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Aus der Geschichte der Russlanddeutschen

von Dr. Katharina Neufeld

Die Geschichte der Deutschen in Russland ist lang. Sie erstreckt sich über viele Jahrhunderte. Und so vielfältig, wie das Land und die dort lebenden Menschen sind, ist auch die Geschichte, die sich daraus entwickelte.

Russen und Deutsche waren schon früh miteinander verbunden, vor allem politisch, kulturell und wirtschaftlich. Die ersten regelmäßigen und andauernden Beziehungen nahmen frühhansische Kaufleute in der Mitte des 12. Jahrhunderts nach Nowgorod auf. Seit dem Mittelalter und bis ins 16. Jahrhundert kamen Deutsche in die Rus‘, also in das Ursprungsgebiet Russlands, viele von ihnen blieben dort. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts zog es viele Deutsche nach Moskau und ab Anfang des 18. Jahrhunderts vor allem in die aufstrebende Stadt Petersburg. Seit dem Einladungsedikt Katharinas II. 1763 zog es tausende Deutsche in die Weiten Russlands, um sich dort niederzulassen.

Bereits aus dieser kurzen Aufzählung wird deutlich: Die Geschichte der Russlanddeutschen ist nicht nur eine, sondern es sind viele, durchaus unterschiedliche Geschichte, die die Menschen prägten.

 

Wir unterscheiden heute vier Hauptgruppen:

  1. Die weitaus größte Gruppe der Deutschen in Russland waren die Nachkommen der Kolonisten, die in der Folge der Siedlungspolitik Katharinas II. nach Russland kamen. Laut einer Volkszählung aus dem 1897 gab es eine Million deutsche Kolonisten in Russland, das waren 56% aller in Russland lebenden deutschstämmigen Menschen. Von ihnen lebten 39% an der unteren Wolga, 37% im Schwarzmeergebiet, 17% in Wolhynien und 7% im Kaukasus sowie in Sibirien.
  2. Die deutschsprachige Bevölkerung der großen Städte, vor allem Petersburg und Moskau, machte ca. 9 % der Deutschen in Russland aus.
  3. Etwas 10% der deutschstämmigen Bevölkerung lebte in den Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland.
  4. 25%, also ein Viertel der Deutschen, lebte in den Weichselgouvernements, das war das ehemalige Russisch Polen (Andreas Kappeler / Die Deutschen im Rahmen des zaristischen und sowjetischen Vielvölkerreiches: Kontinuitäten und Brüche – In: Die Deutschen im Russischen Reich und im Sowjetstaat A. Kappeler; B. Meissner, G. Simon (Hrsg.) – Köln: Markus, 1987. S. 11.)

Im Folgenden konzentrieren wir uns auf die ersten beiden Hauptgruppen, also auf die Geschichte der deutschen Kolonisten sowie der deutschsprachigen Bevölkerung in den großen Städten.

Die städtischen Deutschen

Schon seit dem 15. Jahrhundert kamen deutsche Fachleute nach Russland. Es waren z. B.: Ärzte, Lehrer, Kanonenbauer.

Im 18. Jahrhundert, unter dem Zaren Peter dem Großen, setzte Russland zu einer großen und umfassenden Modernisierung des Landes an. Dazu wurden im Ausland Fachkräfte angeworben, auch und vor allem in Deutschland.

Diese Deutschen und ihre Nachkommen siedelten vor allem in den Städten. Ein Blick auf vier große Städte Russlands im 19. und beginnendem 20. Jahrhundert zeigt erstaunliche Zahlen:


Moskau

1912 hatte Moskau 1,5 Millionen Einwohner, davon waren 28.500 Deutsche. Damit waren die Deutschen nach den Russen die größte ethnische Gruppe. Alleine 13% der Kaufleute waren Deutsche.


Petersburg

1881 lebten in Petersburg 900.636 Menschen, darunter fast 50.000 Deutsche. Die Mehrheit davon, nämlich 37,3% arbeitet als Handwerker. 15% gehörten zum russischen Adel. Seit dem 18. und besonders dem 19. Jahrhundert sind immer mehr deutsche Unternehmer in Petersburg. Ihnen gehörte die Hälfte der Petersburger Süßwarenfabrikationen (Konditoreien, Schokoladen- und Zuckerfabriken), die Hälfte der Papier- und die Hälfte der Tabakfabriken sowie ein Drittel der Lederwaren- und der Hutfabriken.

Bis 1850 wurden in der damaligen russischen Hauptstadt 22 deutschsprachige Periodika gegründet. Bis 1914 kamen 30 weitere hinzu. Zu den ältesten Zeitungen Russlands zählt die „St. Petersburger Zeitung“. Sie erschien ohne Unterbrechung zwischen 1727 und 1914 und wurde von der Akademie der Wissenschaften herausgegeben.

Auch die ersten zwei evangelischen Gemeinden mit ihren Kirchen wurden bereits zur Zeit Peters des Großen gegründet.


Saratow

Mit der Zunahme der deutschen Bevölkerung an der Wolga entwickelte sich Saratow zur Hauptstadt der Wolgaregion. Durch private Initiative wurden hier Fortbildungs- und Hochschulkurse errichtet. Dieses Angebot wurde bis zur Oktoberrevolution 1917 aufrechterhalten. Auch in Saratow erschien eine deutsche Zeitung, die „Saratower Deutsche Zeitung“, und daneben einige religiöse Periodika.


Odessa

Wie Saratow entwickelte sich auch Odessa mit der zunehmenden Zahl an eingewanderten Kolonisten. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts war Odessa ein kleiner Ort mit 4.000 Einwohnern, die überwiegend von der Fischerei lebten, 1892 waren es schon 336.000 Einwohner. Unter den 10.000 bis 12.000 deutschsprachigen Einwohnern Odessas waren viele Handwerker. Aus dieser Tradition entstand später die Pflugfabrik J. Höhn, die größte der Ukraine. Insgesamt gab es in Odessa über 200 deutsche Geschäfte und Betriebe.

Ein Reporter der „Odessaer Zeitung“ schrieb 1863: „Überall, wo man hinsieht, elegante Aushängeschilder deutscher Wagenbauer, Schuhmacher, Drechsler, Schneider, Konditoren, Tischler, Bäcker, Uhrmacher, Magazinbesitzer, Photographen, Buch- und Steindruckereien.“

Eine Besonderheit war der „Lutherische Hof“, der geistige Mittelpunkt der Deutschen in Odessa. Der „Lutherische Hof“ war ein eigener Stadtteil. Er umfasste neben einer evangelischen Kirche mit 1.200 Plätzen zwei Pfarrhäuser, die St.-Pauli-Realschule, ein Waisenhaus und weitere Wohltätigkeitsanstalten und ein Altersheim. Außerdem gab es ein Krankenhaus mit deutschen Ärzten, das sowohl bei der deutschen als auch bei der russischen Bevölkerung sehr angesehen war.

Außer der evangelisch-lutherischen Kirche auf dem „Lutherischen Hof“ gab es in Odessa auch eine katholische, eine evangelisch-reformierte und eine Baptistenkirche.

Deutschsprachige Periodika waren die "Odessaer Zeitung" (1863-1914), der "Neue Hauswirtschaftskalender" und der "Odessaer Kalender" (1863-1915).


Andere Städte

In Charkow, Nikolajew, Dnjepropetrowsk (Jekaterinoslaw), Shitomir, Baku, Tiflis, Nishni-Nowgorod, Omsk, Irkutsk, Tomsk, Orenburg, Samara und 35 weiteren Städten lebten zwischen 500 und 5.000 deutschsprachige Einwohner. Sie gründeten ebenfalls eigene Geschäfte, Betriebe und Werkstätten. Sie hatten eigene Kirchen und Schulen und betrieben Wohltätigkeits- und andere Vereine.

Durch ihr Engagement in Verwaltung und Wirtschaft, im Schul- und Gesundheitswesen haben die Deutschen wesentlich zur Modernisierung Russlands beigetragen.


Staats- und Militärdiens
t

Zwischen dem Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts waren ca. 35.000 Deutsche im russischen Staats- und Militärdienst beschäftigt. 300 Deutsche bekleideten hohe Ämter als Gouverneure. Unter zwölf Finanzministern des Russischen Reiches waren allein fünf Deutsche.

1880 betrug der Anteil der Deutschen im diplomatischen Auswärtigen Dienst 57 %.

Viele Deutsche arbeiteten im Zentralapparat. Von 1835 bis 1902 stellten sie von achtzehn leitenden Verwaltungsbeamten elf und von acht Direktoren der Kanzlei fünf. (Siehe:

Einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik Russlands hatte auch der Reichs- und Staatsrat. Von den 215 Mitgliedern, die er zwischen 1894 und 1914 umfasste, waren 48 Deutsche, das entspricht 22%.

Im Ministerium des Inneren waren nur in Einzelfällen Deutsche in leitender Funktion tätig.

Seit der Regierungszeit Peters I. (1696-1725) dienten viele Deutsche im russischen Offizierskorps. Nach einem Erlass von 1721 wurden sie automatisch in den Adelsstand erhoben.


Akademie der Wissenschaft

Die Russische Akademie der Wissenschaften wurde 1724 von Peter I. in Petersburg gegründet.

Unter den 13 Mitarbeitern der ersten Akademie waren neun Deutsche. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte die Akademie 111 Mitglieder, darunter 67 Deutsche. Unter den 11 Präsidenten der Akademie vor 1914 waren fünf Deutsche.

Nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 wurden Deutsche aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen.


Großunternehmen

Deutsche Handwerker, Kaufleute, Unternehmer und Bankiers gewannen seit dem 17. Jahrhundert zunehmend an Einfluss im russischen Wirtschaftsleben. Sie pachteten oder erwarben russische Manufakturen, arbeiteten dort als Betriebsleiter oder gründeten eigene Betreibe.

Besonders viele Deutsche Unternehmen fanden sich in Archangelsk, Nowgorod und Moskau. Bekannt wurden z. B. der Maschinenbauer Gustav List, der Zementbetrieb von Emil Lipgardt oder der sogenannte Schokoladenkönig Julius Heuss mit seiner Schokoladenfabrik. Weitere Beispiele aus Moskau sind der Textilfabrikant Ludwig Rabeneke, der Bankier Johann Junker und die Firmen Ludwig Knopp sowie Wogau & Co.

Aus Petersburg kennt man den Süßwarenhersteller Leopold König, den Elektrotechnikbetrieb von Ernst Werner Siemens und die Eisengießerei von Franz Friedrich Wilhelm San-Galli.

Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jh. waren immer mehr deutsche Firmen in Russland vertreten. Sie gründeten eigene Niederlassungen oder investierten in Unternehmen. Zu ihnen gehörten so bekannte Firmen wie Singer & Co. und Siemens. Vor dem 1. Weltkrieg investierten 90 deutsche Firmen und 10 Banken in Russland. Sie machten damit ein Drittel aller Auslandsinvestitionen aus und trugen entscheidend zur wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung Russlands bei.


Gesundheitswesen

Die Begriffe „Deutscher“ und „Arzt“ oder „Apotheker“ waren in Russland lange Zeit ein Synonymen. Deutsche Ärzte waren in Russland schon vom 15. Jahrhundert tätig. Später begründeten sie medizinische Einrichtungen wie Apotheken oder Krankenhäuser.

1822 gab es in St. Petersburg 50 Apotheken, in denen 70 bis 90% des Personals von Deutschen gestellt wurden. Deutsche gründeten auch entsprechende Fachzeitschriften für Pharmazeutik und Medizin.

 

Die deutschen Kolonisten

Vor 250 Jahren war die Not in den deutschen Ländern groß. Die Bevölkerung litt unter Hunger und Kriegsfolgen. Die Bereitschaft war groß, die Heimat zu verlassen. Deswegen folgten viele Deutsche der Einladung Katharinas II. Katharina wollte bisher unbewohnte Regionen Russlands erschließen und sichern und versprach deswegen Menschen, die sich dort niederlassen wollten, u. a. eigenes Land, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst. Tausende Menschen folgten diesem Aufruf und gingen nach Russland.

Diese Menschen wurden als „Kolonisten“ bezeichnet. Die ersten von ihnen siedelten an den Ufern der Wolga in der Nähe der Stadt Saratow. Zwischen 1764 und 1773 entstanden hier 104 Kolonien mit ca. 23.216 Einwohnern.

1765 wurden - auf einen besonderen Erlass der Kaiserin hin - 110 deutsche Familien in der Umgebung von Petersburg angesiedelt. Hier entstanden zunächst drei Kolonien, die bis 1819 auf 14 Kolonien anwuchsen.

Der Generalgouverneur Neurusslands, Grigorij Potemkin, überließ Mennoniten Land am Ufer des Flusses Dnjepr. 1789 ließen sich dort 228 Familien in 18 Dörfern nieder. Eine zweite Siedlung mit 56 Dörfern wurde ab 1804 an der Küste des Asowschen Meeres angelegt.

Der Enkel Katharinas, Kaiser Alexander I. setzte die Siedlungspolitik im Sinne seiner Großmutter fort, auch wenn sich zeigte, dass die Einwanderung nicht so einfach zu organisieren und zu kontrollieren war wie geplant.

Von 1810 bis 1813 siedelten sich 762 deutsche Familien am Ufer des Molotschnaja an und gründeten 18 Kolonien.

Auch aus dem Herzogtum Warschau wanderten Deutsche nach Russland aus. 1.743 Familien wurden in Bessarabien, das damals zu Russland gehörte, angesiedelt. Sie gründeten 11 Dörfer.

Die ersten deutschsprachigen Siedler auf der Halbinsel Krim kamen 1804 aus der Schweiz.

1816 wollten 1.500 Familien in den Südkaukasus auswandern. 1.000 Familien blieben jedoch bereits in Odessa und in Bessarabien, so dass nur 500 Familien am Ziel ankamen. Sie gründeten dort die ersten sieben Kolonien.

Rund 500 Familien gründeten 1823 bis 1824 17 Dörfer nahe der Stadt Mariupol am Asowschen Meer. Bis 1842 zogen 100 weitere Familien dazu.

Anfang des 19. Jahrhunderts begann die russische Regierung, am Erfolg ihrer Siedlungspolitik zu zweifeln. Sie wies deswegen 1819 ihre diplomatischen Vertretungen im Ausland an, keine Einwanderungspapiere mehr auszustellen. Die Änderung verbreitete sich jedoch schlecht. Deswegen kamen weitere Einwanderer nach Russland.

In den 1830er Jahren siedelten die ersten deutschen Kolonisten in Wolhynien. Nach 1861 bis in die 1890er Jahre kamen weitere Siedler an. 1914 lebten hier über 200.000 Deutsche.

Die deutschen Auswanderer legten im russischen Reich zwischen 1764 und 1880 zehn deutsche Siedlungen an. Jede Siedlung umfasste mehrere Kolonien. Eine Kolonie entsprach einem Dorf. Die Kolonien lagen in den Verwaltungsbezirken Saratow, Samara, Petersburg, Jekaterinoslaw, Taurien, Cherson/Odessa, Wolhynien und im Kaukasus.


Verwaltung der Kolonien

In ihrer Einladung an die Kolonisten versprach Katharina II. den Menschen u. a. das Recht auf Selbstverwaltung ihrer Kolonien. Dieses Recht bestand bis 1871. Als oberste Behörde war die „Petersburger Kanzlei der Vormundschaft für Ausländer“ oder „Tutel-Kanzlei“ für die Einwanderer zuständig. Sie besaß die Rechte eines Ministeriums und galt als die höchste Instanz für die Kolonien. Die Tutel-Kanzlei sollte sich vor allem um den Empfang und die Verteilung der Einwanderer vor Ort kümmern. Dafür benötigte man auch Einrichtungen vor Ort.

So wurde ab 1766 ein „Fürsorgekontor“ in Saratow aufgebaut.

1800 wurde in Jekaterinoslaw ein „Kontor für ausländische Kolonisten“ eingerichtet, um die Einwanderer in Südrussland betreuen zu können.

Da die Zahl der Einwanderer stetig wuchs, wurde 1818 in Jekaterinoslaw das „Fürsorgekomitee für die ausländischen Ansiedler der südlichen Gebiete Russlands“ (Попечительный Комитет об иностранных поселенцах Южного края России) eingerichtet. 1820 zog diese Behörde nach Kischinjow und 1833 weiter nach Odessa, wo sie bis 1871 bestand. Das Fürsorgekomitee war zuständig für Verwaltung, Rechtsprechung, Kontrolle, Polizei, Landvermessung, Ansiedlung sowie für die Landwirtschafts- und Gewerbeaufsicht.

Die Kolonien wurden vor Ort von Inspektoren verwaltet, die vom Fürsorgekomitee entsendet wurden. Daneben gab es Bezirks- und Gemeindeämter, die von Schulzen und Beisitzern geleitet wurden. Diese wurden von den Kolonisten gewählt, mussten aber vom Fürsorgekomitee bestätigt werden.

Nach 1871 wurden die Kolonisten der allgemeinen russischen Verwaltung unterstellt. Kreise und Gouvernements verfügten über Selbstverwaltungsorgane, die sogenannten „Semstwo“. Die Kolonisten konnten in die Semstwo der Kreise gewählt und in die der Gouvernements delegiert werden. Dies führte dazu, dass sie sich aktiver am politischen Leben beteiligten.

Beispielsweise waren unter den vier Mitgliedern der Saratower Gouvernements-Verwaltung zwei Deutsche. Im Saratower Stadtrat der Wahlperiode 1913-16 stellten Deutsche 12 von 82 Abgeordneten. Damit waren die Deutschen im Stadtrat Saratows deutlich überrepräsentiert, denn nur 6,7 % der Stadtbevölkerung waren Deutsche.

Die deutschstämmigen Siedler engagierten sich auch im russischen Parlament: In die erste russische Duma 1906 wurde Heinrich Schellhorn aus dem Gouvernement Samara und Jakob Dietz aus dem Gouvernement Saratow gewählt. In die zweite Duma wurde Alexander Kling aus dem Gouvernement Samara gewählt. Der dritten Duma gehörten Nikolaj Rothermel aus Samara und Konstantin Grimm aus Saratow an (Alfred Eisfeld / Die Russlanddeutschen.2. erweiterte Ausgabe – München: Langen Müller, 1999, S. 67).


Wirtschaftliche Entwicklung

„Die Kolonisten sind unsere Amerikaner, die die wüste Steppe in herrliche Dörfer mit Gärten und Fluren verwandeln, unsere kapitalistischen Landwirte, die von Jahr zu Jahr reicher werden und immer mehr Land einnehmen und ihm Wert zumessen und den Preis der Arbeit durch ihre außergewöhnliche Nachfrage maßlos erhöhen. Die völlige Überzeugung von der Notwendigkeit der Arbeit, die Einfachheit des Lebens, die bis zum Stoizismus reicht, das Bewusstsein des sozialen Vorteils gegenseitiger Unterstützung und der Pflichten gegenüber der Regierung kennzeichnet sie.“ (Detlef Brandes / Von den Zaren adoptiert - München, 1993, S. 454). Mit diesen Worten beschreibt ein russischer Generalstabsoffizier 1863 die deutschen Siedler und ihren wirtschaftlichen Erfolg.

Die Siedler waren aber nicht in allen Kolonien gleich erfolgreich. Ein Grund dafür war die Landverteilungsordnung.

An der Wolga behielt die Gemeinde das Grundeigentum. Die Kolonisten durften ihre Höfe weder verkaufen noch verpfänden. In regelmäßigen Abständen verteilte die Gemeinde außerdem die Felder neu. Wie sie verteilt wurden, richtete sich nach der Zahl der erwachsenen männlichen Einwohner. Die Landanteile wurden so immer kleiner und die Motivation der Kolonisten verständlicherweise immer geringer. Erst die Stolypinsche Landreform 1906 konnte die Situation für die Bauern an der Wolga verbessern.

Im Schwarzmeergebiet wurde das jeweilige Landstück ungeteilt an ein Kind vererbt, die anderen Kinder erbten nicht. So wuchs die Menge der landlosen Menschen, die sich nicht ernähren konnten. Diesen Landlosen wurde ab der Reformzeit in den 1860er Jahren erlaubt, sich außerhalb der Kolonie eigenes Land zu kaufen oder zu pachten. Dadurch entstanden mehrere Tochterkolonien und –Siedlungen.

Das Lösen der Landprobleme führte auch zu neuem Engagement bei den Landwirten, die nun stetig die landwirtschaftliche Produktion verbesserten: Sie führten die Drei- und Vierfelderwirtschaft mit Schwarzbrache ein, sie düngten regelmäßig mit Stallmist, sie bewässerten ihre Felder, vor allem im Gartenbau, sie führten die Kartoffel ein, sie nutzen neue Geräte wie z. B. den mehrscharigen Schäler („Bugger“), die Egge mit eisernen Zähnen und die Erntemaschine (russ. „Lobogrejka“). Außerdem züchteten sie Merinoschafe und die rote deutsche Kuh, eine Kreuzung aus der friesischen Kuh und der ukrainischen Steppenkuh.

Und der Erfolg stellte sich ein: Allein die Wolgakolonisten erzeugten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu 320.000 Tonnen Getreide pro Jahr und erzielten dadurch 50 - 60 Millionen Rubel. Aus Russland wurden 1856/60 im Durchschnitt 609.600 Tonnen Getreide exportiert, wovon 90 % aus den südlichen Häfen verschifft wurden.Der Tabakanbau an der Wolga erzeugte 1880 bis zu 1.600 Tonnen Tabak. Der in den Südkaukasus-Kolonien erzeugte Wein betrug vor 1914 ein Sechstel der gesamten Weinproduktion Russlands.

Auch die Handwerker in den Kolonien waren erfolgreich. Sie produzierten nicht nur für die Kolonisten, sondern auch für die russischen Nachbarn. 1852 bauten die Handwerker im Schwarzmeergebiet zum Beispiel 2.634 Pferdewagen, nicht nur für die Landwirte, sondern auch für das russische Militär.

Handwerker und Landwirte taten den Regionen und Gesamtrussland gut: Sie förderten die wirtschaftliche Entwicklung und sie verbesserten die landwirtschaftlichen Geräte und die Anbaumethoden erheblich. Allerdings konnten sich die wenigsten Familien regelmäßig Handwerker leisten. Deswegen wurden viele handwerkliche Arbeiten, gerade auf dem Land, von den Menschen selbst ausgeführt.

Die ersten Kolonisten bekamen finanzielle Darlehen von der russischen Regierung. Nach 1850 hatten die meisten ihre Staatskredite zurückgezahlt und waren schuldenfrei. Das frei gewordenen Kapital und die Einnahmen aus der Verpachtung von Land wurden in die Fabrikation landwirtschaftlicher Produkte investiert. In den Regionen, in denen Deutsche lebten, entstand mehr Industrie als in anderen Gegenden Russlands. 1911 gab es 140 russlanddeutsche Betriebe, die landwirtschaftliche Maschinen und Geräte produzierten. Das war ungefähr ein Viertel der gesamtrussischen Produktion (Ingeborg Fleischhauer/ Die Deutschen im Zarenreich /. - Stuttgart, 1984, S. 326; Von den Zaren adoptiert./ Detlef Brandes. - München, 1993, S. 263). Der Ausbau des Eisenbahnverkehrs führte dazu, dass sich große Gebiete Südrusslands dem Weltmarkt anschlossen. Immer größere Flächen wurden im Süden bebaut. Besonders im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die wirtschaftliche Lage erfolgreich.


Demographische Entwicklung

Die Zahl der Kolonien wuchs: Bis zum Jahr 1890 gab es an der Wolga insgesamt 198 (Dittmar Dahlmann, Ralph Tuchtenhagen / Zwischen Reform und Revolution, Die Deutschen an der Wolga 1860-1917 – Essen: Klartext, 1994. S. 34) und im Schwarzmeergebiet 919 Kolonien (Nemcy Rossii, Énciklopedia, Bd. 2. – Moskwa: ÉRN, 2004, S. 149). Die Zahl der Menschen wuchs ebenfalls:

  • im Kaukasus von 2.864 im Jahr 1850 auf 12.059 Menschen 1913
  • an der Wolga von ca. 24.000 auf 402.037 Menschen Ende des 19. Jahrhunderts

Auch der Landbesitz der Russlanddeutschen vergrößerte sich beträchtlich: allein im Schwarzmeergebiet und an der Wolga auf über 5,5 Millionen Hektar (Dietmar Neutatz /Die „deutsche Frage“ im Schwarzmeergebiet und in Wolhynien, Politik, Wirtschaft, Mentalitäten und Alltag im Spannungsfeld von Nationalismus und Modernisierung (1856-1914) – Stuttgart: Steiner, 1993, S. 72, 268-269; Nemcy Rossii, Énciklopedia, Bd. 2. – Moskwa: ÉRN, 2004, S. 150).


Der innere Feind

Alexander II. führte ab 1871 verschiedene Reformen durch, mit denen der Sonderstatus der deutschen Siedler aufgehoben werden sollte. So wurde z. B. der Militärdienst wieder verpflichtend und Russisch als Amts- und Schulsprache eingesetzt. Dies führte dazu, dass viele Russlanddeutsche das Land verließen; sie wanderten bevorzugt nach Nord- oder Südamerika aus.

Die russische Gesellschaft betrachtete die Entwicklung der deutschen Siedler zu dieser Zeit mit großer Sorge. Die stetig zunehmende Zahl der Kolonisten und ihr wirtschaftlicher Erfolg ließen Neid auf die Nachbarn aufkommen. Nach der Niederlage im Krimkrieg verstärkte sich der großrussische Nationalismus, der panslawistische Gedanke gewann viele Freunde. Dazu kam die zunehmende Entfremdung zwischen dem Deutschen Reich und Russland vor allem in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts und vor dem Ersten Weltkrieg.

Am Ende des 19. Jahrhunderts gerieten die deutschen Kolonisten zunehmend unter öffentlichen Druck. So forderte die nationalistische Presse seit 1883, die Regierung möge etwas gegen die „friedliche Eroberung“ des Südwestgebietes durch die Deutschen unternehmen: Der deutsche Landerwerb und die auffällige Widersetzung gegen die Integration in die russische Gesellschaft wurden angeprangert. Die Versuchung war groß, die Kolonisten als Sündenböcke für ungelöste Probleme der russischen Agrarpolitik darzustellen und so die sozialen Spannungen auf dem Land auf den Kampf gegen den ‚nationalen Feind‘ abzuleiten.

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Damit änderte sich das Leben der Russlanddeutschen schlagartig: Über 300.000 von ihnen dienten in der russischen Armee, das waren immerhin 2 % aller eingezogenen Männer. Die Mennoniten kämpften aus religiöser Überzeugung nicht. Über 15.000 von ihnen arbeiteten in den Lazaretten und Spitälern der Armee.

1914 verlor die russische Armee eine wichtige Schlacht gegen Deutschland. Daraufhin wurden die deutschstämmigen Soldaten von der West-Front abgezogen und an die Kaukasus-Front verlegt.

Während des Krieges wuchsen die Zweifel der russischen Regierung und Armeeführung an der Loyalität der deutschen Siedler. Vor allem im Alltag bekamen die Menschen die Veränderung zu spüren. Die Deutschen galten nun als ‚innerer Feind‘. Um diesen Feind zu bekämpfen, beschloss die Regierung im Laufe der Kriegsjahre, tausende Wolhyniendeutschen in den Osten des Landes zu deportieren. Es wurde verboten, die deutsche Sprache zu sprechen oder auf Deutsch zu unterrichten; Versammlungen von Russlanddeutschen wurden verboten; Unternehmen, an denen Deutsche beteiligt waren, wurden aufgelöst; die deutsche Presse wurde verboten; alle deutschen Ortsnamen wurden in russische umbenannt.

1914 fanden in Petrograd und 1915 in Moskau Pogrome, gewaltsame Massenausschreitungen, gegen Deutsche statt. Die russische Regierung verabschiedete 1915 zwei Gesetze, die bereits damals als ‚Liquidationsgesetze‘ bezeichnet wurden: Die deutschen Landbesitzer sollten demnach bis 1917 ihr Land dem Staat übergeben. Das wurde allerdings nicht mehr umgesetzt, denn kurz darauf dankte der Kaiser Nikolaus II. ab und die folgende provisorische Regierung setzte die Gesetze wieder außer Kraft. Unter diesen Umständen bedeuteten die Februarrevolution 1917 und die Garantie der Bürgerrechte durch die Provisorische Regierung für viele Deutsche zunächst die Rettung vor Gefahr an Leib und Leben.


Bürger der Sowjetunion

Ende Oktober 1917 eroberten die Bolschewisten die Macht. Die Deutschen wurden nun automatisch Bürger der russischen Sowjetrepublik und mit der Gründung der UdSSR 1922 Bürger der Sowjetunion. Ihr rechtlicher Status unterschied sich nicht von den anderen Nationalitäten.

Am 19. Oktober 1918 setzte Lenin seine Unterschrift unter das Dekret über die Errichtung der "Arbeitskommune der Deutschen des Wolgagebiets". Anfang 1924 wurde die Republik der Wolgadeutschen mit der Hauptstadt Engels (früher Pokrowsk) gegründet.

In der Ukraine wurden im folgenden Jahr aus den deutschen Kolonien fünf Landkreise (Rayons) eingerichtet, bis 1931 kamen drei hinzu. Innerhalb der Sowjetunion entstanden seit den zwanziger Jahren im Kaukasusgebiet, in Sibirien (vor allem im Altaigebiet) und auf der Krim je ein deutscher Kreis. Außerdem bestanden in verschiedenen Regionen des sowjetischen Territoriums 550 deutsche Dörfer mit nationalen Sowjets. Sowjets sind Verwaltungsorgane der Sowjetbehörden. Immer öfter wurden die Deutschen als nationale Minderheit betrachtet, was für sie mit rechtlichen Nachteilen behaftet war. Was die politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung anging, so teilten die Deutschen das Schicksal der anderen Völker der Sowjetunion. Die Schrecken und Verwüstungen des bis 1921 tobenden Bürgerkrieges machten auch vor deutsch besiedelten Gebieten nicht halt. In der Ukraine etwa zogen die Fronten des Bürger- und Interventionskrieges immer wieder über große Landstriche hinweg und zwischendurch tobten sich anarchistische Terrortrupps aus.

Der Kriegskommunismus war die wirtschaftliche Zwangspolitik der neuen bolschewistischen Führung. Dazu gehörten erste Großaktionen zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Diese Zwangspolitik mit ihren Missernten führte auf dem Land zu Hungerkatastrophen von so gewaltigen Ausmaßen, dass vom Ausland Hilfsmaßnahmen in Gang gesetzt wurden. Die deutschen Bauern, die sich - wie die anderen - gegen die zwangsweise Requirierung von Vieh und Getreide durch die bolschewistischen Kommissare gewehrt hatten, mussten grausame Zwangs- und Strafmaßnahmen erleiden.

Zwar verschaffte die 1921 verkündete Neue Ökonomische Politik (NEP) für ein paar Jahre eine gewisse Erleichterung, indem sie privatwirtschaftliche Initiativen ermöglichte. Aber schon ab 1929 brach eine weitere Welle der Drangsalierung, die Stalinsche Politik der Fünfjahrpläne und die Kollektivierung der Landwirtschaft über die Menschen herein. Von den 14.000 Deutschen, die ihrem Schicksal durch Emigration zu entgehen versuchten, bekam nicht einmal die Hälfte die Genehmigung fortzugehen; die meisten trafen Verfolgung und schwere Strafen. Rund 50.000 deutsche „Kulaken“, ein abwertender Begriff für selbstständige Bauern, wurden deportiert.

Noch härter waren die Deutschen durch die "stalinschen Säuberungsaktionen" zwischen 1934 und 1939 betroffen. In manchen Ortschaften wurde mehr als die Hälfte aller deutschen Männer verhaftet.

Nach 1938 verschärfte sich die Assimilationspolitik. In der Schulpolitik wurde ein gravierender Umschwung vollzogen: Russisch und Ukrainisch als Staatssprache wurden Pflicht, Deutsch hingegen war als Unterrichtssprache verboten und wurde meist nur zwei Wochenstunden unterrichtet. In den deutschen Dörfern war es im Alltagsleben zwar erlaubt, deutsche Mundart zu sprechen. Aber viele Kinder und junge Menschen beherrschten die deutsche Sprache nun nicht mehr oder nur noch schlecht - während die Älteren die ihnen immer noch fremde russische Sprache nicht sprechen konnten.

Auch die sowjetischen deutschsprachigen Medien wurden verboten.


Zweiter Weltkrieg und stalinistischer Terror

Der Zweite Weltkrieg hat allen Völkern Europas unsägliches Elend gebracht. Einen besonders hohen Preis haben die Deutschen in der UdSSR zahlen müssen:

  • Von August 1941 bis Januar 1942 wurden 894.626 Angehörige der deutschen Minderheit aus dem europäischen Teil des Landes nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien deportiert. (Peter Rempel / Dportatsiya nemtsev iz evropeystoj chasti SSSR i turdarmiya po „soverchenno sekretnym“ dokumentam NKVD SSSR 1941 – 1944 godov / im Sammelband „Rossijskiye Nemtsy- Problemy istorii, yazyka i saovremennogo polozheniya. Materialy konferentsii – Moskau: Gotik, 1996, S. 69-96)
  • In der zweiten Phase der Deportation wurden die Deutschen am 17. März 1942 aus der Blockade von Leningrad deportiert.
  • Im September 1941 wurden die Deutschen in der Sowjetarmee in Baubataillone versetzt und in den Osten des Landes zur Zwangsarbeit gebracht.
  • Im Januar und Februar 1942 wurden die noch verbliebenen Männer, im Oktober auch die Frauen (nicht jedoch die Mütter von 1- bis 3-jährigen Kindern) in die so genannte Arbeitskolonne eingezogen.

Über 315.000 Deutsche mussten von 1942 bis 1945 in der Arbeitskolonne arbeiten. Das waren 9 % der gesamten Zwangsarbeiter, die den NKWD (Innenministerium) unterstellt waren (vgl. А. А. Герман, А. Н. Курочкин / Немцы СССР в трудовой армии (1941-1945) – Москва: Готика, 1998. Стр. 68). Die Menschen in der Arbeitskolonne arbeiteten wie in einem Gefangenenlager: unter strenger Bewachung, sie mussten Schwerstarbeit leisten und sie waren dem psychischem Druck ihrer Vorgesetzten ausgesetzt.

Mit dem Beginn des Hitler-Angriffs auf die Sowjetunion 1941 wurden die Deutschen in der Sowjetunion unter die Aufsicht der sogenannten Sonderkommandantur gestellt. Sie durften ihren Wohnort nicht ohne Genehmigung des Kommandanten verlassen. Von 1945 bis zum Sommer 1956 durften sie die Grenzen ihres Kreises nicht überschreiten. Die Verletzung dieser Vorschrift wurde mit 20 Jahren Zuchthaus bestraft. Laut Erlass des Obersten Sowjets vom 1948 waren die Deutschen "auf ewige Zeiten verbannt und der Sonderkommandantur unterstellt". Das war der Höhepunkt der Entrechtungspolitik der Deutschen in UdSSR.


Entspannung

1953 starb Stalin. 1955 besuchte Adenauer erstmals seit dem Krieg Moskau, diplomatische Beziehungen zwischen Moskau und Bonn wurden wieder aufgenommen.

In der Folge erließ der Oberste Sowjet der UdSSR am 13. Dezember 1955 das Dekret "Über die Aufhebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und ihrer Familienangehörigen, die sich in den Sondersiedlungen befinden".

Mit diesem Dekret wurde die Kommandantur abgeschafft, die Menschen durften sich wieder frei bewegen, konnten Verwandte und Bekannte besuchen. Sie durften jedoch nicht in ihre alten Wohnorte zurückkehren und auch keinen Anspruch auf ihr ehemaliges Vermögen erheben. Diese Vorschriften wurden erst 1972 geändert.

Viele Deutsche zogen nach der Aufhebung der Kommandantur aus den kalten Regionen Sibiriens und des hohen Nordens in wärmere Gebiete Mittelasiens und Kasachstans. Es gab wieder einige deutsche Zeitungen (1957 "Neues Leben" in Moskau, "Rote Fahne" 1955 im Altai). 1960 erschien der erste Sammelband deutscher Autoren. Schon seit 1944 knüpften Gläubige erste Kontakte zu Glaubensbrüdern im Ausland. Seit 1958 konnten deutsche Schüler wieder Deutsch als Muttersprache lernen.

Am 29. August 1964 verabschiedete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Beschluss "Über die Abänderung des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 über die Umsiedlung der Wolgadeutschen".

Mit diesem Beschluss wurden die Russlanddeutschen vom pauschalen Vorwurf des Verrats freigesprochen. Aber sie durften immer noch nicht in die alten Wohnorte zurückkehren oder die Autonome Wolgadeutsche Republik und die deutschen Rayons mit gemischt-nationaler Bevölkerung wieder herstellen.

Die großen Bevölkerungsverschiebungen, die Deportationen und auch die Binnenwanderungen nach 1954 veränderten sowohl die Wohngebiete als auch die Sozialstruktur der Deutschen. Die wirtschaftlichen Tätigkeiten änderten sich ebenso wie die sozialen, sprachlichen und kulturellen Bindungen und Orientierungen. So stieg der Anteil der deutschstämmigen Stadtbewohner in den Jahren 1947-57 von 15% auf 50 %. Der Anteil der deutschstämmigen qualifizierten Arbeiter in Industrie und Bergbau, der Ingenieure und Techniker, der Mediziner wie überhaupt der akademischen Berufe stieg steil an.

Hand in Hand ging damit jedoch auch ein fortschreitender Verlust an nationaler und kultureller Identität. Bei der Volkszählung 1989 ließen sich rund zwei Millionen sowjetische Einwohner als Deutsche eintragen. Von ihnen gaben jedoch nur 48,7% Deutsch als Muttersprache an. 1926 waren es noch 94,9%, 1939 noch 88,4 % und 1979 immerhin noch 57%.


Russlanddeutsche Auswanderung

Bis zum ersten Weltkrieg sind schätzungsweise 300.000 Deutsche aus Russland ausgewandert – hauptsächlich nach Amerika (Kanada, USA, Brasilien, Argentinien).

Der Erste Weltkrieg, die Liquidationsgesetzte, die Oktoberrevolution und deren Folgen, Enteignungen, Verbannungen 1929 bis 1932 und Verhaftungen 1934 bis 1939 unter Stalin, die Ereignisse und Schicksalsschläge durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen - das alles hat dazu geführt, dass die meisten Deutschen in der Sowjetunion keine Heimat mehr sahen. Seit den 1960er Jahren wollten zunehmend mehr Menschen auswandern: Bis heute sind über 4,5 Millionen deutschstämmige Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik eingewandert.

Die Einreise in die Bundesrepublik ist den Russlanddeutschen nach dem Bundesvertriebenengesetz möglich. Rechtlich werden sie als Aussiedler und Spätaussiedler aufgenommen. Die meisten von ihnen erhalten bereits nach einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Integration aber dauerte und dauert länger. Heute, nach über 25 Jahren, kann man sagen: Sie ist erfolgreich.

Besonders die Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Russlanddeutschen, so verschieden sie waren, durch ein Schicksal zusammengeschweißt. Ihre Geschichte ist eine andere als die der Deutschen aus Deutschland. Aber sie ist auch eine deutsche Geschichte.

 

Dr. Katharina Neufeld ist Historikerin und war bis zu ihrer Pensionierung Direktorin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte.


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