – 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In: Bundeszentrale für politische Bildung Online, 09.03.2020, URL: https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/202394/litauen-30-jahre-unabhaengigkeit-von-der-sowjetunion/#:~:text=Mehrparteien%2DParlament%20statt.-,11.,Mai%20Estland [letzter Zugriff: 15.12.2023].
  • Muiznieks, Nils, “The Influence of the Baltic Popular Movements on the Process of Soviet Disintegration”, in: Europe-Asia Studies. 47/01, 1995, S. 3-25.
  • Popular Front of Estonia: Charter, General Programme, Resolutions, Manifesto. Tallinn, 1989.
  • Winkler, Heinrich August, Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg bis Mauerfall, München, 2014.

Bildquellenverzeichnis:

Abbildung 1: Ščiavinskas, Vladas, Lithuanian State Central Archives, 23.08.1989, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Segment_of_the_Baltic_Way_on_the_motorway_in_Vilnius,_Lithuania.jpg [letzter Zugriff: 14.05.2024].

Abbildung 2: Laimonis Stīpnieks, 23.08.1989, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Baltic_Way_in_Latvia_between_C%C4%93sis_and_Valmiera.jpeg [letzter Zugriff: 14.05.2024].

Abbildung 3: Lietuvos Bankas, CC BY 4.0, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LT-1999-1litas-Baltijos_kelias-b.png[letzter Zugriff: 14.05.2024].

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Der Historiker als Held Mychajlo Hruschewskjs und die Geburt der ukrainischen Nationalidentität

Der Historiker als Held

Mychajlo Hruschewskjs und die Geburt der ukrainischen Nationalidentität

 

Wie bedeutend der Beitrag der historischen Forschung zu einer nationalstaatlichen Bewegung sein kann, wird am Beispiel Mychajlo Hruschewskyjis deutlich, dessen historische Erzählungen ihn zu einem ukrainischen Nationalhelden gemacht haben. Seine Forschungen bildeten einen Grundpfeiler der ukrainischen Identität, in einer Zeit in der Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch aktiv gestaltet wurde.

 

Im 19. Jahrhundert begannen die Ukrainer, wie viele andere europäische Völker, sich als Nation zu konzipieren.[1] Für diesen Identitätsprozess benötigten sie eine gemeinsame Geschichtserzählung, da das imaginierte historische Erbe von besonderer Relevanz für die Konstruktion einer nationalen Ideologie ist.[2] Auf Grundlage solcher Nationalerzählungen werden Staaten legitimiert. Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj (1866-1934) wagte es, den hegemonialen russisch-imperialen Diskurs radikal in Frage zu stellen, indem er die mittelalterliche Kiewer Rus’ als zentrales Element für die ukrainische Geschichtsschreibung beanspruchte und im Gegensatz zu den russischen Historikern nicht das dynastische Prinzip, sondern das territoriale und kulturelle Erbe in den Fokus stellte. Hruschewskyj formte damit nicht nur eine neue Perspektive auf die Vergangenheit, sondern auch die Grundlage für die nationale Identität der Ukraine.

 

Leben und politisches Wirken

 Mychajlo Hruschewskyj, 1866 geboren, studierte an der Historischen Fakultät der St. Wladimir-Universität in Kiew und wurde an der Universität in Lwiw Professor für osteuropäische Geschichte. Er war jedoch nicht nur Historiker, sondern auch politischer Denker. Er bekleidete politische Ämter und spielte eine bedeutende Rolle im Staatswerdungsprozess der modernen Ukraine. Als einer der Gründerväter der Ukrainischen Volksrepublik im Jahr 1917 war er nicht nur ein Chronist der Geschichte, sondern auch ein aktiver Gestalter der politischen Landschaft, die in den Jahren 1917/18 in seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Zentralrada, dem ukrainischen Parlament und als Präsident der ukrainischen Volksrepublik gipfelte.[3] Seine politische Vision sah eine unabhängige und souveräne Ukraine vor. Als Präsident setzte er sich für die Herausbildung einer eigenständigen Nation ein. Seine politische Karriere spiegelte sich in seinen historischen Werken wider, die nicht nur die Genese der Ukraine dokumentierten, sondern auch ihre Zukunft entwarfen.[4]

 

Die Kiewer Rus’ als Keimzelle der ukrainischen (?) Nation

 In Hruschewskyjs Meistererzählung erscheint die Kiewer Rus’ als die Keimzelle der ukrainischen Geschichte. Als Kiewer Rus‘ wurde der mittelalterliche Staat ostslawischer Völkerschaften bezeichnet, der als eine Konföderation mehr oder weniger unabhängiger Fürstentümer die Waldgebiete der osteuropäischen Ebene beherrschten. Die Stadt Kiew war Sitz des Großfürsten, des nominellen Oberhauptes des der Kiew Rus‘. Hruschewskyj sieht in Kiew nicht nur einen geographischen Ort, sondern auch das historische Herz und die Wiege der ukrainischen Nation. Er stellte der in der russischen Historiographie kanonisierten Abfolge Kiew – Moskau – St. Petersburg die Etappen Kiew - Galicien/Wolhynien – Großfürstentum Litauen-Rus’ – Hetmanat der Zaporizhia-Kosaken entgegen. Damit widersprach er entschieden der offiziellen russischen Doktrin, die eine slawische Einheit des aus Großrussen, Kleinrussen (Ukrainern) und Weißrussen bestehenden allrussischen Volkes und seiner Geschichte proklamierte. In Hruschewskyjs ukrainischem Erzählstrang spielt das Kosakentum eine zentrale Rolle. Er setzte die egalitären Traditionen der ukrainischen Kosaken dem autokratischen Russland und dem aristokratischen Polen entgegen. Gleichzeitig betonte er ihre staatsbildende Kraft, die sich in der Gründung des Hetmanats manifestierte.[5] Dieser veränderte Fokus auf Rus' und Kosaken trug maßgeblich zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei, das die Ukrainer bis heute mit Stolz erfüllt.

Die Wirkung dieses Narratives reicht über seine Schriften hinaus und formte die Vorstellung einer unabhängigen und eigenständigen Nation. Die Identifikation mit der Kiewer Rus’ wurde zum Kitt, der die Ukraine in ihrer kulturellen und historischen Pluralität zusammenhielt. Die Ukraine teilt sich allerdings das Erbe der Kiewer Rus’ mit Russland und Belarus. Diese gemeinsamen Elemente stellten eine Herausforderung für die Architekten des ukrainischen Geschichtsnarratives dar, die sich bewusst von Russland und der russischen Nation distanzieren wollten.[6] Der Konflikt mit Russland über das Erbe der alten Rus’ besteht bis heute. Doch wie wurden Hruschewskyjs Werke in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit seinem Tod 1934 rezipiert?

 

Abbildung 1.: Ukrainische Briefmarke zu Ehren Hruschewskyjs (1995)

In den Giftschrank verbannt

 Die sowjetische Ära brachte Herausforderungen für Hruschewskyjs Erbe mit sich. In den Jahren der Sowjetunion wurde seine Arbeit einer ideologischen Vereinnahmung ausgesetzt. Die kommunistische Führung versuchte, Hruschewskyjs Beitrag als Teil eines übergeordneten sowjetischen Narrativs zu interpretieren. Seine Rolle als Präsident der Ukrainischen Volksrepublik wurde dabei marginalisiert oder verzerrt. Diese Lesart war jedoch nicht von Dauer, da Hruschewskyj aufgrund seiner Rolle als Initiator einer eigenständigen ukrainischen Geschichte, die sich von der russischen abgrenzte, dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.[7] Hruschewskyjs Werke wurden seit den 1930er Jahren in den Giftschrank verbannt.[8] Nach 1956 gab es zaghafte Versuche einer Rehabilitation. Trotzdem blieb Hruschewskyj in Teilen der sowjetischen Gesellschaft ein Symbol des ukrainischen Nationalstolzes. Seine historischen Abhandlungen dienten in informellen Zirkeln weiterhin als stille Erinnerung an eine Zeit der nationalen Unabhängigkeit.

 

Konterfei auf Banknote

 Nach 1991 gewannen Hruschewskyjs Werke eine neue Bedeutung. Sie dienten nun als Grundlage für die Konstruktion einer unabhängigen nationalen Identität. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion befreite sich die ukrainische Geschichtswissenschaft vom Korsett der kommunistischen Historiographie, das stets die Freundschaft zum „großen russischen Brudervolk“ hervorhob. In diesem ideologischen Vakuum füllte sie sich zunehmend mit nationalen Inhalten und griff auf die Konzeption von Hruschewskyjs zurück, die bald kanonischen Charakter erlangte.[9] Dennoch brachten die postsowjetischen Jahre auch Herausforderungen mit sich. Die Frage nach Hruschewskyjs Rolle in der sowjetischen Ära und die Vereinnahmung seiner Arbeit erforderten eine kritische Reflexion. Die Ukraine stand vor der Aufgabe, sein Erbe von ideologischen Verzerrungen zu befreien und gleichzeitig seine historische Bedeutung anzuerkennen. Diskussionen über seine politischen Entscheidungen und die Frage, inwieweit er die Herausforderungen seiner Zeit bewältigen konnte, prägen die Debatte über Hruschewskyjs Nachwirken. Dennoch nimmt Hruschewskyj für die Ukrainer eine herausgehobene Stellung im kollektiven Gedächtnis als Gründervater der ukrainischen Nation ein. So ist es nicht verwunderlich, dass sein Porträt den 50-Hrywnja-Schein schmückt.

 

Abbildung 2: Hruschewskyj auf dem 50-Hrywnja-Schein

Fazit

 Als Historiker, Politiker und Visionär prägte Mychajlo Hruschewskyj nicht nur den Blick auf die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft seines Landes. Sein Erbe reicht von politischen Idealen über sowjetische Vereinnahmung bis hin zur Konstruktion einer unabhängigen Identität in der postsowjetischen Ära. Als politischer Denker und Akteur hinterließ er tiefe Spuren in der Geschichte der Ukraine. Seine historischen Erzählungen sind nicht bloß Chroniken vergangener Ereignisse, sondern Schlüsseltexte, die das kollektive Bewusstsein einer Nation prägten und ihn zum Nationalhelden gemacht haben. Die Debatte über Hruschewskyjs Rolle ist auch heute noch lebendig und regt dazu an, die Verflechtung von Geschichte, Politik und Identität in der Ukraine zu verstehen.

Fußnoten:

[1] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 627.

[2] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 9.

[3] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 24.

[4] Golczweski: Frank: Die Ukraine als erfolgreiches Nationsbildungsprojekt, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Bd. 64, H. 4. (2016), S. 640.

[5] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.

[6] Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 11.

[7] Lüdemann, Ernst: Bewegung in der Ukraine – von der „Ukrainisierung“ zur Unabhängigkeit, in: Osteuropa, Vol. 40. No. 9. (1990) S. 836.

[8] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.

[9] Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 628.


Literatur:

  • Kappler, Andreas: Das historische Erbe der Ukraine: Schichten und Element: Ein Essay, in: Osteuropa Vol. 60 (2010) S. 9-31.
  • Kappler, Andreas: Die Geschichte eines „geschichtslosen“ Volkes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 64 H. 4. (2016) S. 626-631.
  • Kappler, Andreas: Ungleiche Brüder Russland und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2017.
  • Lüdemann, Ernst: Bewegung in der Ukraine – von der „Ukrainisierung“ zur Unabhängigkeit, in: Osteuropa, Vol. 40. No. 9. (1990) S. 833- 848.
  • Golczweski: Frank: Die Ukraine als erfolgreiches Nationsbildungsprojekt, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Bd. 64, H. 4. (2016), S. 640- 645.

 

Bildquellen:

Abbildung. 1: https://de.wikipedia.org/wiki/Mychajlo_Hruschewskyj#/media/Datei:Ukraine_stamp_M.Hrushevsky_1995_50000k.jpg

Abbildung. 2: https://de.wikipedia.org/wiki/Mychajlo_Hruschewskyj#/media/Datei:50-uah-2019-1.png

Weiterlesen … Der Historiker als Held Mychajlo Hruschewskjs und die Geburt der ukrainischen Nationalidentität

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Die Sowjetunion und ihr „rotes Palästina“

Die Sowjetunion und ihr „rotes Palästina“

Was hätte es für das jüdische Volk bedeutet, wenn heute ein zweiter jüdischer Staat an einem völlig anderen Ort existieren würde? Den meisten Deutschen ist unbekannt, dass es eine solche Region bereits seit 90 Jahren gibt – in Sibirien, im fernen Osten Russlands. Seit Tomer Dotan-Dreyfus’ Roman „Birobidschan“ den Deutschen Buchpreis 2023 gewann, ist das Interesse an diesem Landstrich in Deutschland gewachsen. Doch stellt das sogenannte „Jüdische Autonome Gebiet (Oblast)“ mit der Hauptstadt Birobidschan eine Alternative zum zionistischen Israel in Palästina dar?

Der sozialistische Zionismus

Zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert erfuhren die Juden in Europa Vertreibung und Verfolgung. Besonders im Westen des Russischen Zarenreiches, im sogenannten „Ansiedlungsrayon“, litten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter brutalen Pogromen. Das Problem: Nur in diesem Landstreifen, der sich vom Schwarzen Meer bis zum Baltikum erstreckte, gewährte man ihnen ein Wohn- und Arbeitsrecht.[1] Der in Europa grassierende Antisemitismus führte vermehrt zu Überlegungen einer Staatsgründung eigens für Juden. Der Erste Zionistische Weltkongress in Basel von 1897 gilt gemeinhin als Startschuss für den modernen Zionismus, der die konkrete Schaffung eines jüdischen Staates auf dem Boden Palästinas zum Ziel hatte.[2] War die Region Palästina also alternativlos?

Nicht, wenn es nach der Parteiführung der 1922 gegründeten Sowjetunion ging. Die in Westeuropa und Nordamerika vorangetriebene Idee eines Staates Israel im britischen Mandatsgebiet Palästina brandmarkten die Bolschewiki als ein kapitalistisch-imperialistisches Projekt. Eine sozialistische Alternative dazu sollte in der Sowjetunion entstehen. Dieser Sowjet-Zionismus kann auf der Grundlage von zwei politischen Prinzipien erklärt werden.

Erstens wäre da die Schaffung eines jüdischen Staates innerhalb der Sowjetunion Teil der sogenannten „Korenisazija“, der Einwurzelungspolitik. Diese sah vor, allen nicht-russischen Völkern innerhalb der sowjetischen Grenzen eine eigene Region mit Autonomierechten zu gewähren, um ihre Kultur und Sprache zu fördern und diese zur Amtssprache zu erheben, um Minderheiten in den neuen Staat einzubinden. Des Weiteren entsprach dies dem sowjetischen Gegenentwurf zu Woodrow Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, der diesen zumindest eine gewisse Autonomie in Form eines sozialistisch-autonomen Staates innerhalb der Sowjetunion zugestand.[3] So sollte die Sowjetunion das Bild eines multinational getragenen Staates nach außen projizieren.

Zweitens verfolgte die Sowjetunion in den 1920er Jahren das Piemont-Prinzip. Im Falle der Ukraine sollten die in Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei lebenden Ukrainer in der sowjetisch-sozialistischen Ukraine das neue kulturelle Zentrum ihres Volkes sehen. Daher gewährte Moskau einigen Minderheiten einen besonders hohen Grad an Autonomie.[4] Die Ukraine und eben auch der neu geplante, sozialistisch-jüdische Staat sollten über die Landesgrenzen hinausweisende Strahlkraft entfalten und so die sowjetische Ideologie als überlegen präsentieren.

 

Neue Heimat Sibirien

Doch warum kam es gerade an der Grenze zu China zur Gründung der autonomen jüdischen Region? Ursprünglich waren Pläne für die Halbinsel Krim am Schwarzen und Asowschen Meer geschmiedet worden. Allerdings scheiterte das Projekt eines geplanten „Krim-Kalifornien“ vor allem am Widerstand der lokalen Bevölkerung, die um ihr Land und Besitz fürchtete und ihren friedlichen Protesten gewaltsame Übergriffe folgen ließen. Die sowjetischen Machthaber gaben den Protesten und der antisemitischen Stimmung der lokalen Bevölkerung schließlich nach, wodurch ab 1928 viele Siedlungsprojekte auf der Krim vorerst eingestellt wurden.[5] Stattdessen entschied sich die sowjetische Führung für ein dünn besiedeltes Gebiet an der fernöstlichen Peripherie der Union. Hier, am Fluss Amur, nur mit der transsibirischen Eisenbahn erreichbar, sollten die Juden als Bauern siedeln. 1934 wurde die Region offiziell zur jüdisch-autonomen Region erklärt und damit zur neuen Heimat der sowjetischen Juden mit (zunächst) freier Religionsausübung, jiddischer Kultur und Jiddisch als Amtssprache. Man wählte Jiddisch einerseits, da es die Alltagsprache der Mehrheit der europäischen Ostjuden war, und andererseits, um sich vom zionistischen Israel und der traditionellen hebräischen Sprache, dessen Beherrschung u. a. zum Lesen der Tora nötig war, abzusetzen.[6]

Abb. 1: Karte Russlands. Die Jüdische Autonome Region ist an der russisch-chinesischen Grenze verortet. Mit rund 36.000 km² Fläche ist sie in etwa so groß wie Baden-Württemberg.

Die Sowjetunion wollte mit der Besiedlung der Grenzregion auch der potenziellen Gefahr einer chinesischen oder japanischen Übernahme der Region vorbeugen. In der angrenzenden und seit 1932 von Japan besetzten Mandschurei lebten in den 1930er Jahren etwa 30 Millionen Menschen, während Sibirien nur dünn besiedelt war. Zumindest bis in die frühen 1920er Jahre gab es eine stetige Niederlassung von chinesischen Migranten im russischen Grenzgebiet, konzentriert auf die Flüsse Amur und Ussuri, was Moskau als Bedrohung für die sowjetische Souveränität wahrnahm.[7] Infolgedessen plante Moskau, Menschen aus dem Westen der Sowjetunion in dieser Region anzusiedeln.

Allerdings stellten fehlende Infrastruktur, die Isolation und die begrenzten ökonomischen Möglichkeiten die ab 1928 ankommenden Neusiedler vor enorme Herausforderungen. Das raue Klima und die Urbarmachung der Böden waren für unerfahrene Bauernfamilien kaum zu bewältigen.

Abb. 2: Die Fotografie zeigt einige der neuen Siedler während der frühen Phase der Besiedlung der Region.

Der 1936 veröffentlichter Propagandafilm „Seekers of Happiness“, oder auch „Birobidzhan, A Greater Promise“, entfaltet eine eindrucksvoll detaillierte Darstellung der sowjetischen Vision für das jüdische Volk.[8] Die Gebietshauptstadt Birobidschan erscheint darin als sozialistisches Paradies, in dem Juden ein freies und sicheres Leben führen können. Im Zentrum des Films steht eine sich in Birobidschan ansiedelnde jüdische Familie, die auf ihrer Suche nach einem glücklichen Leben eine ganze Reihe von Hürden überwinden muss, darunter das Aufeinandertreffen der jüdischen auf die mehrheitlich russische Kultur, die Ablösung religiöser durch säkulare Institutionen und ihr harter Kampf gegen die Armut durch ihre Transformation zu produktiven Bauern. Gleichwohl erschien der Film nicht in jiddischer, sondern in russischer Sprache, was ein gängiges Mittel darstellte, um wirksam im gesamten Land über die vermeintlich guten Zustände propagandistisch informieren zu können. Es existierte sogar eine Version mit englischen Untertiteln, wahrscheinlich um Hilfsorganisationen aus dem Ausland, vor allem aus den USA, zu Hilfszahlungen für das Birobidschan Siedlungsprojekt zu bewegen.

 

Abb. 3: Das Filmposter des Propagandafilms "Seekers of Happiness. A Greater Promise", 1936.

Kein zweites Palästina

Wie erfolgreich war das Projekt „Rotes Palästina“? Wie autonom und „jüdisch“ war das Gebiet? Stellte es tatsächlich eine sozialistische Alternative für einen jüdischen Staat neben Israel dar?

Schon 1935, ein Jahr nach seiner offiziellen Gründung, wurden Religionsfreiheit und Autonomie eingeschränkt, woraufhin Synagogen und jüdische Geistliche immer wieder zu Zielen staatlicher Repression wurden. Josef Stalin lehnte das Ersuchen zur Migration von zigtausenden von Juden Mitte der 1930er Jahre ab, darunter ein großer Teil deutscher Juden, die aus dem faschistischen Deutschland hatten fliehen wollen.[9] Doch diejenigen, die tatsächlich in die Sowjetunion migrieren konnten, zogen in den wenigsten Fällen nach Birobidschan.[10] Und nicht nur das: Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg sind zahlreiche jüdische Geistliche und Bewohner der Region deportiert oder hingerichtet worden.[11] Während die Kultur weiterhin vom Jiddisch geprägt war, fiel alles Religiöse zum Opfer. 1950 wurde die letzte Synagoge zerstört.[12] Tatsächlich lebten Mitte der 1930er Jahre bloß 32.000 Juden im Jüdischen Autonomen Gebiet – nur etwa jeder fünfte Bewohner war Jude.[13]

Schon mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schwand die Bedeutung Birobidschans als jüdisches Zentrum. Nach dem Krieg emigrierten viele Juden und suchten eine neue Heimat außerhalb der Sowjetunion, ein beliebtes Ziel: Israel. Die letzte Volkszählung von 2010 ergab, dass in der gesamten Region noch etwa 1.600 Juden leben – von insgesamt 176.000 Einwohnern.[14] Das entspricht nicht einmal einem Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Projekt scheiterte demnach, bevor es richtig begonnen hatte. Die Wahl des Ortes ist bemerkenswert; Sie geschah fernab jeglicher Verwurzelung des jüdischen Lebens, jedoch ebenso fern von den antisemitischen Pogromen der Vergangenheit. Maßgeblich für Stalins Entscheidung war wohl eher die  Schaffung einer sozialistischen Alternative zum zionistischen Israel aus ideologischen Gründen und zugleich die Besiedlung des dünn besiedelten Sibiriens aus sicherheitspolitischen Motiven. Dennoch wurde die Region seit ihrem Bestehen weder jüdisch noch autonom.

Fußnoten:

[1] Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden, 6. Auflage, München 2008, S. 80-82.

[2] Keßler, Mario: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung. 1897 bis 1933, Berlin 1990, S. 25-29, im Folgenden als: Keßler: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung.

[3] Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, New York 2001, S. 10-12; S. 4-7, im Folgenden als: Martin: The Affirmative Action Empire.

[4] Martin: The Affirmative Action Empire, S. 8f.

[5] Kuchenbecker, Antje: Zionismus ohne Zion. Birobidžan: Idee und Geschichte eines jüdischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000 (DOKUMENTE – TEXTE – MATERIALIEN. Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin, 32), S. 112, S. 122f., im Folgenden als: Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion.

[6] Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion, S. 145.

[7] Siegelbaum, Lewis H.: “Yellow Peril”. Chinese Migrants in the Russian Far East and the Russian Reaction before 1917 (Modern Asian Studies Bd. 12, 2), Cambridge 1978, S. 307-330, S. 318-328.

[8] Schastya, Iskateli; Korsh-Sablin, Vladimir: Seekers of Happiness, UdSSR 1934.

[9] Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion, S. 173-175.

[10] Keßler: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung, S. 167.

[11] Jegorow: Jüdischer Staat im Fernen Osten, online.

[12] Urbansky, Sören: An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland, München 2021, S. 309.

[13] Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (Memento vom 1. Juni 2012 im Internet Archive), online: http://www.gks.ru/free_doc/new_site/population/demo/per-itog/tab7.xls, abgerufen am 07.01.2024, im Folgenden zitiert als: Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten, online.

[14] Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten, Zeilen 1110-1117, online.


Quellenverzeichnis:

  • Bevölkerung der russischen Gebietseinheiten nach Nationalität 2010 (Memento vom 1. Juni 2012 im Internet Archive), online: http://www.gks.ru/free_doc/new_site/population/demo/per-itog/tab7.xls, abgerufen am 07.01.2024.
  • Film: Искатели счастья (Iskateli sčast'ja), 1936.

Literaturverzeichnis:

  • Haumann, Heiko: Geschichte der Ostjuden, 6. Auflage, München 2008.
  • Keßler, Mario: Zionismus und internationale Arbeiterbewegung. 1897 bis 1933, Berlin 1990.
  • Kuchenbecker, Antje: Zionismus ohne Zion. Birobidžan: Idee und Geschichte eines jüdischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000 (DOKUMENTE – TEXTE – MATERIALIEN. Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin, 32).
  • Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, New York 2001. [S. 1-28]
  • Schastya, Iskateli; Korsh-Sablin, Vladimir: Seekers of Happiness, UdSSR 1934.
  • Siegelbaum, Lewis H.: “Yellow Peril”. Chinese Migrants in the Russian Far East and the Russian Reaction before 1917 (Modern Asian Studies Bd. 12, 2), Cambridge 1978, S. 307-330.
  • Urbansky, Sören: An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland, München 2021.

Medienverzeichnis:

Abbildung 1: Position der jüdischen Autonomen Oblast (Provinz), 2011, online: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jewish_in_Russia.svg?uselang=de, abgerufen am 07.01.2024.

Abbildung 2: „Poselok na beregu.“ – Fotografie von Birobidschan von zw. 1929 und 1931, unbek. Fotograf, veröffentlicht 1933 in: "Биробиджан в 1929 - 1931 годах", online: https://www.loc.gov/resource/gdclccn.2018683123/?r=0.096,0.104,0.78,0.586,0, abgerufen am 5.01.2024.

Abbildung 3: Filmposter von Искатели счастья, 1936, Online: https://www.kinopoisk.ru/picture/2381292/#, abgerufen am 19.11.2023.

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Stalins Spiel mit dem Hunger

Stalins Spiel mit dem Hunger: Holodomorein Genozid?

„We walked around like skeletons. Our bodies were glowing and we looked as though we had been pumped up. That is how we were. It was terrible, truly terrible! Nobody paid any attention to anything. No attention at all.“[1]
- Klavdia Semianiv, Überlebende der Hungersnot

Tod durch Hunger – Als Resultat staatlichen Handelns, manifestierte sich 1932/1933 im sogenannten „Holodomor“, einer Hungersnot in der ukrainischen Sowjetrepublik und weiteren Regionen der UdSSR manifestierte. Der Begriff birgt mehr als nur den Verlust von Menschenleben. Eine differenzierte Betrachtung enthüllt die vielschichtige Geschichte der Hungersnot. Zwar ist unumstritten, dass der Holodomor eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts war. Nichtsdestotrotz wird dieser Umstand von der Kontroverse um seine Definition überschattet. Diese Debatte, bei der die Frage nach Schuld und Intention im Mittelpunkt steht, erhitzt bis heute die Gemüter: Handelte es sich bei dem Holodomor um einen Genozid?

Abb. 1: Fußgänger und Leichen verhungerter Bauern auf einer Straße in Charkiw, 1933

Zunächst stellt sich die Frage, wie es in der Ukraine – der „Kornkammer Europas“ – zu einer solch verheerenden Hungersnot kommen konnte. Die Leidensgeschichte der ukrainischen Bauern beginnt mit der Ausrufung des ersten Fünf-Jahres-Plans im Jahr 1928. Die bis dato größtenteils von Agrarwirtschaft geprägte Sowjetunion sollte binnen kürzester Zeit zur Industriemacht werden. Den Tribut für dieses Ziel sollten vor allem die Bauern zahlen. Ab Ende 1929 kam es zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Der Privatbesitz an Boden und Vieh wurde abgeschafft. Die Bauern wurden in Kollektivbetrieben, den sogenannten Kolchosen, organisiert, denen ein Produktionssoll auferlegt wurde, welches sie zu staatlich festgelegten Preisen abliefern mussten. Viele Bauern versuchten sich gegen die Zwangskollektivierung und die utopischen Abgabeziele zu wehren. Durch verzweifelte Protestaktionen, wie das Abschlachten von Vieh und der Zerstörung ihrer Gerätschaften, versuchten selbstständige Bauern sich erfolglos der Regierung zu widersetzen. Zusätzlich führten schwere Dürren 1931 und 1932 zu umfangreichen Missernten.[2]

 

Die Erträge reichten nach den Zwangsabgaben nicht einmal für die Ernährung der sowjetischen Bevölkerung. Dennoch wurde das Abgabesoll nur minimal gesenkt und die Sowjetunion lieferte ihre sogenannten Hungerexporte weiter ins Ausland.[3]

Die Bauern konnten den geforderten Getreideabgaben nicht gerecht werden. Für Josef Stalin war es klar: Die sogenannten Kulaken, also Besitzbauern, die durch die Propaganda zum Klassenfeind erklärt wurden, sabotieren die Ernte.Sie stellten sich nach seiner Auffassung gegen die sowjetische Regierung und damit gegen ihn persönlich. Kurzerhand wurden die Kulaken zu Staatsfeinden erklärt und es wurde die Repressions- und Gewaltkampagne der Entkulakisierung eingeführt. Die vom stalinistischen Terror heimgesuchte Bauernschaft wurde in Arbeitslager gesperrt, an die sowjetische Peripherie deportiert oder ermordet.[4] Kulaken waren nach offizieller Lesart ideologische Feinde, die es aus dem Weg zu räumen galt. Jeder Bauer – egal ob reich oder arm – konnte als Kulake gebrandmarkt und somit zum sowjetischen Staatsfeind werden.[5]

Abb. 2: Ein abgemagerstes Pferd 1933 in der Ukraine.

Obwohl die sowjetische Regierung von der Hungersnot wusste, erhielten die betroffenen Regionen keinerlei Hilfe. Hungerflüchtlinge wurden abgefangen und zurück in ihre Dörfer geschickt. Teile der Ukraine wurden abgeriegelt und die Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen. Die Folge war der grausame Hungertod. Die Opferzahlen sind umstritten, nach konservativen Schätzungen sind 3,5 bis 4 Millionen Menschen in der ukrainischen Sowjetrepublik gestorben. Damit kamen rund 10 Prozent der Bevölkerung ums Leben, die Mehrheit von ihnen waren ukrainische Bauern.[6]

Die Debatte darüber, ob dieses Kapitel der Geschichte als Genozid, also als einen Versuch eine ethnisch definierte Menschengruppe ganz oder teilweise zu zerstören, zu klassifizieren ist oder nicht, öffnet Türen zu tiefgreifenden Diskussionen über Interpretation, Intention und Deutung.

Jörg Ganzenmüller und andere westliche Historiker, aber auch viele russische Historiker sehen im Holodomor keinen Genozid. Ganzenmüller argumentiert, dass eine gezielte Herbeiführung der Hungersnot durch Stalin nicht nachweisbar sei. Vielmehr habe die Zwangskollektivierung eine Agrarkrise hervorgerufen, die dann in der besagten Hungerkatastrophe endete. Zwar wurde der Hunger als eine Disziplinierungsmaßnahme geduldet, es gab jedoch keine von langer Hand geplante Vernichtungsabsicht. Zudem war die Hungersnot kein spezifisch ukrainisches, sondern ein gesamtsowjetisches Phänomen. Im Wolgagebiet und im Kasachstan gab es ebenso Millionen Opfer.

Auch die Opfergruppen der Kollektivierungskampagnen ist unscharf: Unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit konnte jeder, der sich nicht der Politik und der Ideologie Stalins beugte, zum Kulak und damit zum ideologischen Gegner Stalins erklärt werden. Die Bezeichnung Kulak spiegelt also nicht die realen Umstände wider, sondern war eher die Etikette  für jene Bauern, der sich der Kollektivierung widersetzten. Stalins Terror gegen die ukrainische Landbevölkerung war demnach unsystematisch sowie willkürlich und passt damit nicht ins Raster der gängigen Genoziddefinitionen.[7]

Abb. 3: "Der Horror der Ukraine. Offengelegt durch einen Touristen mit geheimer Kamera."
Titelseite der "Daily Express" vom August 1934.

Abb. 4: "Sechs Millionen verenden in sowjetischer Hungersnot. Die Ernte der Bauern wurde beschlagnahmt. sie und ihre Tiere verhungern."
Titelseite der Zeitung "Chicago American".

Auf der anderen Seite argumentieren Historiker wie Gerhard Simon, Anne Applebaum oder Raphael Lemkin, der Begründer der Genozid-Konvention, der Holodomor sei eindeutig ein Genozid. Sie argumentieren, dass Stalin den Hunger gezielt einsetzte, um ukrainisches Nationalbewusstsein zu brechen. Stalin sei sich dem Massensterben bewusst gewesen und grade darin liege die Vernichtungsabsicht. Das Instrumentalisieren des Hungers als Mittel der  Disziplinierung der Landbevölkerung verleihe der Katastrophe ihre Systematik.[8] Die Opfergruppe ist nach dieser Lesart genau definiert: Die „nationalistischen Ukrainer“, die Stalins Herrschaft potenzial untergruben.[9] Die Bolschewiki riegelten ukrainisches Gebiet ab, zwang die Bauern, sich ihrem Schicksal hinzugeben und enthumanisierten sie dadurch. Damit sei der Holodomor keine unvorhersehbare Katastrophe gewesen. Stattdessen sei sie eine von Stalin kontrollierte und provozierte Hungersnot mit dem Ziel, die Feinde der sowjetischen Ordnung zu vernichten.[10]

Die Frage nach Schuld und Zugeständnis überschattet die Fakten der Tragödie: Stalin ließ wohlwissend zu, dass Millionen von Menschen einen qualvollen Hungertod sterben mussten. Heute spielt der Umgang mit der Erinnerung an den Holodomor eine bedeutende Rolle für die ukrainischen Identität, auch wenn die Katastrophe international keine einheitliche Anerkennung als Genozid erhalten hat. Als Zeugnis der stalinistischen Tyrannei sollte die Erinnerung an den Holodomor uns dazu auffordern, unsere Erinnerungskultur zu stärken und sicherzustellen, dass das Leid der Vergangenheit nicht verblasst. Nur so können wir uns gegen wiederkehrende Muster von Unterdrückung behaupten.

Fußnoten:

[1] The Association of Ukrainians in Great Britain Limited. Grains of truth. A collection of UK materials on the Holodomor in Ukraine 1932-1933, London 2018, S. 33, im Folgenden zitiert als: Association of Ukrainians: Grains of truth.

[2] Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2023, S. 165-166f., im Folgenden zitiert als: Kappeler: Ungleiche Brüder.

[3] Simon, Gerhard: Der Holodomor als Völkermord. Tatsachen und Kontroversen, Mannheim 2007, im Folgenden zitiert als: Simon: Der Holodomor als Völkermord.

[4] Kappeler, Andreas: Kleine Geschichte der Ukraine, München 2019, S. 168.

[5] Zank, Wolfgang: Stille Vernichtung, in: Die Zeit 48 (2008), im Folgenden zitiert als: Zank: Stille Vernichtung.

[6] Zank: Stille Vernichtung.

[7] Ganzenmüller, Jörg: Stalins Völkermord? Zu den Grenzen des Genozidbegriffs und den Chancen eines historischen Vergleichs, in: Steinbacher, Sybille (Hg.): Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs, Frankfurt am Main/New York 2012, S. 150-155.

[8] Zank: Stille Vernichtung.

[9] Kappeler: Ungleiche Brüder, S. 169.

[10] Simon: Der Holodomor als Völkermord.


(Bild-)Quellenverzeichnis:

Abbildung 1: Wienerberger, Alexander: Entnommen aus dem digitalen Archiv WayBack Machine,  Zur Verfügung gestellt von Prof. Wassyl Marochka (Institut für Geschichte der Ukraine, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine), URL: https://web.archive.org/web/20191029203058/https://archives.gov.ua/Sections/Famine/photos.php?4#photo. Zuletzt geöffnet am 02.12.2023.

Abbildung 2: Fotografie eines abgemagerten Pferdes in der Ukraine. 1933. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Horse_of_Great_Famine_2.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

Abbildung 3: Titelseite der "Daily Express" vom 06. August 1934. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:6_aug_top_daily_express_Holodomor_Genocide.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

Abbildung 4: Titelseite der "Chicago American". URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holodomor-Chicago.jpg. Zuletzt geöffnet am 15.05.2024.

 

Literaturverzeichnis:

  • Ganzenmüller, Jörg: Stalins Völkermord? Zu den Grenzen des Genozidbegriffs und den Chancen eines historischen Vergleichs, in: Steinbacher, Sybille (Hg.): Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs, Frankfurt am Main/New York 2012, S. 145– 166.
  • Kappeler, Andreas: Kleine Geschichte der Ukraine, München 2019.
  • Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2023.
  • Simon, Gerhard: Der Holodomor als Völkermord. Tatsachen und Kontroversen, Mannheim 2007. https://web.archive.org/web/20180131023623/https://www.europaimunterricht.de/simon_holodomor_als_voelkerm.html?&MP=3707-9716. Zuletzt aufgerufen am: 18.12.2023.
  • The Association of Ukrainians in Great Britain Limited. Grains of truth. A collection of UK materials on the Holodomor in Ukraine 1932-1933, London 2018.
  • Zank, Wolfgang: Stille Vernichtung, in: Die Zeit 48 (2008), https://www.zeit.de/2008/48/A-Holodomor/komplettansicht. Zuletzt abgerufen am: 18.12.23.

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